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Mittwoch, 13. Dezember 2017

E-Mobilität

Paketzustellung unter Strom

Von Rolf Müller-Wondorf | 9. November 2017 | Ausgabe 45

UPS hat in seiner Flotte in Deutschland mehr als 60 gebrauchte Dieselzustellfahrzeuge auf elektrischen Antrieb umgestellt.

BU UPS
Foto: EFAS

Andrang: Auf dem Hof der Elektrofahrzeuge Schwaben (EFAS) in Zell warten weitere ausgemusterte Dieselfahrzeuge auf ihren Umbau.

Es ist Donnerstagmorgen, kurz nach 8 Uhr. In der Lierenfelder Straße 31 in Düsseldorf herrscht professionelle Betriebsamkeit. Im größten Depot des Kurier- und Expressdienstleisters United Parcel Service (UPS) außerhalb der USA rattert die Fördertechnik. Sie transportiert Pakete zu den in Reih und Glied aufgestellten Zustellfahrzeugen. Rasch werden die Sendungen von den Innendienstmitarbeitern vom Förderband abgenommen und in die richtigen Autos und dort in das jeweils richtige Ablagefach deponiert.

Elektrifizierungsboom beim Lkw

Die Abläufe wirken routiniert, unzählige Male eingeübt. Ab und an wird das summende Geräusch der Rollenförderer vom Gesang einer Liedstrophe oder von einem kurzen Lachen übertönt. Während draußen die ersten Sonnenstrahlen die Häuser der Rheinmetropole mit ihrem rotwarmen Licht überziehen, bereiten die Zustellfahrer ihre Fahrzeuge auf die Tagestour vor.

 Ein letzter kontrollierender Blick auf die Ladung, die Tankanzeige und die übrigen Anzeigen der Armaturen. Die ersten Motoren werden gestartet. Die teils betagten Dieselantriebe nageln träge im Leerlauf vor sich hin. Kleine schwarze Rußwolken verlassen den Auspuff der noch kalten Maschinen.

Auch der Truck von Philipp Eidenmüller ist jetzt abfahrbereit. Doch wenn der 55-Jährige sein Gefährt startet, ist davon nichts zu hören. Er fährt seit einem Jahr einen vollkommen elektrisch betriebenen Transporter vom Hof der Zustellbasis. UPS hat in seiner Flotte in Deutschland inzwischen mehr als 60 E-Fahrzeuge im Einsatz. In Düsseldorf werden derzeit 22 Elektro -Trucks eingesetzt. Die Fahrzeuge sind Umrüstungen älterer Dieselfahrzeuge – die meisten davon 7,5-t-Transporter. Seit 2009 sind europaweit weit mehr als 140 gebrauchte Dieselzustellfahrzeuge auf elektrischen Antrieb umgestellt worden. Weltweit testet der Paketdienstleister verschiedene alternative Kraftstoffe an 8300 Transportern, den sogenannten „rollenden Laboren“.

Foto: Rolf Müller-Wondorf

Reichweite: Philipp Eidenmüller hat auf seiner Tour 80 Stopps in der Zustellung und noch einmal gut 30 Stopps in der Abholung. Dabei legt er pro Tag etwas mehr als 50 km zurück.

Das Ziel, 1 Mrd. Meilen bis Ende 2017 mit alternativen Kraftstoffen zurückzulegen – also etwa 4000 Reisen zum Mond – , hat das Unternehmen nach eigenen Angaben schon im August 2016 erreicht. Bis 2025 sollen 40 % aller Treibstoffe für die UPS-Landfahrzeuge aus alternativen Quellen kommen – im Jahr 2016 war dies bei fast 20 % der Fall.

Um 12 % soll so die Summe aller Treibhausgas-Emissionen in diesem Zeitraum in den weltweit durchgeführten Straßentransporten sinken. Die Flotte des Unternehmens umfasst Fahrzeuge, die elektrisch, hybridelektrisch, hybridhydraulisch, mit komprimiertem Erdgas (CNG), verflüssigtem Erdgas (LNG) oder mit Propan betrieben werden.

Philipp Eidenmüller steht uneingeschränkt hinter dieser ökologischen Vision seines Arbeitgebers. „Es macht Sinn, die Emissionen aus den ohnehin bereits stark belasteten Innenstädten herauszuhalten“, sagt er, während er seinen 7,5-Tonner zügig in den morgendlichen Düsseldorfer Berufsverkehr einfädelt. „Das Fahrzeug macht darüber hinaus auch Spaß. Vor allem das fehlende Motorengeräusch ist sehr entspannend“, ergänzt er. Tatsächlich ist nur das leise Summen der Motorkühlung zu hören. Kurze Zeit später werden die Geräusche aber deutlich lauter. „Jetzt ist der Kompressor, der die Druckluftbremse versorgt, angesprungen. Dieses Modell fährt noch mit der alten Bremsanlage“. Die Geräuschanhebung dauert jedoch nur einen kurzen Moment.

