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Mittwoch, 13. Dezember 2017

Umwelt

Neues Leben auf der Kippe

Von Oliver Klempert | 18. Mai 2017 | Ausgabe 20

Tagebaue bedeuten riesige Umwälzungen für die Landschaft. Ist die Kohle erst aus der Erde geholt, beginnt die Rekultivierung. Ein mühsames Geschäft über viele Jahre, wie ein Rundgang durch die Lausitz zeigt.

Reportage BU (2)
Foto: LEAG/Andreas Franke

Währenddessen: Ein paar Sträucher und Bäumchen sprießen bereits nahe der mächtigen Förderbrücke.

Klein wie ein Spielzeug, doch keineswegs harmlos wirkt die riesige Förderbrücke, die in der Ferne über den Rand der Tagebaugrube ragt. Eher mutet sie wie ein Metallmonster an, das aus der Unterwelt ins Diesseits strebt. Würde man sich ihr Schritt für Schritt nähern, wüchse sie nach und nach zu einem Stahlkoloss heran, der nur einem Zweck dient: Bodenschichten abzutragen, um die darunter liegende Braunkohle fördern zu können. Tonnenweise Sand schafft die Förderbrücke F-60 pro Sekunde beiseite, damit riesige Schaufelradbagger an den Energieträger herankommen.

Das Renaturierungsgebiet

Doch hier ist davon nichts zu merken. Stattdessen zwitschern Vögel. Es ist ein Bild, das man im Kopf im ersten Moment kaum zusammenbringt: Am Horizont, im Dunst, dominieren die laute Förderbrücke sowie weitere Bagger selbstbewusst die Landschaft, hier herrscht friedliche Stille. Christina Paulo lauscht: „Es ist nichts zu hören“, sagt sie dann. Auch der dunkle Eingang zum Fledermausstollen bleibt stumm. „Im Herbst wurden hier schon einzelne Individuen des Braunen Langohrs festgestellt, die im Fledermausstollen überwintert haben.“

Foto: LEAG

Vorher: Der Braunkohleabbau ist in vollem Gange. Noch dreht sich alles nur um die Gewinnung des begehrten Energieträgers.

Es ist nun rund sechs Jahre her, dass das Gelände, auf dem die Landespflegerin steht, ebenfalls ausgebaggert war. Pflanzen, Tiere, Menschen – ganze Ortschaften mussten den riesigen Maschinen im Tagebau Welzow-Süd auf einer Fläche von 9000 ha weichen. In der südlichen Niederlausitz gelegen, wird hier seit einem halben Jahrhundert Kohle gefördert. Welzow ist einer von vier noch aktiven Braunkohletagebauen in der Gegend.

Pflichten für Tagebaubetreiber

Bis zu 90 000 t Braunkohle werden täglich aus der Erde geholt. Doch zumindest hier, am Südrand von Welzow-Süd, ist davon noch kaum etwas zu sehen – ein Tümpel lockt Insekten an und dient Fledermäusen als Nahrungsquelle. Eine benachbarte Baumallee liefert ihnen Orientierungspunkte. Der Fledermausstollen, unter Gras versteckt, besteht hingegen aus Betonfertigteilen.

Foto: O. Klempert

Bodenprobe: Landschaftspflegerin Christina Paulo und Förster Michael Rösler prüfen die Qualität des Erdreichs. Die ist entscheidend für die künftige Vegetation.

Christina Paulo hat diesen Stollen mitgeplant – wie es der sogenannte Braunkohlenplan für die Bergbaufolgelandschaft festlegt. Der beschreibt, wie ein Tagebau nach Abschluss der Braunkohleförderung zu rekultivieren ist. Dabei zu berücksichtigen sind Wald, Landwirtschaft, Seegebiete, Naturschutz und die Wiederansiedlung von zuvor heimischen Tieren und Pflanzen. Noch bevor die Erde mit dem ersten Baggeraushub aufgerissen wird, steht bereits fest, wie die Rekultivierung zehn bis 15 Jahre später aussehen soll. „Weil hier schon damals Fledermäuse gelebt haben, sollten hier auch wieder welche angesiedelt werden“, erklärt Paulo den naturschützerischen Anspruch.

