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Dienstag, 12. Dezember 2017

Gesundheit

Treppenhaus als Trainingsstätte

Von Sebastian Wolking | 30. März 2017 | Ausgabe 13

Die Digitalisierung zwingt zu immer mehr Arbeit am Rechner. Wie man Bewegung in den Alltag bringt, weiß Sportwissenschaftler Ingo Froböse.

Froböse BU
Foto: panthermedia.net/Wavebreakmedia

Nie wieder Aufzug! Das tägliche Treppensteigen ersetzt den Crosstrainer im Fitnessstudio – es sei denn, man arbeitet im ersten Stock.

VDI nachrichten: Professor Froböse, warum ist Sitzen so schädlich für uns?

Foto: Monika Sandel

„Ich würde die Parkplätze vor der Tür nicht immer den Führungskräften geben, sondern den aktivsten Mitarbeitern.“ Ingo Froböse, Sporthochschule Köln.

Froböse: Unser Stoffwechsel gerät ins Schlingern, weil die Versorgung vieler Organe, unserer Muskeln, unserer Haut, auch unseres Gedächtnisses nicht gewährleistet ist. Weil unser Stoffwechsel durch die Inaktivität nicht ausreichend stimuliert wird. Er braucht Arbeit, er braucht Reize von außen. Wir üben einen viel zu geringen Reiz auf die Muskulatur aus, sie schwindet im Laufe des Tages und damit des Lebens. Das Grundproblem ist also, dass wir eine Reizschwelle unterschreiten, die wir normalerweise brauchen, um unsere Organe am Leben zu erhalten.

Ingo Froböse

Nun rät die Deutsche Sporthochschule Köln Berufstätigen, mindestens 25 % der Arbeitszeit im Gehen oder Stehen zu verbringen. Ist das nicht völlig unrealistisch?

Es gibt eine ganze Reihe an Möglichkeiten. Man muss nicht im Sitzen telefonieren, das kann man auch sehr schön im Stehen machen. Man sollte keine Mails in Nachbarbüros schreiben, sondern hingehen. Wir sollten sehr viel häufiger auch die Pausen für Aktivität nutzen. Und wenn wir im Gebäude unterwegs sind, sollten wir bewusst den Fahrstuhl stehen lassen und die Treppe nehmen. Das aktiviert den Stoffwechsel. Es wäre auch sinnvoll, im Betrieb Distanzen zu schaffen, damit die Mitarbeiter weitere Wege gehen zu müssen.

Wie könnte man in einem Unternehmen Distanzen schaffen?

Ich würde die Parkplätze vor der Tür nicht immer den Führungskräften geben, sondern den aktivsten Mitarbeitern. Und den Parkplatz weit weg als Fitnessparkplatz deklarieren, nach dem Motto: „Hier sind die Fitnessparkplätze“ für alle, die etwas für ihre Gesundheit tun wollen. Dem aktivsten Mitarbeiter könnte man dann vielleicht den Chefparkplatz geben, weil er ihn sich verdient hat. Oder man belohnt das Fahrradfahren, indem man etwa dem aktivsten Radler ein Teamfahrrad zur Verfügung stellt. Auch das Treppenhaus sollte man attraktiver gestalten, damit es nicht mehr so muffig ist und alleine die Brandschutz-schilder zu sehen sind. Letztlich kann ich den Fahrstuhl so langsam wie möglich und das Treppenhaus so attraktiv wie möglich machen. Das Treppenhaus als Trainingsstätte im Bürogebäude wird ohnehin völlig unterschätzt.

Wieso das?

Wir haben vor einiger Zeit mal ein Projekt namens „Stair Talk“ durchgeführt. Dabei ging es darum, Treppenhäuser attraktiver zu gestalten. Wir Stufen mit Beschriftungen versehen wie: „Schon wieder drei Kalorien verbrannt“. Wir haben den Treppenhäusern also Inhalte gegeben. Das motiviert und ist vom Arbeitgeber relativ leicht umsetzbar. Man könnte auch eine Treppengeher-Community eröffnen. Die Teilnehmer bekommen einen Aufkleber an ihre Bürotür, auf dem sinngemäß steht: „Ich bin ein Treppengeher“. Das hilft, weil es die soziale Interaktion fördert.

Nun wird man das Problem allein durch Treppen steigen nicht bewältigen. Warum haben sich andere Hilfsmittel wie Sitzbälle oder Stehpulte nicht durchgesetzt?

