Passwort vergessen?  | 
 |  Passwort vergessen?  | 
Suche
  • Login
  • Login

Donnerstag, 16. November 2017, Ausgabe Nr. 46

Donnerstag, 16. November 2017, Ausgabe Nr. 46

Porträt der Woche

Tiefseeforscherin übernimmt das Ruder

Von Bettina Reckter | 9. November 2017 | Ausgabe 45

Antje Boetius ist neue Direktorin des Alfred-Wegener-Instituts, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung.

Antje Boetius
Foto: Alfred-Wegener-Insitut / Martin Schiller

Mit einem Lächeln und eisbrechenden Schiffen geht Antje Boetius ihre Aufgaben als neue Direktorin des Alfred-Wegener-Institus an.

Der Großvater war Kapitän und fuhr zur See. Wenn er sein Seemannsgarn spann, hing sie an seinen Lippen. Die Geschichten von hoher See und fernen Ländern begeisterten das junge Mädchen ebenso wie die Filme aus der Unterwasserwelt von Jaques-Yves Cousteau und Hans Hass. Und zugleich wurde sie zur Leseratte. „Ich habe die Abenteuerbücher von Jules Verne regelrecht verschlungen“, gesteht Antje Boetius lachend und sieht heute in all dem den Grund für ihren damaligen Wunsch, Meeresforscherin zu werden.

Antje Boetius

Was als Kindertraum begann, ist für die neugierige Mikrobiologin und Tiefseeforscherin längst zum Alltag geworden. Mit Engagement und Leidenschaft geht sie insgesamt mehr als 40 Mal auf große Fahrt. Viele der Expeditionen ins Polarmeer oder in andere Ozeanregionen leitet sie selbst.

Seit 1. November steht sie nun hauptberuflich sogar am Ruder – allerdings nicht auf der Schiffsbrücke, sondern an der Spitze eines der renommiertesten Institute für Meeresforschung weltweit. Boetius leitet künftig die Geschicke des Alfred-Wegener-Instituts, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) in Bremerhaven.

Die Tiefsee ist der größte belebte Raum der Erde. „Dort unten herrschen Dunkelheit, Kälte und hoher Druck. Für den Menschen sind das keine wirklich einladenden Bedingungen“, weiß Boetius, die schon Dutzende Male mit Tauchbooten und Robotern auf den Meeresgrund hinabgeglitten ist – im Atlantik, Mittelmeer und Indischen Ozean, im Pazifik und in den Polarmeeren.

Im Licht der Scheinwerfer hat sie bleiche Tiefseefische, bunte Seegurken, bizarre Riesenwürmer und filigrane Schlangensterne gesehen. Am meisten aber interessiert sich die gelernte Mikrobiologin für die kleinsten Lebensformen, die Bakterien. Die sind zwar winzig, doch ungemein wichtig, weil sie mit ihrem Stoffwechsel ungeheure Mengen an Substanzen umsetzen und damit sogar das Klima der Erde beeinflussen.

Eine Frage, die Boetius aktuell umtreibt, lautet: „Wie funktioniert das Eismeer als Lebensraum?“ Denn der arktische Ozean ist stellenweise bis zu 5000 m tief und zugleich mit Eis bedeckt. Nur wenige eisbrechende Schiffe können dorthin vordringen, mit Satelliten kann man nicht durch das Eis schauen. „Darunter aber verbirgt sich eine Welt voller Geheimnisse“, beschreibt sie die besondere Faszination der eisbedeckten Meere.

Naturgemäß dringt kaum Licht in diese Gewässerzonen. Damit müsste eigentlich auch die Basis für jedes pflanzliche Leben fehlen. „Aber wir haben festgestellt, dass das Eis riesige Klumpen von Algen beherbergen kann“, sagt die Forscherin. Wachsen können sie in den zwei bis drei Sommermonaten, in denen es auch in der Arktis hell genug ist. Was aber passiert, wenn das Eis schmilzt? „Dann sinken die Algen zu Boden und dienen in der Tiefe anderen Meeresbewohnern als Nahrung.“

Derzeit untersuchen die Forscher am AWI intensiv die Konsequenzen des Meereisrückgangs, vor allem vor dem Hintergrund des sich abzeichnenden Klimawandels. „Die Kryosphäre, also die gefrorene Erde, ist für uns eine Art Frühwarnsystem“, erzählt Boetius. „Ein so schnelles Schmelzen, wie wir es gerade an den Polkappen haben, ist zuvor nicht beobachtet worden.“ Erkenntnisse, die die Wissenschaftler im vielleicht nicht mehr ewigen Eis gewinnen, fließen direkt in Modellrechnungen ein, die die Basis für eine bessere Vorhersage von Klimaentwicklungen bilden.

Solche Forschung lässt sich nicht mit Taucheranzug und Atemluftflaschen betreiben. Dafür braucht es jede Menge Technik. Als Leiterin der Helmholtz-Max-Planck-Brückengruppe für Tiefsee-Ökologie und -Technologie macht sich Boetius seit Jahren für ein wichtiges Ingenieurprojekt stark: für die Entwicklung von Geräten, die unter Wasser auch bei Minusgraden und unter extremen Drücken noch zuverlässig arbeiten.

Hier kommt die maritime Robotik ins Spiel. „Leider hinken wir in dem Sektor noch deutlich hinter den USA und Japan hinterher“, gesteht Boetius. Am AWI setzt sie sich dafür ebenso ein wie für die Entwicklung von chemischen und biologischen Sensoren, die auch jenseits des Gefrierpunkts einwandfrei funktionieren.

Ein zentrales technisches Thema am Bremerhavener Institut ist die Energieversorgung in der Tiefsee. „Am Meeresgrund gibt es keine Steckdosen“, sagt die AWI-Leiterin schmunzelnd. Es gilt also, langlebige Batteriesysteme zu entwickeln, die sich gegebenenfalls bei Bedarf selbst an- und wieder abstellen, um Strom zu sparen.

„Autonome Tiefseeroboter, die ganz ohne Forschungsschiff die Meere und ihre Lebewesen vermessen, sind deshalb noch eine Zukunftsvision, denn sie benötigen viel Energie und Orientierungshilfen.“ Aber vielleicht kann Antje Boetius mit ihrem Engagement am AWI diesem Ziel ein wenig näherrücken.

Dass sie alles daran setzen wird, nimmt man der wissbegierigen Forscherin sofort ab. Beruflich wie im Privaten saugt sie wie damals als Kind alle neuen Eindrücke wie ein Schwamm auf. Wenn es nach ihr ginge, sollten alle Menschen mehr über die Meereswelt voller Geheimnisse nachdenken.

stellenangebote

mehr