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Freitag, 15. Dezember 2017

Verkehr

Verkehrsdschungel Berlin

Von Oliver Klempert | 25. Mai 2017 | Ausgabe 21

Radfahren in Berlin – das ist gefährlich und entspannend zugleich. Denn nirgendwo sonst prallen verschiedene Lebenswelten so krass aufeinander.

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Foto: imago/Jürgen Ritter

Radfahrer teilen sich Berlins Straßen mit Autos, Lkw und öffentlichen Verkehrsmitteln – oft auf engstem Raum.

Berlin-Kreuzberg, Mittagszeit. Hupende Autofahrer, ein schreiendes Baby auf dem Gehweg, Skateboardfahrer, Straßenhändler und klingelnde Radler, die mit Affenzahn vorbeizischen: Die Lage ist unübersichtlich in der Oranienstraße, einer bekannten Kiezstraße mit vielen Kneipen mitten in der Stadt. Laut ist es, das Leben tobt. Eben waren wir noch auf einem Fahrradweg unterwegs, nun, nach einer Ampel, hört dieser wie abgeschnitten plötzlich auf. Wo er eigentlich weiterführen müsste, parken stattdessen Autos. Wasilis von Rauch und Katja Täubert radeln voraus, nun direkt auf der Straße, als uns ein Schatten überholt. „Dreh dich mal um“, ruft von Rauch, Bundesvorsitzender des ökologischen Verkehrsclubs VCD. Vielleicht 2 m hinter uns fährt ein riesiger Doppeldeckerbus der Berliner Verkehrsbetriebe.

Radfahren in Berlin

Der Bus schert aus, um zu überholen, wir radeln unterdessen sehr nah an parkenden Autos vorbei, in der Hoffnung, dass sich nicht gleich eine Autotür öffnet. Es ist eine jener Situationen, die man in Berlin als Radfahrer täglich Dutzende Male erlebt. Mal endet ein Radstreifen im Nirgendwo, dann beginnt unmittelbar wieder einer. Mal kann man gemütlich vor sich hinstrampeln, mal muss man alle paar Minuten um sein Leben fürchten.

Foto: O. Klempert

Katja Täubert und Wasilis von Rauch vom ökologischen Verkehrsclub VCD. Rote Radstreifen am Moritzplatz signalisieren Autofahrern in Berlin, dass sie Vorsicht walten lassen sollten – vor allem wenn sie rechts abbiegen.

Berlin, das ist der Inbegriff des täglichen Beinahe-Verkehrsinfarkts. Radfahrer sind ein Teil davon. Es kann schnell gefährlich werden, wenn ein Autofahrer nicht nach hinten blickt, rechts abbiegt und einem Radfahrer die Vorfahrt nimmt. Jedes Jahr sterben deshalb mehrere Menschen auf Berlins Straßen. Als Autofahrer muss man hingegen stets und überall damit rechnen, dass von irgendwoher ein Radfahrer kommt.

Denn wie unter einem Brennglas fokussiert sich für Radfahrer hier eine mal mehr und mal weniger gelungene Verkehrspolitik – aus vielen Gründen: Innerhalb Deutschlands wohnen in Berlin schließlich die meisten Menschen auf einem Fleck. Es gibt drei Universitäten und mehrere Fachhochschulen, deren Fakultäten über die ganze Stadt verteilt sind. Die meisten Studenten können sich kein Auto leisten, fahren daher mit dem Fahrrad.

Anders als andere Städte ist Berlin zudem sehr flach, es gibt kaum Berge, die das Radfahren erschweren würden, und die Straßenquerschnitte sind recht breit. Zudem ist der öffentliche Nahverkehr oft überfüllt, S-Bahnen fallen regelmäßig aus, sodass sich viele lieber auf die eigene Muskelkraft verlassen. In der morgendlichen und abendlichen Stoßzeit liegt die Durchschnittsgeschwindigkeit im Auto laut aktuellen Erhebungen gerade einmal bei etwas über 8 km/h. Gleichzeitig gibt es nicht zuletzt wegen der früheren Teilung der Stadt keine homogene Radinfrastruktur.

Foto: O. Klempert

Oranienstraße in Berlin: Eben war da noch ein Fahrradweg. Nun parken Autos die Straße zu. Die Radler müssen auf die Fahrbahn ausweichen.