Sitzbälle erfordern eine viel zu hohe muskuläre Beanspruchung. Stehpulte haben sich nicht durchgesetzt, weil bestimmte Tätigkeiten im Sitzen bequemer sind. Es gibt mittlerweile sogar Laufbänder mit Rechner; die wirken sich aber sehr fehlerhaft auf die Arbeit aus. Manchmal macht das Sitzen eben Sinn. Es reicht nicht aus, nur ein Gerät hinzustellen, solange die Menschen nicht die Sensibilität für das Thema entwickeln. Ich brauche rund um derartige Produkte eine Wissens- und Kompetenzvermittlung. Und die fehlt in der Regel. Das haben die Arbeitgeber komplett versäumt. Wir müssten Schulungen, Fortbildungen oder andere Veranstaltungen daran knüpfen, damit jedem Mitarbeiter deutlich wird: Es lohnt sich für mich persönlich.

Halten Sie sich selbst immer an Ihre Vorgaben?

Mein Büro ist im fünften Stock und ich fahre nie Fahrstuhl. Ich nehme bis zur zehnten Etage ausschließlich die Treppe. Ich wohne einen guten Kilometer entfernt und fahre nie zur Arbeit, sondern gehe immer zu Fuß. In der Mittagspause mache ich oft mit meinen Mitarbeitern einen kleinen Spaziergang, meist 15 oder 20 Minuten. Man bewegt sich und kann dabei außerdem noch ein wenig quatschen.

Was können Menschen tun, die ständig unterwegs sind?

Wer viel mit dem Auto unterwegs ist, könnte eine Pause, in der er tanken muss, aktiv für Kniebeugen nutzen. Wenn ich nichts tue, fällt das System ins Koma und die Zellen werden nicht mehr ausreichend versorgt. Meine Sensibilität muss so ausgeprägt sein, dass ich kurz an den Straßenrand fahre und mir eben nicht die Currywurst reinschiebe, sondern ein paar Bewegungsübungen mache. Wir alle haben die Zeit, uns zwischendurch fünf Minuten lang zu bewegen. Es ist nur eine Frage der Wertigkeit. Man muss sich nur überlegen, wo und wie man Bewegung in den Arbeitsalltag integrieren kann. Ich selbst bin auch sehr viel unterwegs. Wenn ich in Berlin bin, fahre ich so gut wie nie Taxi. Ich gehe immer zu Fuß. Oder ich steige eher aus und gehe die restlichen zehn Minuten zu Fuß.

Pendler, die nicht selten über einen stressigen Arbeitsweg klagen, sollten also dankbar für die Chancen sein, die sich ihnen bieten.

In der Tat. Als Pendler habe ich Freiräume und kann mich bewegen. Nur die meisten tun es nicht. Das ist das Problem. Warum warte ich an der Haltestelle fünf Minuten, wenn ich weiß, dass der Fußweg bis zur nächsten Station ebenfalls nur fünf Minuten dauert? Warum gehe ich dann nicht einfach los? Und noch ein Tipp: Setzen Sie sich in der Bahn bewusst nicht hin, sondern surfen Sie. Also stehen, aber nirgendwo festhalten und die Bewegungen aktiv mit dem Körper ausgleichen. So nutzt man die Fahrt als Stimulus.

Wie lautet Ihre Prognose: Werden sich diese Konzepte durchsetzen?

Ich glaube ja. Wir müssen verstehen, dass es nicht darum geht, die Menschen in Bewegung zu bringen, sondern die Bewegung wieder zu den Menschen zu bringen. Das bedeutet, dass man Räumlichkeiten so gestaltet, dass sie den Menschen die Bewegung nicht erleichtern oder abnehmen. Sie dürften in gewisser Weise nicht barrierefrei sein. Alle Menschen nur über Motivation zur Bewegung zu animieren, funktioniert nicht. Aber wenn ich sie sanft zwinge, könnte es klappen.

Sind Ihre Kollegen in dieser Beziehung genauso ambitioniert wie Sie?

Ich bin da schon ein Aushängeschild. Wenn ich mittags am Fahrstuhl vorbeigehe, kriegen die Wartenden entweder ein schlechtes Gewissen oder sie gehen mit. Ich bin also eine Art Animator. Deswegen treibe ich es vielleicht auch manchmal zu weit. Aber diese Provokationen wirken.

Sie haben einen diebischen Spaß daran, oder?

(Froböse lacht) ja klar. Ein Kollege sagt immer: Du bist das schlechte Gewissen der Nation. Da ist was dran. Diese Rolle spiele ich bewusst. Man muss Menschen ein bisschen an ihren Emotionen packen und zum Nachdenken bewegen.

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