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Freitag, 15. Dezember 2017

Prüftechnik

Meisterhaft durchleuchtet

Von Harald Lachmann | 16. März 2017 | Ausgabe 11

Wenn in der Kunst Datierungen oder Echtheitsprüfungen notwendig werden, sind Naturwissenschaftler gefragt. Ein Besuch im Labor für Archäometrie.

Echtheit BU k (1)
Foto: H. Lachmann

Arbeitsteilig: Der Wissenschaftler Christoph Herms analysiert 30 Messpunkte, die die Restauratorin Susann Förster gekennzeichnet hat.

Respektvolle Erregung könnte die Stimmung im Palazzo Ragazzoni am 20. September 1581 beschreiben. Der reiche Patrizier Giacomo Ragazzoni empfängt mit seiner Familie Österreichs Kaiserin Maria. Die Szene stellte der Spätrenaissance-Maler Francesco Montemezzano einige Jahre später nach: Ein 20 m² großes Fresko – also ein auf den noch feuchten Putz gemaltes Bild – verewigte den Empfang im Palast. Doch als um 1900 eine teure Renovierung fällig wurde, ließen die Erben das Gemälde abnehmen, um es zu Geld zu machen. So gelangte es an einen sächsischen Kunstsammler und später in Dresdens weltberühmte Gemäldegalerie Alte Meister. Dort kleidet das einstige Fresko nun die Stirnseite eines Treppenhauses.

Was ist Archäometrie?

Heute, knapp 430 Jahre nach Entstehen, steht eine Restaurierung des opulenten Werkes an. Zerlegt in zwei Teile – jedes etwa 3 m hoch – füllt es eine ganze Wand in der Werkstatt des Dresdner Zwingers. Hier liegt es in den Händen von Diplomrestauratorin Susann Förster. Schon über Jahre beschäftigt sie sich mit dem Gemälde und kennt eine Reihe Auffälligkeiten, die nicht zum Duktus des Malers passen. Da lassen sich splitterartige Partikel im purpurnen Umhang eines Geistlichen nicht zuordnen. Da scheint manches Gesicht nachträglich überzeichnet zu sein. Und da finden sich Spuren von Bindemitteln, wie sie für ein Fresko, bei dem die Pigmente nur in Wasser angeteigt werden, untypisch sind.

Foto: H. Lachmann

Unter Beschuss: Das knapp 430 Jahre alte Fresko des italienischen Künstlers Montemezzano wird mit Röntgenstrahlen aus der „Art Gun“ durchleuchtet, um einzelne Pigmente der Malfarben identifizieren zu können.

„Offenbar wurden sie nachträglich aufgebracht – aber wann? Vor oder nach der Abnahme von der Wand?“, fragt sich Förster. Profunde Antworten auf diese für die weitere Restaurierung hinderlichen Rätsel könnten Naturwissenschaftler liefern. „Sie analysieren etwa die Zusammensetzung der Farbpigmente und ermöglicht damit Rückschlüsse auf die Entstehungszeit“, erläutert sie. Denn viele Substanzen oder Bindemittel sind nur für eine bestimmte Zeit signifikant.

Für heute ist ein solcher Naturwissenschaftler eingeladen: Christoph Herm ist Chemiker und ein führender deutscher Experte für Archäometrie im Kunstbereich. Das ist eine Forschungsdisziplin, die sich mit Materialanalyse und damit der Datierung und Authentizität etwa von Gemälden beschäftigt. Seit 2003 leitet Herm den Lehr- und Forschungsbereich für Archäometrie an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden.

Mit zwei Instrumentenkoffern tritt Herm durch die Werkstatttür und trägt sich ordnungsgemäß in das Besucherbuch der geheiligten Hallen ein. Der erste Apparat, den er aus einem der Koffer zieht, erinnert mit seinem wuchtigen Griff an eine futuristische Handfeuerwaffe, wie man sie aus dem Kino kennt. „Das ist gar nicht so falsch“, kommentiert der Professor, während er das Gerät auf dem Stativ arretiert. „In der Branche spricht man auch von der Art Gun.“

Nüchterner betrachtet ist es ein Gerät zur Röntgenfluoreszenzanalyse. Damit nimmt der Chemiker die Pigmente in den Malfarben unter Beschuss: Er richtet ionisierende Strahlen auf sie und macht sie so erkennbar. Denn ein Detektor misst nun ihre Streustrahlung. Und auf dem Monitor seines Laptops verraten sich die einzelnen Elemente in den Farbsubstanzen durch charakteristische Energie-Peaks: Kupfer schlägt halt anders aus als Kobalt, Chrom oder Arsen.

