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Donnerstag, 10. August 2017, Ausgabe Nr. 32

Donnerstag, 10. August 2017, Ausgabe Nr. 32

Bildung

„Monokultur hemmt den Fortschritt“

Von Wolfgang Schmitz | 29. September 2016 | Ausgabe 39

Ex-Konzernvorstand und MINT-Botschafter Thomas Sattelberger kritisiert das gering ausgeprägte Perspektivdenken in Ingenieur- wie Managerausbildung.

Sattelberger BU
Foto: privat

Thomas Sattelberger: „MBA-Programme sind meist lebendige Leichen.“

VDI nachrichten: Die Väter der Bologna-Reform wollten den Master als Weiterbildung etablieren. Bachelorabsolventen sollten erst Berufserfahrung sammeln, bevor sie den Master anschließen. Das funktioniert offenbar nicht. Ist das Vorhaben gescheitert?

Sattelberger: Gut 10 % der Masterstudiengänge in Deutschland sind inzwischen berufsbegleitend. Das ist nicht viel, aber von Scheitern zu sprechen, wäre verfrüht.

Bildungsfachmann im Unruhestand

Was ist die Ursache für die zähe Entwicklung?

Es gibt mehrere Ursachen. Die Hochschulen haben oft Studiengänge für Berufstätige ohne nachhaltige Bedarfsanalysen entwickelt, zudem ist das Marketing häufig miserabel. Abend- und Wochenendangebote, die auf flexible Lernnachfragen reagieren, sucht man oft vergeblich. Und: Viele Hochschulen brechen nicht mit ihrem tradierten Studienmuster „Nur einmal kompakt am Stück und dann nie mehr“.

Die Hochschulen richten sich auch nur nach Trends und Nachfragen.

Die Neigung, alle Bildung mit einem Schwung aufnehmen zu wollen, um den Rest des Lebens aus diesem Fundus zu schöpfen, ist in der Bevölkerung so ausgeprägt, dass es eine Weiterbildungskultur tatsächlich schwer hat. Dabei ist das Prinzip des lebenslangen Lernens von einer pädagogischen Esoterik zu einer betriebs- und volkswirtschaftlichen Notwendigkeit geworden.

Warum wollen speziell in den Ingenieurwissenschaften so viele Bachelorabsolventen noch einen Master absolvieren?

Ich erlebe immer wieder eine hochgradige Unkenntnis der Studierenden über die Akzeptanz des Bachelor in der Wirtschaft. Insbesondere die mittleren und großen Unternehmen sind hoch motiviert, Bachelors einzustellen, während sich an den Hochschulen hartnäckig das Gerücht hält, der Bachelor tauge nur im Paket mit dem Master. Da wird der Bachelor von denen schlechtgeredet, die ihn produzieren. Ich würde sogar so weit gehen, dass diese Unkenntnis unter Studierenden systematisch gezüchtet wird. Die Universitäten wollen ihre Masterstudiengänge voll bekommen. Das ist ihnen lieber, als flexible Weiterbildungsmasterstudiengänge einzurichten, mit denen sich Hochschulen völlig anders auf den Kunden einstellen müssen.

Die Wissenschaft fürchtet um ihre Wissenschaftlichkeit, wenn sie den „Kunden“ bedient und praxisbezogene Weiterbildungen anbietet.

Es gibt keine Hochschule, die ihre Studiengänge auf die Bedürfnisse spezifischer Unternehmen zuschneidet und die sich deren Wünschen beugt, auch die praxisorientierten Fachhochschulen nicht. Das gebietet die Freiheit von Forschung und Lehre. Würde nicht breite Berufsbefähigung vermittelt, würden sie nicht akkreditiert.

Sollten sich die Hochschulen beugen?

Natürlich nicht. Ich will nicht ausschließen, dass manche Firmen darauf spekulieren. Die Hochschulen sollten das breitbandige Gebot der Beschäftigungsfähigkeit achten und ihre Angebote nicht auf spezifische Jobprofile zuschneiden.

Die Unternehmen wünschen sich aber von Hochschulen mehr Module, die in ihre flexibler werdende Arbeitswelt passen.

Das ist aber eine Frage der Portionierung, nicht der Inhalte. Studiengänge über E-Learning und Tele-Education bieten immer die Möglichkeit, passende Module herauszupicken. Das ist heute aber nicht mehr das brennendste Thema .

Werden bei der Weiterbildung zur Führungskraft, etwa in den General-Management-Programmen (MBA), die geeigneten Schwerpunkte gesetzt?

Ich bleibe dabei, auch wenn das viele nicht hören möchten: Die MBA-Programme sind meist lebendige Leichen.

Warum?

MBA sind Produkte des industriellen Zeitalters, die Business Schools die taylorisierten Wissensfabriken. Sie unterteilen die Welt ökonomistisch in Finance, Marketing, Operations und Strategy. Ihre Welt ist die der Berechenbarkeit und Planbarkeit. MBA sind tot, weil sie die Unberechenbarkeit und Komplexität der vernetzten technologischen, sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Welt sowie disruptive Umbrüche nicht berücksichtigen. Der größte Gewinn von MBA-Programmen ist vermutlich der Austausch unter den Teilnehmern und der Aufbau von Netzwerken.

Wie könnte eine alternative Führungskräfte-Weiterbildung aussehen?

Sie sollte sich an den realen Erfahrungswelten der Lernenden orientieren. Eckpfeiler sollten zudem ethische Aspekte und die Verantwortung der Unternehmen in der Gesellschaft sein. Es geht um das Verstehen und Wertschätzen von komplexen Zusammenhängen.

Es geht um mehr Praxisnähe?

Das ist mir zu eng gedacht. Wo setzen sich denn heute Ingenieurtalente mit der Frage auseinander, warum immer noch der Verbrennungsmotor dominiert, obwohl die deutschen Automobilhersteller Gefahr laufen, von der Entwicklung an die Wand gedrückt zu werden? Das ist kein technisches Thema, sondern Folge einer tradierten industriellen Monokultur.

Was ist überhaupt Weiterbildung? Bildet sich ein Ingenieur, der am Abend eine Kinder-Fußballmannschaft trainiert oder sich politisch in einer Partei engagiert, weiter?

Zivilgesellschaftliches Engagement ist so wichtig wie Internationalität. Sich in einer anderen Lebenssphäre aktiv und dauerhaft einzubringen, schult das Auge für das Leben und die Menschen. Da haben deutsche Firmen die Deckel-auf-Töpfchen-Philosophie. Die Fachlichkeit muss passen, der Rest ist unbedeutend.

Die Personalabteilungen haben es häufig schwer, ihre Vorstellungen gegenüber den Vorständen durchzudrücken.

Die Vorstände sind meist fortschrittlicher als die konservativen Personalabteilungen. Personalchefs erzählen auf Kongressen tolle Geschichten, während die Praxis oft Hinterhofniveau hat.

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