Vielerorts sind es Kleinigkeiten, die dieses Chaos bändigen sollen. Täubert und von Rauch biegen ab, Richtung Kottbusser Tor, einem riesigen Kreisverkehr, über den noch die Hochbahn donnert. Das eigene Wort ist kaum noch zu verstehen. Von Rauch hat eine jener Kleinigkeiten entdeckt, die Autos und Radfahrer zumindest ein wenig mehr auf Augenhöhe bringen sollen. Direkt vor einer Ausfahrt auf dem Seitenstreifen, auf dem sonst illegal Autos parken, sind Fahrradständer einbetoniert. „Hier kann jetzt kein Auto mehr parken, diese kleine Maßnahme ändert daher schlagartig die Sichtachsen sowohl für Rad- als auch für Autofahrer“, erklärt von Rauch – die Radfahrer sehen besser und früher, ob ein Auto die Einfahrt nutzt. Und die Autofahrer sehen die Radfahrer eher ankommen. „Diese kleine bauliche Maßnahme kann an dieser Stelle die Spannung ein wenig herausnehmen.“

Vielleicht ist es nicht ganz fair, vom extrem dicht besiedelten Bezirk Kreuzberg auf ganz Berlin und damit aufs Radfahren in der Stadt insgesamt zu schließen, gleichwohl: Was man hier alle paar Minuten erlebt, ist eben doch bezeichnend für den Umstand, dass in Berlin mehr denn je alle Verkehrsträger um einen begrenzten Raum konkurrieren. „Oft fühlt es sich wie ein unfreiwilliges Jump’n’Run-Spiel auf dem Computer an.

Man fährt mal ein Stück auf der Straße, dann muss man auf den Gehweg springen, dann ist der Radweg von einem Lieferwagen zugeparkt und man muss drum herum fahren. Wenn man am Ziel ankommt, fehlen die Abstellanlagen. Man muss ständig improvisieren“, sagt von Rauch.

Der VCD, der sich für eine ökologische Verkehrspolitik einsetzt, kämpft daher an vielen Fronten für mehr und bessere Radwege, mehr noch – dass die baulichen Gegebenheiten überhaupt erst einmal mit den gesetzlichen Vorgaben in Einklang gebracht werden.

Gut eine halbe Stunde zuvor, wir sind an der Geschäftsstelle des VCD im Bezirk Mitte gestartet und radeln die Heinrich-Heine-Straße hinab, eine große vierspurige Straße, die die Bezirke Mitte und Kreuzberg miteinander verbindet. Wie selbstverständlich blockiert ein großer Lieferwagen plötzlich den Radweg, es folgt eine Baustelle – Slalomfahren ist angesagt. Es nimmt vorweg, was von Rauch später sagen wird. Rechts von uns parken Autos dicht an dicht.

Foto: O. Klempert

Einfahrt in ein Parkhaus: Damit sich Rad- und Autofahrer gegenseitig besser und vor allem früher sehen, machen einbetonierte Radständer illegales Parken kurz vor der Einfahrt unmöglich.

Täubert, Projektassistentin zum Thema „Multimodal unterwegs“ beim VCD, lässt sich mit ihrem Rad ein wenig zurückfallen, erklärt beim nächsten Ampelstopp: „Kaum einer weiß, dass Radfahrende beim Vorbeifahren an geparkten Autos laut Gesetz 1 m Abstand halten müssen.“ Nur seien viele Radwege eben so schmal, dass man dann direkt auf der Fahrbahn der Autos landen würde. „Wenn man das macht, folgt in der Regel ein Hupkonzert.“

Wir nähern uns dem Moritzplatz, ebenfalls ein großer Kreisverkehr in Kreuzberg. Über Jahre war der Moritzplatz einer der Unfallschwerpunkte in Berlin – immer wieder krachte es zwischen Auto- und Radfahrern.

Auch hier ist kurz vor Mittag viel Verkehr. Vor zwei Jahren erhielt der Kreisverkehr rot markierte, großflächige Radspuren – sogar zwei nebeneinander, sodass man nun sowohl im Kreisverkehr geradeaus fahren als auch auf der eigenen Radspur abbiegen kann. „Ein gutes Beispiel, was man machen kann, um die Lage für den Radverkehr zu entschärfen, leider sind die Fußgänger dafür bei den meisten Einmündungen vergessen worden“, sagt Täubert.