Der erste Stopp unserer Rundfahrt durchs Revier Welzow-Süd gemeinsam mit Förster Michael Rösler, zeigt die ganze Vielfalt und die Problematik der Rekultivierung eines Tagesbaus: Man muss interdisziplinär und in größeren Zusammenhängen denken. Paulo, die den Fledermausstollen schon länger nicht besucht hatte, erklimmt ein paar Meter des künstlichen Hügels, beugt sich vor und streicht mit der Hand über eine Staude Sand-Thymian: „Der ist gut angewachsen“, freut sie sich. Sie selbst hatte die Pflanze, die Nahrungsinsekten für die Fledermäuse anlockt, gepflanzt.

Bergleute, Geografen, Geologen, Biologen, Landwirte und Förster – sie alle arbeiten über Jahrzehnte eng zusammen, um die riesige Wunde in der Landschaft zu schließen. Sie steht sinnbildlich für viele Themen in der Lausitz: Arbeitsplätze und Energiehunger des Industrielandes Deutschland, Naturschutz und Nachhaltigkeit, widerstreitende Interessen, sich zum Teil unversöhnlich gegenüberstehende Lager.

Foto: LEAG/Weisflog

Nachher: Die Rekultivierungsmaßnahmen haben der ehemaligen Kraterlandschaft neues Leben eingehaucht (im Bild: Tagebau Nochten).

Doch Pläne sind das eine. Mindestens genauso wichtig für eine gelungene Rekultivierung ist Vorstellungskraft, wie nur ein paar Minuten Autofahrt entfernt der Besuch einer sogenannten Binnendüne zeigt. Heller Sand, insgesamt 60 000 m³, aus der Tagebaugrube ausgehoben und hier aufgeschüttet, verteilt sich über 3 ha. Es ist einer von Christina Paulos Lieblingsplätzen. „Dies ist meine Spielwiese“, sagt sie und meint damit, dass noch nicht klar ist, was aus dem Ort eines Tages werden soll. „Wir wollen, dass sich die Natur hier ein stückweit von allein entwickelt“, sagt sie.

Ihr Wunsch scheint in Erfüllung zu gehen: Ginster hat den Boden schon ein wenig erobert, eine Fuchsspur führt über das helle Erdreich. „Manchmal muss man improvisieren, um eine gute Idee zu entwickeln“, sagt Paulo. Oder anders ausgedrückt: Man kann der Natur eben nicht alles ins Lastenheft schreiben.

Die Komplexität der Aufgabe erfordert stattdessen flexibles Denken – denn bei einem so großen Tagebau bleibt im Wortsinn kein Stein auf dem anderen. Das Kernproblem: Um die Kohle fördern zu können, wird das Erdreich in völlig neuer Zusammensetzung an anderer Stelle wieder aufgeschüttet. Im Gegensatz zum natürlich gewachsenen Boden ist ein Kippen-Rohboden deshalb humusfrei. Bodenbiologische Prozesse müssen sich erst wieder entwickeln und die jahrzehntelange Grundwasserabsenkung, die für die Kohleförderung notwendig ist, führt zu Wassermangel.

Tagebau ist nicht gleich Tagebau. Und selbst innerhalb eines Abbaugebietes schwanken die Begebenheiten stark – hier ist wegen nährstoffarmen Bodens nur die Bepflanzung mit Kiefern möglich, dort wird es wieder Mischwälder geben können. Rösler, als Förster für alle vier Tagebaue der Niederlausitz zuständig, lässt direkt neben einer Düne wieder aufgeschüttetes Erdreich durch die Finger rieseln. „Das ist eine gute Mischung aus Ton, Sand und Lehm“, urteilt er. Eichen könnten hier sehr gut wachsen, auch wenn es aufgrund des langsamen Baumwachstums wohl an die 100 Jahre dauern wird, bis sie wieder in voller Altwaldpracht stehen.

