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Dienstag, 12. Dezember 2017

Umwelt

Partikelregen bei Ostwind

Von Bettina Reckter | 26. Januar 2017 | Ausgabe 04

Immer wieder belästigen saure Partikel aus einem Kohlekraftwerk die Bewohner von Wedel. Bis August will Betreiber Vattenfall das Problem gelöst haben.

Säureattacke (2)
Foto: Frank Schnelle/Vattenfall

Kraftwerk Wedel: Anwohner registrierten allein im vergangenen Jahr 17 mal den Ausstoß von stark säurehaltigen Partikeln, die den Lack von Autos beschädigten und die Scheiben von Wintergärten blind machten.

Millimeter groß können sie sein – die gräulich-weißen Partikel, die in Wedel westlich von Hamburg regelmäßig niedergehen. „Das geschieht immer bei Ostwind“, weiß Kerstin Lueckow von der örtlichen Bürgerinitiative. Anwohner haben solche Ergebnisse dokumentiert: 2015 viermal, 2016 sogar 17 mal. „Es kam zu Lackschäden an Pkw und Scheiben von Wintergärten mussten ausgetauscht werden“, klagt Lueckow.

Die Teilchen stammen aus Vattenfalls Steinkohleheizkraftwerk mit zwei Blöcken östlich der Stadt. „Ein Kraftwerk, das solche Partikel ausstößt, wird nicht nach dem Stand der Technik betrieben“, meint Christian Tebert vom Hamburger Institut für Ökologie und Politik (Ökopol).

Der stärkste Partikelregen ereignete sich Ende Juli 2016. Daraufhin verordnete das schleswig-holsteinische Landesamt für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume (LLUR) in Flintbek, Vattenfall solle das Kraftwerk möglichst nicht mehr bei östlichen Winden anfahren sowie Schäden an Autos und Glasdächern schnell und unbürokratisch beheben.

Das LLUR beauftragte zudem den Krefelder Gutachter Joachim Haselbach von Angewandte Tox-Consult (ATC), die Giftigkeit der Partikel zu bewerten. Sein Ergebnis: Sie enthalten schwermetallhaltige Asche sowie Gips aus der Rauchgaswäsche. Werden sie in Wasser aufgelöst, zeigt sich ein extrem saurer pH-Wert von 1,5.

„Von den Partikeln geht aber keine Gesundheitsgefahr aus“, meint Robert Habeck. Der Landesumweltminister verweist auf die Einschätzung des Landesumweltamtes, das sich wiederum auf die Bewertung Haselbachs stützt. Und LLUR-Pressesprecher Martin Schmidt ergänzt: „Es handelt sich an Autos und Gläsern nicht um Ätzschäden, sondern um Anhaftungen.“ Denn die Partikel bilden mit Wasser Kalziumsilikathydrate – eine Art natürlichen Zements, der stark auf Oberflächen haftet und sich nur mit Spezialmitteln entfernen lässt, so Schmidt.

Tebert hält die Partikel hingegen für gefährlich: „Sie enthalten einen hohen Anteil Nickel, das Allergien auslösen und Krebs verursachen kann.“ Der Gehalt liege 14-fach höher als etwa die Bodenschutzverordnung auf Kinderspielplätzen erlaubt, der Gehalt an Arsen sei doppelt so hoch.

Unklar war, wo die Partikel im Kraftwerk entstehen. Vattenfall begab sich auf die Suche. Im Verdacht stand das saure Gas Schwefeltrioxid (SO3). Das düste Vattenfall von November 2015 bis Juni 2016 versuchsweise ein, um Feinstaub beim Verbrennen sehr schwefelarmer Kohle zu senken. Vattenfall entschied sich letztlich gegen dieses Verfahren. Trotzdem zeigten SO3-Messungen des Ingenieurunternehmens VPC GmbH im November, dass die Partikel im Regenerativwärmetauscher der Rauchgasreinigung entstehen.

„Hinter dem Elektrofilter lag der SO3-Gehalt im Abgas noch im herkömmlichen Bereich“, erklärt Kraftwerksleiter Markus Wonka, Vattenfall Wärme Hamburg. Beim Wärmetauscher aber, der vor der Rauchgaswäsche Wärme aus dem Abgas zieht, um das Abgas nach der Entschwefelung auf über 80 °C aufzuheizen, zeigte sich eine SO3-Senke.

Vattenfalls Fachleute entwickelten folgende Hypothese: „SO3 bildet mit Wasserdampf und Aschepartikeln saure Beläge auf den Blechplatten des Wärmetauschers“, so Wonka. Doch der Belag klebt nicht sehr fest. Durchströmendes Rauchgas kann Teilchen mitreißen und zum Schornstein austragen, an dessen Innenwand sich diese dann zu gröberen Partikel agglomerieren.

Der Belag auf dem Wärmetauscher bildet sich, wenn der Taupunkt der sauren Gase unterschritten wird – also bei jener Temperatur eines feuchten Gasgemisches, bei dem sich Kondensieren und Verdunsten die Waage halten. Unterhalb davon, bei sauren Gasen zwischen 100 °C und 140 °C, löst sich SO3 besser in Wasser und kann die Reaktionskette in Gang bringen. Dies kann immer wieder geschehen, da die Temperatur des Rauchgases hinter dem Elektrofilter bei 135 °C bis 160 °C und hinter dem Wärmetauscher unter 100 °C liegt.

Um Emissionen der gröberen Partikel zu verringern, verlangte das LLUR, Vattenfall solle bis Anfang Januar 2017 Wege aufzeigen, wie sich der Ausstoß bis August mindern lässt. Der Konzern hat daraufhin drei Maßnahmen angekündigt:

Kalkzugabe: Hinter dem Elektrofilter soll Kalk eingedüst werden, um Beläge zu verhindern. Dies soll saure Gasbestandteile wie SO3 vor und im Wärmetauscher neutralisieren. Vattenfall will damit noch im Januar in beiden Blöcken starten.

Aerosolabscheider: Gröbere Partikel können sich auch bilden, wenn SO3-haltige Tröpfchen nach der Rauchgaswäsche auf Staub- oder Gipsteilchen treffen. Diese Aerosole werden von Tropfenabscheidern nicht aufgefangen. Vattenfall will daher in einem Block bis Mitte April einen Aerosolabscheider einbauen – und nach erfolgreicher Erprobung auch im zweiten Block.

Schornsteinauskleidung: Der Schornstein soll zum Teil mit einer Folie aus Perfluoralkoxy-Polymeren (PFA) ausgekleidet werden, damit keine Partikel mehr anhaften. Das geht aber nur bei Stillstand beider Blöcke und wird laut Unternehmen rund sieben Wochen dauern. Vorgesehen ist dafür die Zeit von Mai bis Juli.

„Die Wirksamkeit der Maßnahmen wird sich erst in einigen Monaten beurteilen lassen“, sagt Martin Erker, Leiter Kraftwerksgruppe Hamburg der Vattenfall Wärme Hamburg GmbH. Das Unternehmen bittet die Anwohner daher um Geduld. Dass man überhaupt etwas tut, freut Lueckow. Sie fragt aber, „warum das Unternehmen nur die obere Hälfte des Schornsteins auskleiden will“. Denn haften Partikel unten, können sie beim Wiederanfahren frei werden. Und sie versteht nicht, warum Vattenfall diese Emissionen nur mindern und nicht ganz abstellen will.

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