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Mittwoch, 13. Dezember 2017

Porträt der Woche

Mond im Mann

Von Iestyn Hartbrich | 15. Juni 2017 | Ausgabe 24

Der Werkstoffingenieur Matthias Maurer ist Astronaut – und Kandidat für die erste bemannte Mondmission seit 1972.

BU Maurer
Foto: Ulrich Zillmann

Probeliegen? Eher Probestehen. Maurer im Nachbau des ISS-Moduls Columbus.

Wenn Fußballer groß rauskommen, sagen ihre Jugendtrainer oft Sätze wie: „Das hab ich damals in der D-Jugend schon gesehen.“ Über Matthias Maurer, den Neuen in der Riege der ESA-Astronauten, gibt es auch so einen Satz.

Matthias Maurer

Der Satz stammt vom Saarbrücker Materialforscher Frank Mücklich, der vor über 20 Jahren Maurers Diplomarbeit betreute. „Er war schon sehr auffällig“, erinnert sich Mücklich. „Er hatte sehr lange Haare, und recht rustikale Schuhe, weniger Wanderschuhe, eher Stahlwerkerschuhe: für alles gegen alles.“

Für alles, gegen alles: Das ist eine ziemlich treffende Beschreibung für das, was seinem ehemaligen Studenten in den kommenden Jahren bevorsteht. Denn seine Erstmission könnte Maurer als ersten Europäer zum Mond führen. An Bord des Prototyps der Nasa-Kapsel Orion ist möglicherweise ein Platz für die ESA frei – und Maurer will mit. Es wäre die erste bemannte Mondmission seit Apollo 17 im Dezember 1972.

„Menschen haben auf dem Mond eine Flagge in den Boden gerammt, aber sie haben nicht dort gewohnt und längerfristig gearbeitet“, sagt Maurer. Maurer sieht den Mond nicht nur als Basis für eine Forschungsstation, sondern auch als „Tankstelle“. Aus der Feuchtigkeit im Mondstaub könne man per Elektrolyse Wasserstoff und Sauerstoff gewinnen: Brennstoff für die Brennstoffzelle und Treibstoff für Raketen auf dem Weg zum Mars.

Eine Mondmission wäre abenteuerlich – selbst nach Raumfahrtmaßstäben. Dabei hatte es lange gar nicht danach ausgesehen, dass Matthias Maurer überhaupt fliegen würde. Er bewarb sich 2008 für das ESA-Astronautenprogramm und schaffte als einer von nur zehn Bewerbern alle Prüfungen. Zum engen Kreis, dem Astronautenkorps in Köln, gehörte er aber zunächst nicht.

Andere hätten zu diesem Zeitpunkt vielleicht die Astronautenkarriere abgeschrieben und wären in ihren Beruf zurückgekehrt, aber Matthias Maurer blieb bei der ESA. Er arbeitete zum Beispiel als Konsolsprecher, also als Kontaktperson zwischen den Astronauten auf der ISS und der Bodenkontrolle. Sein Büronachbar in Köln ist passenderweise der ehemalige Astronaut Reinhold Ewald, der im Jahr 1990 ebenfalls Nachrücker war. „Ich finde, Matthias ist mit dem anfänglichen Nicht-genommen-Werden sehr gut umgegangen“, sagt der promovierte Radioastronom.

Ewald war 2009 Mitglied der Auswahlkommission, saß aber nicht im Interview mit Maurer. „Ich bin mir sicher, dass ich ihn sofort als geeignet herausgepickt hätte“, sagt er. „Früher war die Astronautik vom Wagemut oder Heldentum geprägt. Heute stehen die wissenschaftlichen Experimente im Vordergrund.“

Und mit wissenschaftlichen Experimenten kennt sich Matthias Maurer aus. Er ist unter den Raumfahrern so etwas wie der Patentrekordhalter: Im Laufe seiner Karriere als Werkstoffwissenschaftler – zunächst an Hochschulen, später in einem medizintechnischen Unternehmen – hat Maurer sieben Patente angemeldet, inklusive aller Variationen sogar 17. Maurer besitzt eine Fähigkeit, die in der bemannten Raumfahrt gefragt ist: Er weiß um den wirtschaftlichen Wert von Forschung.

Genauso akribisch, wie Maurer geforscht hat, ist er auch gereist. „Schon zu Studienzeiten reihte sich ein Auslandsaufenthalt an den anderen“, sagt sein ehemaliger Professor, Frank Mücklich. „Matthias hat eine besondere Offenheit für die Buntheit dieser Welt.“ Wissenschaftliche Projekte und Stipendien führten ihn nach Spanien, England, Südkorea und Argentinien. In der Astronautenausbildung kommen zu den obligatorischen Aufenthalten in Russland und den USA Trainings mit den Chinesen hinzu.

Und das hat mit dem Plan B zu tun, falls es mit der Mondmission doch nichts wird. Aktuell baut China eine eigene Raumstation auf, die 2022 oder 2023 komplettiert werden könnte. „Ab 2023 ist denkbar, dass ein Europäer zur chinesischen Raumstation fliegt“, sagt Maurer. Das wäre Premiere für einen Nicht-Chinesen. Maurer lernt deshalb nicht nur russisch, sondern auch chinesisch. Sein jetziger Stand nach eigener Einschätzung: „Mittelstufenniveau und steigend.“

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