Das Fahrzeug fährt nun wieder im Flüsterbetrieb auf der leichten Steigung in Richtung Rheinkniebrücke. Jetzt spielt der Elektroantrieb sein hohes Drehmoment von 1200 Nm voll aus. „Beladen war ich an dieser Stelle früher oft ein Verkehrshindernis. Heute fahre ich hier ebenso zügig rauf wie ein Pkw“, sagt Eidenmüller lächelnd. Spätestens in diesem Augenblick merkt man, dass ihm das Fahren des umgebauten Transporters wirklich Spaß macht. Allerdings habe er seinen Gasfuß anfangs etwas genauer unter Kontrolle behalten müssen, gesteht er. Eine Folge der deutlich verbesserten Beschleunigungswerte.

Ob es weitere Probleme durch die Umstellung des Antriebs gab? „Doch“, sagt er. „Die erste Generation der umgebauten Fahrzeuge hatte halt noch ihre Kinderkrankheiten. Es gab Störungen in der Elektronik, verursacht durch Spannungsunterschiede in den einzelnen Batteriezellen. Wenn die Unterschiede zu groß waren, hat die Steuerung irgendwann runtergeregelt und das Fahrzeug stillgelegt“. Da sei es schon zwei oder drei Mal vorgekommen, dass er per Abschleppwagen aus dem Bezirk gezogen werden musste. Doch bei der aktuellen Fahrzeuggeneration seien diese Probleme behoben. Weitere Umstellungsprobleme habe es nicht gegeben. Dadurch, dass der Fahrzeugaufbau durch den Umbau nicht verändert wurde, sei das „Look and Feel“ gleich geblieben.

Trotz dichtem Berufsverkehr ist der Bezirk von Eidenmüller nach etwa 20 min Fahrtzeit erreicht. Seit einigen Jahren bedient er die Kunden im Bereich Düsseldorf-Seestern. Dabei handelt es sich um ein Büroviertel am Rande der Peripherie, das als City-Entlastungsgebiet der Landeshauptstadt geplant war. Es befreite die Düsseldorfer Innenstadt von weiteren großen Bürobauten.

Diese Tour, eine von insgesamt knapp 100 Touren in der Rheinmetropole, hat 80 Stopps in der Zustellung und dann noch einmal gut 30 Stopps in der Abholung. Dabei werden ungefähr 200 Pakete zugestellt, mehr als 300 abgeholt. „Insgesamt lege ich so pro Tag etwas mehr als 50 km zurück“, sagt Eidenmüller. Ob es denn Reichweitenprobleme gebe? Der Zusteller winkt ab und sagt: „Nein – die Batteriekapazität reicht bei vernünftiger Fahrweise für rund 90 km. Da bekomme ich selbst im Winter, wenn also die Heizung zusätzlich Strom zieht, keine Probleme.“ Erfreulich sei zudem, dass die Heizung auch bei Zustellstopps durchläuft und die Fahrerkabine dadurch nicht auskühlt.

Also gibt es gar keine Nachteile durch den Fahrzeugumbau? Nach kurzem Überlegen kommt die Antwort mit einem schelmischen Augenzwinkern: „Doch, es gibt tatsächlich einen kleinen Nachteil. Meine Kunden interessieren sich sehr für den umgebauten Truck. Immer wieder werde ich darum gebeten, die Technik vorzuführen und zu erklären. Das mache ich natürlich gerne.“

Szenenwechsel: Auf dem Hof der Firma Elektrofahrzeuge Schwaben (EFAS) in Zell unter Aichelberg stehen gleich mehrere ausgemusterte UPS-Zustellfahrzeuge. Mittendrin befindet sich Firmengründer Reinhardt Ritter und zeigt auf die geöffnete Motorhaube eines der P80E-Modelle. Darin ist (noch) nichts zu sehen. „UPS bereitet die Fahrzeuge zunächst auf und sorgt dafür, dass die Bremsen und die übrigen mechanischen Teile in Ordnung sind. Nachdem auch Motor und Getriebe ausgebaut wurden, kommen die Trucks zu uns. Wir integrieren dann unseren Powertrain – also Motor, Steuerung und Batterien“, erklärt der 69-jährige Tüftler.

Foto: EFAS

Vor dem Umbau: Wenn die ausrangierten Fahrzeuge bei Elektrofahrzeuge Schwaben eintreffen, sind Dieselmotor und Getriebe bereits ausgebaut.

Durch das Tor der benachbarten Halle ist zu erkennen, wie dort gerade eine Kardanwelle montiert wird. „Wir treiben die Hinterachse direkt über die Kardanwelle an. Damit haben wir die typischen Verschleißteile wie Synchronringe, Getriebe, Anlasser, Kupplung und Mitnehmerscheibe, die im harten Logistikbetrieb durch den Start-Stopp-Betrieb häufiger getauscht werden müssen, eliminiert“, erläutert Ritter, der als Mechaniker im Familienbetrieb gelernt und 35 Jahre für den amerikanischen Maschinenbaukonzern Gleason Works gearbeitet hat, zuletzt als Deutschlandchef.

