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Donnerstag, 14. Dezember 2017

Gastkommentar

Schnellere Prozesse allein helfen nicht

Von Raimund Klinkner | 9. März 2017 | Ausgabe 10

Lean-Manufacturing-Prinzipien reichen nicht aus, um Komplexität zu bewältigen. Flexible Ansätze entlang der Wertschöpfungskette sind gefragt.

ProfKlinker BU
Foto: Marcus Krüger, Hamburg

Die Zukunft gehört der kontinuierlichen Planung mit kurzen Planungszeiten, flexiblen Zeithorizonten und hoher Realitätsnähe, sagt Raimund Klinkner.

Im Arbeitsalltag werden digitalisierte Mensch-Maschine-Interaktionen immer selbstverständlicher. Die Verwendung von Echtzeitdaten ermöglicht die flexible und effiziente Gestaltung von Logistik- und Produktionsprozessen und erlaubt so Wettbewerbsvorteile im Sinne der Kundenorientierung. Aus diesem Grund ist die Digitalisierung eine Chance, den Vorsprung des deutschen Mittelstands dauerhaft abzusichern und auszubauen.

Raimund Klinkner

Kein produzierendes Unternehmen wird jedoch allein durch die Digitalisierung besser, im Gegenteil: Schlechte Prozesse zu digitalisieren, führt nur zu schnellen schlechten Prozessen. Hinter dem Buzzword „digitale Transformation“ verbirgt sich daher vielmehr die Möglichkeit, aber auch die Notwendigkeit, bestehende Prozess- und Geschäftsmodelle zu hinterfragen und neue zu gestalten.

Die Zeiten, in denen Unternehmen die wachsende Komplexität über reine Prozessverbesserung kompensieren konnten, sind vorbei. Mit der zunehmenden Digitalisierung von Prozessen und der Datenverfügbarkeit in Echtzeit muss nun die Prozessgestaltung in den Mittelpunkt gestellt werden. Produzierende Unternehmen müssen in der Lage sein, bewährte Industriekonzepte mithilfe digitaler Lösungen und Prozesskompetenz strukturell weiterzuentwickeln, um reaktionsschneller und anpassungsfähiger zu agieren.

Von den Besten lernen

Zunehmende Kundenindividualität und immer volatiler werdende Märkte erfordern von Unternehmen schließlich ein höheres Maß an Flexibilität. Dazu sind neue Ansätze gefragt. Es gilt, die mit der geforderten Individualisierung und Flexibilität in einem direkten Konflikt stehenden robusten Standards der Lean-Philosophie kritisch zu überdenken. Zugleich ist es wichtig, die Volumen- und Variantenflexibilität managen zu können, ohne dabei die bewährten, hervorragenden Aspekte der Lean Production zu verlieren.

Einen Lösungsansatz zur Flexibilisierung der Lean Production stellt das „Flean Management“ dar. Flean steht für „flexibel“ und „lean“, also eine Flexibilisierung der verbreiteten Lean-Ansätze. Hierbei dienen die Methoden und Prinzipien von Lean weiterhin als Basis, können aber mit dem Fokus der Flexibilität eine andere Ausprägung erhalten.

Während beispielsweise Materialbestände nach der Lean-Philosophie strikt vermieden werden sollen, kann es situationsbedingt durchaus wirtschaftlicher sein, Materialbestände an den richtigen Stellen zu positionieren, um so flexibel auf unvorhersehbare Marktschwankungen sowie dynamische Kundennachfragen reagieren zu können und den Materialfluss in Summe reibungsfrei zu gestalten.

Ein grundlegendes Prinzip vieler Lean-Werkzeuge besteht darin, unternehmerische Komplexität beherrschbar zu machen, indem diese reduziert wird. Dies erfolgt in den meisten Fällen zulasten der Flexibilität. Aktuelle Digitalisierungstrends ermöglichen eine kombinierte Strategie aus flexiblen und schlanken Ansätzen, das heißt, sie erlauben eine bessere Beherrschbarkeit hoher Komplexitäten und somit eine Steigerung der unternehmerischen Flexibilität bei gleichzeitig hoher Effizienz.

Dieses Potenzial der Digitalisierung lässt sich durch die Verwendung von Echtzeitdaten über den Gesamtprozess von der Bestellung des Kunden bis zur Auslieferung der Ware erschließen. So geben Operational-Excellence-Applications Auskunft über die Auftragslage, den aktuellen Bearbeitungsstatus von Kundenaufträgen, die Produktionsauslastung, mögliche Störungen und deren Ursachen sowie geeignete Maßnahmen, diese abzustellen, und ermöglichen damit die flexible Reaktion auf prozessseitige Schwankungen. Ferner lassen sich Kennzahlen, die Zielerreichung oder Entwicklungen sowie Engpassanalysen oder die Erschließung zusätzlicher Umsatzpotenziale darstellen.

Die zentrale Herausforderung bei der Flexibilisierung schlanker Produktionssysteme besteht letztendlich in der Einbindung von mobilen Devices im Fabrikbetrieb, die die Intelligenz dezentralisieren und mittels transparenter, zielgruppengerechter Aufbereitung und Visualisierung von Echtzeitdaten eine effiziente und effektive Kommunikation aller Unternehmensabteilungen ermöglichen.

Die Digitalisierung erfordert jedoch nicht nur die Optimierung von unternehmensinterner Kommunikation, sondern auch die Optimierung von unternehmensübergreifender Kommunikation. Schließlich können Unternehmen sich den Herausforderungen der digitalen Transformation nicht allein stellen und setzen daher auf Austausch und wie Kooperation mit externen Stakeholdern Konkurrenten, Medien, Gewerkschaften, Behörden etc. Es geht hierbei in erster Linie um die Botschaft und deren Wirkung bei allen relevanten Stakeholdern, intern wie extern: Wir wandeln uns zum digitalen Unternehmen – Zeit zum Mitgehen!

Bei allen Maßnahmen des Flean Managements stellt die Erfüllung des Kundenwunsches oder der Kundennutzen letztendlich das grundlegende Ziel aller unternehmerischen Bestrebungen dar. Ziel ist somit zu erkennen, was der eigentliche Kundennutzen ist, um die Produkte und Prozessabläufe allein darauf auszurichten. Aufgrund der stärker werdenden Forderung nach kürzesten Lieferzeiten ist hierbei die zeitliche Komponente der kundenrelevanten Durchlaufzeit von großer Bedeutung und wirkt sich dementsprechend auch auf andere Lean-Prinzipien wie Wertstrom, Fluss und Verschwendungsvermeidung sowie deren Flexibilitätsausprägung aus. Eine periodische Planung kann hierbei den Anforderungen nicht gerecht werden, da sie hohe Zeitverluste verursacht.

Die Zukunft gehört der kontinuierlichen Planung mit kurzen Planungszeiten, flexiblen Zeithorizonten und hoher Realitätsnähe. Fabriken müssen in der Lage sein, jederzeit leistungsstark, reaktionsfreudig und agil zu planen und zu agieren. Sie müssen permanent an die kurzfristigen Aufgabenstellungen angepasst, verändert und mit dem Wissen um neue Technologien in Multi-Stakeholder-Dialogen optimiert werden.  

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