Von Rauch und Täubert könnten als Verkehrsexperten lang darüber reden, was man alles machen müsste, um die Lage für Radfahrer in Berlin erträglicher zu machen, durch bauliche Separierungen von Radwegen und Straßen etwa. „Es gibt vielleicht nicht ständig Unfall-, aber doch sehr viele Konfliktsituationen“, sagt Täubert.

Foto: O. Klempert

Die Ausnahme: Eine einsame Radfahrerin auf der Oberbaumbrücke über der Spree zwischen Friedrichshain und Kreuzberg. Zur Rushhour morgens und abends geht hier allerdings nichts mehr.

Ortswechsel in den Stadtteil Friedrichshain, ein paar Kilometer entfernt. Die Frankfurter Allee ist eine riesige, zum Teil achtspurige Ausfallstraße, die fast durch den gesamten ehemaligen Ostteil der Stadt führt. Es gibt einen über lange Strecken durchgehenden Radweg – Aufforderung für manchen Radfahrer, möglichst kräftig in die Pedale zu treten und dabei möglichst schnell zu werden.

Für viele ist Radfahren hier nicht Selbstzweck, sondern reines Vorankommen. Es dauert nur ein paar Minuten, da ist bereits der erste vorbeigerast. Grüne Ampeln, die seinen Weg queren, Fußgänger, Kinder – der Radfahrer nimmt kaum auf etwas Rücksicht.

Dabei wäre besonnenes Fahren hier besonders angesagt: Unter der Frankfurter Allee führt eine U-Bahnlinie entlang – und die Ausgänge liegen vielerorts direkt neben dem Radweg. Hier kann nach Verlassen des Treppenaufgangs schnell ein Unfall zwischen Radfahrer und Fußgänger passieren.

Dies alles zeigt: Die Spannbreite möglicher Verkehrs- und Konfliktsituationen zwischen verschiedenen Verkehrsträgern in Berlin ist beinahe unendlich, zumal viele Radwege direkt auf der Straße liegen. Schuld kann schnell jeder sein. Dabei ist den Berlinern das Schimpfen ohnehin in die Wiege gelegt. Für bessere Laune sorgt da schon das Wetter. Der Himmel strahlt blau, der Frühling hält Einzug in der Hauptstadt, die Menschen holen ihre Räder aus dem Keller.

Dann gibt es eben bei solchem Wetter nichts Besseres, als mit dem Fahrrad in der Stadt unterwegs zu sein, vor allem, wenn man an allen Staus vorbei oder durchs Grüne fährt. Denn wo man sich auch befindet: Stets dauert es nur ein paar Minuten bis in die nächste Grünanlage, so auch hier hinter einem großen Einkaufszentrum an der großen Frankfurter Allee.

Schnell hat einen der Dschungel mitten in der Stadt verschluckt. Der Autolärm stirbt. Stattdessen zwitschern die Vögel so laut, als wollten sie es den Autos zeigen, auf einem Tümpel schnattern unterdessen Enten. Automatisch drosselt man das eigene Tempo. Durch die Baumkronen brechen die Strahlen der Abendsonne. Und das alles, obwohl der Park eingekeilt zwischen S-Bahntrasse, Hauptverkehrsstraßen und Straßenbahnschienen liegt.

Die kleine grüne Insel verschafft eine Atempause. Hier fühlt man: Radfahren in Berlin – das ist mehr als nur unversehrt von einem Ort zum anderen zu gelangen, es ist Freizeitvergnügen und K(r)ampf gleichermaßen. Und nicht zuletzt: Berlin ist so groß, man entdeckt per Rad fast schon automatisch immer wieder etwas Neues.

Quasi an jeder Ecke lockt ein Café, ein Buchladen oder ein Spielplatz. Das bleibt einem im Auto meist verschlossen, denn freie Parkplätze sind Mangelware. So auch hier: Fast ein wenig versteckt liegt hier das Theater an der Parkaue – Premiere in diesem Jahr: „In 80 Tagen um die Welt“. Am besten auf dem Fahrrad.

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