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Freitag, 15. Dezember 2017

Wissenschaft

Schottischer Spagat

Von Kristina Moorehead | 4. Mai 2017 | Ausgabe 18

Brexit und Unabhängigkeitsbestrebungen im eigenen Land schüren an schottischen Hochschulen die Angst vor der Isolation.

Schottland BU
Foto: imago/imagebroker

Hinter den Mauern der altehrwürdigen Universität Glasgow ist die Verunsicherung angesichts von Unabhängigkeitsbestrebungen und Brexit ähnlich groß wie an den Universitäten in Aberdeen und Edinburgh.

Scheidungskinder haben es nicht leicht, denn während sich die Eltern oft im Rosenkrieg befinden, möchte das Kind, dass die Familie zusammenbleibt. Für David Fraser von Engineering Scotland beschreibt dies die Situation, in der sich Schottland derzeit befindet. Dass Großbritannien die Scheidung von der EU eingereicht hat, schmerzt den Generalsekretär des Interessenverbands für schottische Ingenieure. Ginge es nach ihm, bliebe Großbritannien in der EU und Schottland in Großbritannien. Doch das Brexit-Votum macht dem Wunsch nach Gemeinsamkeit einen Strich durch die Rechnung. Mehr noch: Es ließ die Diskussion um die schottische Unabhängigkeit aufflammen.

Auch die schottischen Universitäten sprachen sich geschlossen gegen einen Brexit aus. Doch bedeutet der Brexit wider Willen automatisch, dass man sich – in der Hoffnung wieder in der EU-Familie aufgenommen zu werden – nun eher für die Idee der Unabhängigkeit vom Vereinigten Königreich erwärmt? 2014 sprachen sich bei einer Umfrage unter Natur-, Ingenieur- und Mathematikwissenschaftlern mehr als zwei Drittel der Akademiker gegen die Unabhängigkeit aus. Insgesamt stimmten die Schotten mit 55,3 % zu 45,7 % für den Verbleib im Vereinigten Königreich. Was hält die schottische Wissenschaftsgemeinschaft vom Vorhaben der schottischen Regierungschefin ab, in der derzeitigen politischen Lage ein neues Referendum zur Unabhängigkeit erkämpfen zu wollen?

Auf der Suche nach Antworten zeigt sich schnell, dass nur das Ungewisse gewiss scheint: „Ist es denn hundertprozentig sicher, dass Großbritannien die EU verlassen wird? Und wenn ja, unter welchen Bedingungen? Wenn man dann noch die jüngst für Juni anberaumten Neuwahlen in Großbritannien ins Spiel bringt, tun sich noch mehr Fragen auf“, beklagt Fraser. Auch Derek Elder, Leiter der Schottlandgruppe der Ingenieurvertretung Institution of Engineering and Technology (IET), kann „gar nicht genug betonen, wie komplex die Situation ist“. Seit vielen Jahren vertritt der gelernte Bauingenieur vor Politikern die Belange des schottischen Ingenieursektors. Dass man nun gleichzeitig den Brexit-Prozess und das Szenario der Unabhängigkeit berücksichtigen müsse, sei „eine riesige Herausforderung für die Wissenschaft und das Ingenieurwesen“.

Letztlich liege die Krux darin, was die verschiedenen Szenarien „Schottland in Bezug auf gemeinsame Normen, Zugang zu Märkten und Zugang zu Qualifikationen bieten können“, meint Elder. Idealerweise würde man weiter im europäischen Binnenmarkt bleiben und für Fachkräfte die Bewegungsfreiheit sichern. Sollte Theresa May auf ihren Brexit-Kurs beharren und diese Anliegen ignorieren, hieße es allerdings nicht zwangsläufig, dass dann der UK-Austritt die bessere Lösung wäre, gibt Elder zu bedenken. Denn die wirtschaftlichen Verbindungen zwischen Schottland und dem Vereinigten Königreich sind enger als nach Europa. Mit einem Handelsvolumen von jährlich 49,8 Mrd. Pfund exportiert Schottland dorthin viermal so viel wie auf den Kontinent.

Doch die Unabhängigkeitsdebatte wird nicht allein mit finanziellen Erwägungen geführt. Würde man die Schotten allein aus dem Bauch heraus abstimmen lassen, würden sie sich jetzt wohl für die Abkehr von der immer als etwas arrogant wahrgenommenen Regierung in London entscheiden. Das glauben sowohl Fraser als auch Ferdinand von Prondzynski. Der Präsident der Robert Gordon University in Aberdeen ist der einzige Universitätschef, der sich offen für die schottische Unabhängigkeit ausspricht. Er betont aber, dass es sich um seine persönliche Ansicht handelt, denn die schottischen Universitäten haben sich auf Neutralität zum Thema geeinigt.

Prondzynski findet, dass „Schottland reif dafür ist, seinen eigenen Weg zu gehen – als Land, das mit dem Vereinigten Königreich befreundet aber von ihm unabhängig ist“. Seiner Ansicht nach besteht die Gefahr, dass sich die britischen Investitionen für Forschung und Entwicklung nach dem EU-Austritt zu sehr auf England konzentrieren könnten. Auch sei die Bewegungsfreiheit für die Zusammenarbeit seiner Universität mit internationalen Firmen wie IBM und der Ölindustrie „irrsinnig wichtig“.

Das Thema Bewegungsfreiheit liegt auch Petra Wend am Herzen. Die Brexit-Entscheidung habe die Universitäten schon jetzt „ganz fürchterlich“ getroffen, erklärt die Rektorin und Präsidentin der Queen Margaret University in Edinburgh. Die Bewerberzahlen europäischer Studenten sind – wie in ganz Großbritannien – rückläufig. Eine Neuregelung zum Aufenthaltsrecht für nicht-britische Europäer würde 14 % ihrer Angestellten direkt betreffen – auch die deutsche Rektorin selbst. In schottischen Forschungslabors kommen gar 20 % der Wissenschaftler aus dem nicht-britischen Europa. Jetzt gelte es, so Wend, „die Botschaft zu vermitteln, dass wir in Schottland Wert auf wissenschaftliche, wirtschaftliche und kulturelle Verbindungen zu Europa legen“.

Damit man weiterhin die besten Köpfe für Studium, Lehre und Forschung anziehen kann, hat man eine Charmeoffensive gestartet, die international zeigen soll, dass Schottland weltoffen und anders als England ist, erklärt Wend. 

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