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Dienstag, 12. Dezember 2017

Industrie

Toshibas Kernkraftkrise hat weltweit Folgen

Von Barbara Odrich, Katharina Otzen | 2. März 2017 | Ausgabe 09

Massive Probleme bei der Kernenergiesparte bringen den Technologiekonzern Toshiba ins Wanken. Für Japan besitzt er strategisch wichtiges Know-how.

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Foto: imago/Kyodo News

Hochtechnologie: Toshiba entwickelt mit an Robotern, die das Innere der havarierten Reaktoren im Kernkraftwerk Fukushima Daiichi erkunden sollen.

Die Unternehmensgruppe aus Tokio ist schwer angeschlagen. Fast 4 Mrd. € Miese im Geschäftsjahr 2015/16 und ein Bilanzfälschungsskandal sind eine schwere Last. Vielleicht hilft nur noch der Verkauf des Tafelsilbers. Verluste bei Westinghouse, der Nukleartochter, drohen den 141 Jahre alten Toshiba-Konzern in die Knie zu zwingen.

Toshiba – japanische Industriesäule

Die Schuld dafür soll hauptsächlich bei dem 2006 für damals 5,4 Mrd. $ von British Nuclear Fuels (BNFL) gekauften britischen Kernkraftwerksbauer Westinghouse liegen. Statt sich als erfolgreicher internationaler Marktführer zu erweisen, schreibt dieser tiefrote Zahlen und sorgt für hohen Abschreibungsbedarf bei Toshiba, dieses Jahr in Höhe von 6,3 Mrd. $.

Verlustbringer sind unter anderem die Neubauprojekt zweier großer Kernkraftwerke in den USA (s. unten). Eine Geschichte ähnlich der Neuanlagen Olkiluoto 3 und Flamanville 3, die die französische Areva beuteln. Im laufenden Geschäftsjahr 2016/17 (Ende zum 31. 03. 2017) rechnet Toshiba daher erneut mit einem Nettoverlust, diesmal von 390 Mrd. ¥, umgerechnet 3,3 Mrd. €.

Der Toshiba-Skandal und seine Folgen

Satoshi Tsunakawa, Toshibas Aufsichtsratsvorsitzendem, ist die peinliche Aufgabe zugefallen, für dieses jüngste Desaster um Entschuldigung zu bitten. Statt ein Kernelement für das Wachstum des Konzerns zu bilden, soll die Sparte Kernenergie schrumpfen. Sie soll aufhören, neue Kernkraftwerke in Übersee zu bauen, und sich auf weniger risikoreiche Aktivitäten konzentrieren – wie das Brennstoffgeschäft, Wartung und das Kraftwerksdesign. Erst am Montag dieser Woche gab Westinghouse bekannt, den schwedischen Kraftwerksbetreiber OKG, eine Uniper-Tochter, bis 2030 weiterhin mit Brennelementen für dessen Reaktor Oskarshamn 3 zu beliefern.

Ein schneller Verkauf von Westinghouse soll vom Tisch sein – schlicht, weil sich kein Käufer findet. Doch kursieren in der japanischen Presse Berichte, Toshiba könnte stattdessen für Westinghouse Insolvenz anmelden.

Mitsubishi, neben Hitachi einer der beiden weiteren japanischen Mischkonzerne mit Kernenergiekompetenz, hat eine Rettung als „völlig unmöglich“ ausgeschlossen. Mitsubishi befindet sich selbst in einer Umstrukturierung, die mit dem Stichtag 1. April dieses Jahres offiziell beginnen wird.

Shunichi Miyanaga, Mitsubishis Präsident und Vorstandschef, betont zudem, die Reaktortechnologie der beiden Konzerne sei viel zu unterschiedlich. Eine Übernahme der Not leidenden Nuklearsparte von Toshiba sei nicht mit der Kooperation zwischen Areva und Mitsubishi zu vereinbaren: In dem seit 2007 bestehenden, Atmea genannten Joint Venture haben die beiden Partner gemeinsam einen neuen Druckwasserreaktor entwickelt.

