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Mittwoch, 13. Dezember 2017

Brandschutz

Seltene Großräumungen

Von Fabian Kurmann | 26. Oktober 2017 | Ausgabe 43

Kurz nach dem Hochhausbrand in London wurden in Wuppertal und Dortmund Hochhäuser geräumt. Gravierende Brandschutzmängel wurden spät entdeckt.

BU Hochhausräumung Dortmund
Foto: dpa Picture-Alliance/Arnulf Stoffe

Komplett geräumt wurde der Wohnkomplex Hannibal II in Dortmund, nachdem Brandschutzmängel entdeckt worden waren.

Zwei Wochen nachdem im Juni das Hochhaus Grenfell Tower in London abgebrannt war, musste ein elfgeschossiges Hochhaus in Wuppertal wegen einer brennbaren Fassade geräumt werden. Das war für die über 70 Bewohner zwar ärgerlich, aber immerhin konnten sie einen Monat später wieder einziehen. Die Brandschutzmängel waren vom Betreiber beseitigt worden.

Im September musste schon wieder geräumt werden und diesmal deutlich umfangreicher: 400 Haushalte mit insgesamt etwa 800 Personen. Beide Gebäude gehören dem Berliner Unternehmen Intown Property Management. Doch anders als in Wuppertal lag es beim Dortmunder Wohnkomplex Hannibal II nicht an der Fassade. „Problematisch war und ist, dass alle Wohnungen über Lüftungsschächte miteinander und mit der Tiefgarage verbunden sind“, heißt es in einer Erklärung der Stadt Dortmund. Giftige Brandgase hätten sich bei Feuer sehr schnell im gesamten Gebäude ausgedehnt, auch weil notwendige Brandschutztüren fehlten.

Am Montag hat die Stadt Intown die Schlüssel für die Wohnanlage zurückgegeben. Doch bis Mieter wieder einziehen können, soll es ganze zwei Jahre dauern. So lange können sie das Gebäude nur in Begleitung eines Wachschutzes betreten. Die Sanierungsarbeiten sollen komplizierter sein.

Diese Vorfälle werfen die Frage auf, warum so gefährliche Mängel im Brandschutz unentdeckt bleiben konnten und ob das Risiko besteht, dass demnächst weitere Gebäude geräumt werden müssen.

Räumungen von Wohnungen oder Wohnhäusern zur Gefahrenabwehr seien im Grunde nicht ungewöhnlich und fänden mehrfach im Jahr statt, sagt Anke Widow, Sprecherin der Stadt Dortmund. „Aufgrund der Größe der betroffenen baulichen Anlage in diesem Fall hat die Räumung natürlich eine Dimension, die nicht alltäglich ist“, räumt sie ein. Die Frage ist allerdings, ob solch große Räumungen nicht auch deshalb selten sind, weil Mängel einfach nicht entdeckt werden. Der Fall in Dortmund zumindest spricht für Letzteres.

Hannibal II wurde 1973 genehmigt und bis 1976 errichtet. Bevor die ersten Mieter einzogen, war das Haus von Prüfsachverständigen besichtigt worden. „Diese Bauzustandsbesichtigung beschränkt sich jedoch auf stichprobenhafte Kontrollen“, sagt Widow und nennt damit einen Teil des Problems. Laut der Hausakte war die bauliche Anlage nach der Errichtung mängelfrei gewesen.

Nach dem Bau sind bei Hochhäusern unter 60 m Höhe keine regelmäßigen Ortsbesichtigungen durch die untere Bauaufsichtsbehörde vorgeschrieben – es sei denn, Dritte weisen konkret auf Mängel hin. Spätestens alle sechs Jahre werden jedoch Brandschauen durchgeführt, die letzte 2015. Damals gefundene Mängel seien behoben und von Behörden abgenommen worden, schreibt Intown. Allerdings wurden bei dieser Brandschau nicht die Wohnungen selbst überprüft, die unter dem Schutz von Artikel 13 des Grundgesetzes von Prüfern nicht einfach betreten werden dürfen.

In Dortmund wurde die Gelegenheit genutzt, als ein Apartment wegen Sanierungsarbeiten leer stand und die Wohnungstür offen war. Die Brandkatastrophe von London scheint Bewohner und Behörden für die Konsequenzen von versagendem Brandschutz sensibilisiert zu haben: Nach Hinweisen aus der Mieterschaft erfolgte am 29. August eine vorzeitige Brandschau, am 19. September eine Begehung der Bauaufsicht.

Intown habe von den Mängeln allerdings erst zwei Stunden vor der Evakuierung am 21. September erfahren, erklärte das Unternehmen und kritisierte das Vorgehen der Stadt. „Eine ausführliche Begründung der Mängel im Brandschutz wurde uns erst vergangene Woche, lange nach der Räumung des Gebäudes, zugestellt“, so eine Sprecherin. Man hätte die Situation für die Mieter auch durch eine Räumung des Parkhauses, das Aufstellen von Brandwachen und eine Prüfung der Entrauchungsanlage entschärfen können. Eine sofortige Räumung hätte so verhindert werden können, argumentiert der Betreiber.

Die Stadt habe alle kompensatorischen Maßnahmen durchdacht, sagt Sprecherin Widow. „Leider führten die Überlegungen nicht zum Ergebnis, dass ein sicherer Aufenthalt von Personen gewährleistet ist, so dass die erforderliche Nutzungsuntersagung zur Räumung führen musste.“ Kurz zusammengefasst: Wenn sich Rauch sehr schnell in allen Wohnungen und Rettungsfluren ausbreiten kann, kommen Bewohner trotz Brandwache eventuell nicht mehr aus dem Hochhaus.

Die Ereignisse haben nun auch den Betreiber Intown sensibilisiert. Man lasse aktuell „alle möglicherweise baujahrbedingt besonders gefährdeten Gebäude untersuchen“, schreibt das Unternehmen.

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