„Alles geschieht absolut zerstörungsfrei“, betont der Professor – und bitte die Anwesenden energisch darum, sich vom Gemälde zu lösen und ein, zwei Schritte hinter ihn zu treten. Denn inzwischen sitzt er vor einem Bildschirm und gibt per Fernsteuerung rotes Licht: Das Röntgeninstrument arbeitet. Um es bedienen zu dürfen, habe er sich als Sicherheitsbeauftragter ausbilden lassen, verrät er: „Sogar mit Prüfung!“ So achtet er nun pedantisch darauf, dass niemand in Strahlrichtung steht und sich selbst im Nachbarraum – also hinter der Wand mit dem Gemälde – während der Analyse keiner aufhält.

Genau 20 Messpunkte hat die Kunstexpertin Förster vorbereitet. Damit bekommt sie später flächendeckend ein Bild zu den verwendeten Pigmenten in diesem, wie sie sagt, „inhomogenen Gebilde aus Fresko, später zugefügter Seccomalerei sowie den beim Abnehmen von der Wand benutzten Klebemitteln“. Jeder analysierte Bereich umfasst nur 3 mm, erklärt Herm, während er sich am PC nach jeder Messung stets einen ersten Überblick verschafft: Welche Elemente lassen sich lokalisieren, in welcher Menge treten sie auf?

„Kalzium und Silizium rühren aus dem Mörtel“, sinniert er halblaut teils für sich, teils in Richtung der Restauratorin. „Kalium sicher auch. Das bissel Eisen gehört schon zum Pigment, ebenso Kobalt als farbgebendes Element, daneben finden sich auch Arsen, Bismut ...“

Plötzlich stutzt er: „So viel Bismut?“ Für den Experten eine ungewöhnlich große Menge. Fraglos rühre dies aus einem Pigment. Doch eine solch hohe Konzentration sei ihm noch nicht untergekommen. Sofort hat er zwei Hypothesen zur Hand: Entweder stammt das grobkristalline Metall aus Erzen, die dereinst in eine italienische Glasschmelze wanderten. Dann hätte die Restauratorin recht mit ihrer Vermutung, beim Pigment in den verblichenen Himmelspartien des Gemäldes handele es sich um Smalte – eine Art Kobaltglas, das in der Glasindustrie anfiel. „Dann wäre der Himmel im Bild ursprünglich deutlich kräftiger gewesen“, schlussfolgert sie. Oder aber es handele sich um eine spätere Übermalung mit einem künstlichen Pigment aus dem 19. Jahrhundert, überlegt Herm laut: „Da gab es dann auch bismuthaltige Weißpigmente.“

Für den Chemiker ist damit eines klar: Nur per Röntgenfluoreszenzanalyse lässt sich die Sache nicht klären. Zwar messe er damit bis 50 µm tief, doch sieht er „nur chemische Elemente, nicht aber Verbindungen“. Es bleibt ihm damit nur, eine winzige Probe Originalmaterial zu nehmen, um diese später im Labor unters Lichtmikroskop zu legen. „Anders kommen wir diesem Pigment nicht näher auf die Spur“, versichert der Professor mit Nachdruck. Offenkundig scheint nun auch sein wissenschaftlicher Ehrgeiz geweckt. Herm nickt: Wenn er und sein Team sich für solche externen Dienstleistungsaufträge gewinnen lassen, müsse schon „immer auch ein Forschungsanteil dabei sein“. Und gerade „untypische Erscheinungen“ wie die unvermutete Häufung von Bismut seien auch spannend mit Blick auf die Echtheitsbestimmung von Gemälden.