Es ist der Idealzustand, den die Mitarbeiter der Lausitz Energie Bergbau AG anstreben – und er soll an eine längst vergessene Vergangenheit anknüpfen. Denn was kaum jemand weiß: Viele Kiefernwälder in Brandenburg sind alles andere als natürlichen Ursprungs. „Sie wurden ebenfalls künstlich gepflanzt. Wir wollen einen Beitrag leisten, natürlich vorkommende Baumarten in der Lausitz wieder verstärkt zu etablieren. Dazu gehören neben der Kiefer auch die Eiche und andere Laubbaumarten“, so Rösler. Aufgrund der verschiedenen neuen Bodenqualitäten aber kann nicht überall Laubwald entstehen. Und so führt der Weg zum nächsten Stopp an einer ausgedehnten Kiefernaufforstung vorbei.

Eine einzige Zahl demonstriert dabei die Mammutaufgabe: Nahezu 30 Mio. Bäume und Sträucher wurden seit 1994 auf Lausitzer Kippenflächen in den Tagebauen Cottbus-Nord, Jänschwalde, Welzow-Süd, Nochten und Reichwalde angepflanzt. Hinzu kommen unzählige Sträucher, Nisthilfen, Totholzgruppen und Hecken, die Tieren Unterschlupf bieten und Ausgangspunkt für die Wiederbesiedlung werden sollen. Streuobstwiesen, Heidegärten, Lehrpfade, Erinnerungsstätten für umgesiedelte Orte und Radwege sollen den einstigen Tagebau auch den Menschen wieder näher bringen. Im Kern gilt es, einer toten Mondlandschaft neues Leben einzuhauchen.

Jetzt geht es den Wolkenberg hinauf, der jedoch flacher ist, als der Name erahnen lässt. „So hieß der Ort, der hier früher war und umgesiedelt worden ist“, erklärt Rösler. Dennoch passt der Name zur aktuellen Nutzung – hier ist ein kleines Weinanbaugebiet entstanden. Bereits 2003 hatte man Pläne dafür entwickelt, ein Versuchsfeld für Weinbau in den Rekultivierungsplan des Tagebaus Welzow-Süd aufzunehmen. Heute wachsen auf einer 6 ha großen Fläche immerhin 26 000 Reben.

Doch der Ort ist noch aus anderen Gründen interessant: „Von hier aus kann man gut erkennen, was wir erreichen wollen“, sagt Rösler. Vom Aussichtspunkt aus sind alle Nutzungsarten auf engstem Raum auszumachen – Wald, landwirtschaftliche Nutzung, Naturschutz und Sondernutzung. Die einzelnen Areale sind wie mit dem Lineal fein säuberlich voneinander getrennt. „Noch“, wie Rösler sagt. Hier manifestiert sich der Anspruch an die Bergbaufolgelandschaft, der heute so hoch ist wie nie zuvor: Lebensraum soll sie bieten – und zwar einen, der nachhaltig nutzbar, ökologisch wertvoll, lausitztypisch und vielschichtig ist. Am Ende seine Tätigkeit soll der Bergbau eine Landschaft hinterlassen, die sich an die Zeit vor der Braunkohlegewinnung anlehnt.

Wie Rösler und Kollegin Paulo sich das vorstellen, wenn sich die Natur den Raum mit ihrer Hilfe zurückerobert, ist beim letzten Stopp zu sehen – beim neuen Lugteich, einem künstlich angelegten, kleinen See, der auf dem ohnehin gesperrten Tagebaugelände noch einmal extra umzäunt und damit für Menschen noch nicht zugänglich ist.

„Eine Ton- und eine Speicherschicht sorgen dafür, dass der Teich das Wasser hält“, so Paulo. Und Rösler ist begeistert von der Vegetation, die sich hier mittlerweile findet: „Birken, Pappeln, Kiefern – alles da, was einen Pionierwald ausmacht“, sagt er. Angepflanzt wurde er nicht und künstlich geschaffen sieht hier auch nichts mehr aus.

Rösler steht direkt am Gewässer, umgeben von Schilf. „Das könnte überall sein“, sagt er. Und in der Tat: Hier verblasst auch noch das letzte Bild der Maschinenmonster vor dem geistigen Auge, die sich nur wenige Kilometer entfernt durchs Erdreich fressen. So abgedroschen es auch klingen mag: Die Zeit, sie heilt nicht nur seelische, sondern auch bergbauliche Wunden.

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