Toshibas Kerntechnik-Know-how ist eng verwoben mit der Branche in Japan. Der Konzern baute den Reaktor 3 des havarierten Kernkraftwerks Fukushima Daiichi. Heute entwickelt Toshiba mit an Erkundungsrobotern wie dem „Scorpio“ (japanisch: Sasori), die ins Innere der Anlagen geschickt werden, um dort die Verhältnisse zu dokumentieren.

Toshiba-Chef Tsunakawa will deshalb – wenn er schon keinen Käufer für eine Mehrheit an Westinghouse findet –, um das weitere Risiko zu begrenzen, aus so vielen Projekten wie nur möglich aussteigen. Das betrifft Neubauprojekte weltweit, wie die in Großbritannien eingeläutete Renaissance der Kernenergie. Beim geplanten 3,8-GW-Projekt Moorside in Cumbria spielt Westinghouse bisher die führende Rolle. 2013 hat Toshiba sich mit 60 % mehrheitlich bei der Betreibergesellschaft Nugen eingekauft; den Rest hält die französische Engie. Mit Moorside will Nugen 8 % des britischen Strombedarfs decken.

Wenn Toshiba jetzt aus dem Projekt ausstiege, gefährdete dies den britischen Plan, mit Kernenergie einen Teil des Strombedarfs zu decken und zugleich die ehrgeizigen Ziele zur Senkung der CO2-Emissionen zu erfüllen. Deshalb wächst nun der Druck auf die britische Regierung, doch Steuergelder in Kernkraftprojekte zu investieren. Einen Anteil an Nugen zu kaufen und später an den Betreiber weiterzuverkaufen, würde die Staatskasse nicht sonderlich belasten. Doch würde die Regierung von Premierministerin Theresa May damit einen Präzedenzfall schaffen.

Denn was Toshiba für die drei in Moorside geplanten Westinghouse-Reaktoren recht wäre, wäre der japanischen Hitachi-Gruppe für ihr geplantes Kernkraftwerk Wylfa in Anglesey nur billig – gar nicht zu reden von den Partnern, die die Reaktoren in Hinkley Point bauen wollen.

In einem fast noch größeren Dilemma stecken alle Beteiligten sowohl in Indien als auch in den USA. Vielleicht kann Toshiba-Westinghouse den vor gut einem Jahr mithilfe des damaligen US-Präsidenten Barack Obama ergatterten Auftrag, in Indien fünf Kernkraftwerke zu bauen, noch zurückgeben. In den USA selbst aber bleibt kein Fluchtweg: Die beiden Neubauprojekte Vogtle 3 und 4 in Georgia sowie VC Summer 2 und 3 in South Carolina haben die Bauzeit wie den Etat weit überschritten: Vogtle kostet statt der veranschlagten 14,1 Mrd. $ mindestens 21 Mrd. $.

Dabei ist noch keineswegs klar, ob die Vogtle-Reaktoren als erste neue Kernkraftwerke in den USA seit über 20 Jahren wirklich 2019 in Betrieb gehen können – und was es dann gekostet haben wird. Ähnlich schleppend läuft die Entwicklung in South Carolina. Doch ein Stopp scheint in beiden Fällen undenkbar. Westinghouse hat schon versichert, beide Kraftwerke fertigzustellen.

Wenn es nicht gelingt, die beteiligten Stromversorger in den USA stärker zur Kasse zu bitten, muss Toshiba sehen, woher neues Geld kommt. Neben dem Verkauf lukrativerer Beteiligungen (s. Kasten), bleiben sonst nur die Steuerzahler, um Toshiba und die Kernkraftwerke zu retten – ganz gleich, ob in Japan, Großbritannien oder doch bei den neu entdeckten amerikanischen Freunden unter Präsident Donald Trump.

Der Bereich Energie enthält außer den Kernkraftwerken einen weiteren, kleineren Stolperstein: Um zu seinen Gasturbinen gleich den Brennstoff mitliefern zu können, hat Toshiba vor vier Jahren in den USA LNG (Liquefied Natural Gas, verflüssigtes Erdgas) für 7,4 Mrd. $ einkauft. Noch hat die Lieferung nicht begonnen, aber momentan sind die Gaspreise im Keller.

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