Immerhin waren es Chemiker wie er, die 2010 den raffiniertesten Kunstfälscher der deutschen Nachkriegsgeschichte zur Strecke brachten: 35 Jahre lange hatte Wolfgang Beltracchi große Maler wie Heinrich Campendonk, Max Ernst und Max Pechstein imitiert, ehe man ihn ganz profan enttarnte: Er hatte mit Titanweiß ein Pigment in eine Farbe gemischt, das es zu Lebzeiten eines der gefälschten Maler noch gar nicht gab.

Foto: H. Lachmann

Mehrteilig: Die Bestandteile der Farbpigmente verraten sich bei der Röntgenfluoreszenzanalyse durch jeweils eigene Energieausschläge.

Allein durch seine Analysen lasse sich selten absolute Echtheit nachweisen, betont Herm. Dies gelinge nur im engen Zusammenspiel von Restauratoren, Kunsthistorikern und Naturwissenschaftlern: „Wir liefern nur Argumente für oder gegen ein bestimmtes Alter oder manchmal einen Künstler.“ Entscheidend sei schließlich die gemeinsame Interpretation. „Denn eine Maschine, die einem sagt, dieses Gemälde ist von Picasso, wird es nie geben“, prophezeit er. Ihr Vorgehen sei eher mit der Beweissicherung und dem Sammeln von Indizien in der Forensik vergleichbar.

Foto: H. Lachmann

Kleinteilig: Das Stereomikroskop gewährt einen räumlichen Bildeindruck. So erkennt Herms, dass einzelne Partikel durch Eisen- und Kupferoxid rot eingefärbt sind.

Doch was die Archäometrie alles kann, zeigt sich Stunden später im hochmodernen Labor der Dresdener Kunsthochschule. Christoph Herm sitzt nun vor einem Polarisationsmikroskop. Die winzige Probe aus dem Renaissancegemälde hat er unter dem Lichtkegel platziert – so kann er sich nun eingehender in jene merkwürdige Häufung von Bismut vertiefen. Wie rote, violette und fast farblose Glassplitter wirken nun die mit bloßem Auge nicht zu erkennenden Pigmentpartikel in hoher Vergrößerung – und bestätigen sofort die Vermutung, dass sie aus verschiedenen Glasschmelzen stammen.

Anders als bei der Röntgenfluoreszenzanalyse zuvor in der Galerie sieht er nun die Farbschicht nicht nur als Ganzes, er kann einzelne, sehr kleine Pigmentteilchen gezielt anpeilen und ihre typischen, kristalloptischen Eigenschaften bestimmen. Zwei Türen weiter gibt Mitarbeiterin Sylvia Hoblyn die Probe anschließend erneut zum Beschuss frei: Mittels Elektronen werden die Atome in den Pigmenten wieder zur Interaktion gezwungen. „Die hierbei entstehende Röntgenstrahlung erlaubt uns sehr genau Rückschlüsse, welche anorganischen Bestandteile in den Glaspartikeln vorliegen“, berichtet die Wissenschaftlerin. Überraschenderweise stellt sich heute heraus, dass gerade die farblosen Glaspartikel den hohen Bismutgehalt aufweisen, während die roten durch Eisen- und Kupferoxid gefärbt sind. Damit ist die These der Restauratorin von wissenschaftlicher Seite bestätigt.

All diese Analysen geben Susann Förster schließlich hinreichende Genauigkeit, welche Farben auf dem Gemälde tatsächlich dem Pinsel von Francesco Montemezzano zuzurechnen sind und welche erst bei späteren Reparaturen hinzukamen. Jetzt kann sie ihre Behandlungstechniken darauf abstimmen und unter künstlerischen Aspekten entscheiden, „ob ich diese jüngeren Partien wieder reduziere oder in welche Richtung eine farbliche Restaurierung geht“.

Und auch Herm zieht seinen akademischen Gewinn aus der Arbeit. Denn sein Hochschullabor hat einen Forschungsschwerpunkt im sächsisch-böhmischen Bergbaurevier, wo man bis heute „extrem interessante Pigmente“ nachweisen könne. Die hier geförderten Erze – etwa Bismut- und Kobaltoxid – seien ab dem Spätmittelalter bis nach Italien exportiert worden. So auch für die Glasproduktion um Venedig, weiß er. Also schließe sich mit diesem Gemälde womöglich wieder der Kreis nach Sachsen.

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