Passwort vergessen?  | 
 |  Passwort vergessen?  | 
Suche
  • Login
  • Login

Mittwoch, 13. Dezember 2017

Außenhandel

Tokio fürchtet den harten Brexit

Von Barbara Odrich | 25. Mai 2017 | Ausgabe 21

Die japanische Regierung und viele Unternehmen sehen den Austritt von Großbritannien aus der Europäischen Union mit beträchtlicher Sorge. Einige Firmen planen bereits den Umzug nach Deutschland.

BU Japan
Foto: dpa Picture-Alliance/Owen Humprheys

Schöner Schein: Japanische Autobauer fürchten um den Absatz auf dem Kontinent aus ihren britischen Werken. Im Bild die Nissan-Produktion in Sunderland.

Zur gleichen Zeit, in der sich die Auseinandersetzung zwischen EU-Politikern und britischen Ministern zuspitzt, beobachten zwölf Stunden von Brüssel entfernt viele Politiker und Manager diese Entwicklung aufmerksam: Während ein harter Brexit immer wahrscheinlicher wird, bei dem Großbritannien ohne Abkommen und Neuordnung der Handelsbeziehungen aus der EU ausscheidet, macht Japan keinen Hehl daraus, dass man sich einen möglichst „weichen Brexit“ wünscht. Denn Regierung und Unternehmen wollen sicher sicherstellen, dass sich ihre Investitionen in Großbritannien weiterhin rechnen.

In den zurückliegenden Wochen ist Japan mehrere Male in London vorstellig geworden, um die britische Regierung ungewöhnlich offen dazu aufzufordern, dass sie dafür sorgt, dass sich die Auswirkungen von Brexit in Grenzen halten und es zwischen London und Brüssel zu einer gütlichen Einigung kommt. Takeshi Uchiyamada, Vorstandsvorsitzender des größten japanischen Automobilkonzerns Toyota, sagte in einem Interview mit der Financial Times, dass man überlege, wie man in dem neuen Umfeld überleben könne.

Der japanische Wirtschaftsminister Hiroshi Seko prognostizierte bei einem Treffen mit führenden Unternehmen, dass der Brexit erhebliche Auswirkungen auf die Unternehmen seines Landes haben werde. Der mächtige Wirtschaftsverband Keidanren, dem Unternehmen wie Toyota, Hitachi und andere große Investoren Nippons in Großbritannien angehören, hatte jüngst die Regierung des Vereinigten Königreiches dazu aufgefordert, die Verhandlungen der EU mit einer „tiefen Betrachtung“ der Auswirkungen auf die heimische Wirtschaft zu führen.

Japans Unternehmen, vor allem Autoproduzenten, Pharmahersteller und Banken, beschäftigen schätzungsweise 140 000 Menschen in ihren britischen Niederlassungen. Seit Jahrzehnten gilt der Standort Großbritannien als das „Tor nach Europa“. Der Großteil japanischer Autos, die auf dem Kontinent fahren, sind „Made in the UK“. Nissan, Toyota, Honda haben alle Werke in Großbritannien, die vor allem für den Kontinent bestimmt sind.

Ohne den freien Zugang zum europäischen Binnenmarkt wird es aber schwierig für die Japaner, ihre Produkte zu wettbewerbsfähigen Preisen anzubieten. Zu den Problemen, die sie auf sich zukommen sehen, gehören teure Zulieferungen aus den EU-Ländern, Beschränkungen für qualifizierte Arbeitskräfte vom Kontinent und für die von London aus operierenden japanischen Banken sowie den drohenden Ausschluss von EU-Fördermitteln.

Insofern warnen die Japaner, dass ein Exodus von Unternehmen möglich ist, sollte der Zugang zum europäischen Binnenmarkt nicht mehr gegeben sein. Dabei sind die Japaner nicht für panische Hauruck-Entscheidungen bekannt. Vielmehr ist mit wohldurchdachten, stark aus der Zentrale gesteuerten Lösungen zu rechnen.

Die Finanzunternehmen Nippons sehen sich besonders stark von den sich verhärteten Fronten betroffen. Alle Investmentbanken haben daher seit geraumer Zeit ihren Blick auf Kontinentaleuropa als mögliche Alternativen zum Finanzzentrum London gerichtet. Während Premierministerin Theresa May versichert, dass sie nach einem großzügigen Freihandelsabkommen mit der EU und zollfreien Handel strebt, bezweifelt die japanische Geschäftswelt, dass May das gelingen wird.

So zeichnet es sich ab, dass die Finanzkonzerne Nomura und Daiwa nach dem Brexit ihre Europazentrale von London nach Deutschland verlegen werden. Der Finanzvorstand von Nomura, Takumi Kitamura, erklärte jüngst gegenüber dem Informationsdienst Bloomberg, dass die Entscheidung über den neuen Standort spätestens im Juni fallen werde. In engerer Wahl stehen Frankfurt, München, Luxemburg und Paris. Die Hessenmetropole gilt als die wahrscheinlichste Option. Nomura beschäftigt rund 3000 Mitarbeiter in Europa, davon 2500 in London. Für Frankfurt besitzt das Finanzhaus bereits die notwendigen Lizenzen. Die Daiwa Bank richtet ihren Blick derweil sowohl nach Frankfurt als nach Dublin.

Trotz der großen Sorge vor einem harten Brexit ist allerdings unverkennbar, dass Japans Firmen in jüngster Zeit als große Käufer in Großbritannien aufgetreten sind. Daten des Marktforschungsunternehmens Dealogic zeigen, dass 37 japanische Firmen innerhalb eines halben Jahres seit der Brexit Wahl im Juni 2016 britische Unternehmen im Wert von 33,5 Mrd. Yen (275 Mio. €) erworben haben. Sowohl in der Autoindustrie als auch in der Biotechnologie und im Versicherungswesen sollen Banken zufolge weitere Käufe in Vorbereitung sein. Der Reiz liegt sowohl im billigen britischen Pfund als im vertrauten rechtlichen Rahmen. 

stellenangebote

mehr