Foto: EFAS

Nach dem Umbau: Dort, wo sich ursprünglich der Dieselmotor befand, sind jetzt Batteriesysteme eingebaut. An der Stelle des Getriebes ist der Elektromotor installiert.

Ein weiteres Pfund im Start-Stopp-Betrieb ist der Wirkungsgrad, den so ein Elektromotor hat. Volles Drehmoment bei null Drehzahl. Ritter: „Das ist genau das, was wir in der Innenstadt haben wollen. Immerhin bringt der Elektromotor mit 1200 Nm mehr Drehmoment auf die Straße, als ein Formel-1-Fahrzeug.“

Neben dem Elektromotor, der den Platz des früheren Getriebes einnimmt, werden im ehemaligen Motorraum sowie unter dem Boden Batteriesysteme eingebaut. „In diesem Truck kommt es nicht auf 100 kg Gewicht an, sondern auf Zuverlässigkeit und Sicherheit. Daher verwenden wir nicht die Batterie, mit der höchsten Energiedichte, sondern die sicherste“, so der Experte.

Die Wahl ist auf Lithium-Eisen-Phosphat-Batterien mit keramischen Separatoren gefallen. Diese würden den höchsten Sicherheitsstandard in der Batterietechnik erfüllen und zudem sehr zuverlässig arbeiten. Die ersten mit diesem System ausgestatteten Fahrzeuge fahren laut Ritter seit fast sieben Jahren mit dem Originalbatteriepack. Mittlerweile wurden weit mehr als 140 ausgediente Fahrzeuge von EFA-S umgebaut. Sie haben insgesamt mehr als 3 Mio. km zurückgelegt. Die Trucks kommen in großen Städten wie Köln, Düsseldorf, Hannover, Frankfurt Amsterdam, Rotterdam oder Paris zum Einsatz. „Seit einer Woche haben wir diese Fahrzeuge auch in Stuttgart im Betrieb. Dort gibt es durch die Kessellage viele Steigungen. Entsprechend skeptisch waren die Zusteller“, erzählt der schwäbische Tüftler, der dort die ersten Touren persönlich begleitete. Dabei stellte sich schnell heraus, dass die Sorgen unbegründet waren. Die umgebauten Transporter haben den Härtetest bestanden.

Über die Kosten des Umbaus möchte der Firmengründer keine Angaben machen. Leider habe er bislang von UPS nicht in Erfahrung bringen können, wieviel so ein Leichtbaufahrzeug mit diesem Sonderaufbau aus Aluminium und Kunststoff kostet. „Da der Paketdienstleister aber zwischenzeitlich über 140 Fahrzeuge bei uns hat umbauen lassen, vermute ich, dass der Umbau auch für die ein rentables Geschäft ist“, sagt Ritter.

 Schließlich hätten die Fahrzeuge mit Dieselantrieb eine rote Schadstoffplakette und seien nicht mehr zulässig für viele Innenstädte. UPS müsste diese eigentlich sehr hochwertigen Fahrzeuge verschrotten und neue kaufen. Vor diesem Hintergrund eigneten sie sich perfekt für eine Umrüstung. Das Untergestell, der Mercedes Benz Vario, gehe quasi nicht kaputt. Und die eigentlichen Verschleißteile würden durch den Umbau eliminiert.

Von daher sei die Rechnung eigentlich ganz einfach: Je mehr Städte für Dieselfahrzeuge geschlossen würden, desto lohnenswerter werde sein Geschäftsmodell. Erst kürzlich habe die Pariser Stadtverwaltung angekündigt, dass sie keine Selbstzünder mehr in der Innenstadt dulden möchte. Für Ritter eine Bestätigung seines Tuns. „Ich hege große Sympathien für die Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo“, verrät er augenzwinkernd. 

Foto: Rolf Müller-Wondorf

Übersichtlich: Der Bordcomputer liefert dem Fahrer jederzeit genaue Informationen – etwa zum Ladezustand der Batterien, zur Restreichweite oder zum jeweiligen Fahrstil.

Zurück nach Düsseldorf. Philipp Eidenmüller hat seine Tour zwischenzeitig beendet. Die Kapazitätsanzeige seines Fahrzeugs zeigt immer noch 38 % an. „Das hätte auch für kleinere Umwege gereicht“, scherzt er und ergänzt: „Angesichts der positiven Erfahrungen, die wir gemacht haben, bin ich sehr gespannt darauf, wann DHL die ersten Elektrofahrzeuge in Düsseldorf fahren lassen wird.“ Er habe gehört, dass der Marktbegleiter künftig eine größere Variante des Streetscooters einsetzen will. Dieser Elektro-Truck werde gemeinsam mit Ford entwickelt. Möglicherweise rolle er demnächst auch über die Straßen der Rheinmetropole. Da stellt sich natürlich die Frage, ob auch er sein Fahrzeug gegen ein anderes eintauschen würde. „Niemals“, sagt Eidenmüller energisch den Kopf schüttelnd: „Ein eingespieltes Team sollte man nicht wechseln.“ 

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