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Dienstag, 12. Dezember 2017

Brandschutz

Verkohltes Mahnmal

Von Fabian Kurmann | 22. Juni 2017 | Ausgabe 25

Beim Londoner Wohnhochhaus wurde an den falschen Ecken gespart. Eine ähnliche Brandkatastrophe ist in Deutschland unwahrscheinlich, ein Restrisiko bleibt aber.

Grenfell Tower
Foto: Reuters/Neil Hall

Regelrecht abgefackelt: Die Ruine des Wohnhochhauses Grenfell Tower in London, nachdem die Flammen erloschen sind.

Der Großteil der Fassaden ist schwarz und auch im Inneren ist der 67 m hohen Turm völlig ausgebrannt. Das Wohnhochhaus Grenfell Tower in London ist seit Mittwoch vergangener Woche nur noch eine Ruine. Die Flammen hatten sich gegen ein Uhr morgens vermutlich vom vierten Stock ungewöhnlich schnell ausgebreitet und viele Bewohner der 127 Wohneinheiten im Schlaf überrascht. Bei Redaktionsschluss am Dienstag sprachen britische Medien von mindestens 79 Toten.

Erst im vergangenen Jahr war das 1974 gebaute Hochhaus für umgerechnet rund 10 Mio. € saniert worden. Die neue vorgehängte, hinterlüftete Fassade und Aluminium-Sandwich-Module mit Polystyrolkern stehen im Verdacht, eine Hauptursache für die extreme Brandausbreitung zu sein.

Das Dämmmaterial hängt etwa 3 cm bis 5 cm vor einer Blechfassade. „Diese Konstruktion ist kritisch, wenn brennbares Dämmmaterial verwendet wird“, sagt Peter Bachmeier, leitender Branddirektor der Einsatzvorbeugung der Münchner Feuerwehr. Durch den Spalt entstehe bei einem Brand ein Kamineffekt, der alles viel schneller abbrennen lasse. „So ist es auch zu erklären, dass sich das Feuer an der Fassade so schnell ausbreitete“, sagt der Ingenieur.

Das Aluminium der Module schmilzt bei 660 °C und gibt deren Kern frei. Polystyrol gilt laut DIN 4102–1 nur als „schwer entflammbar“. Bei Temperaturen, die in Bränden über 1000 °C erreichen, brennt es wie Zunder.

„Wer in Deutschland diese Konstruktion für ein Hochhaus wählt, muss nichtbrennbares Material verwenden und die Hinterlüftungsspalte alle zwei Geschosse mit Blechen beschränken, die dank weniger Öffnungen wie eine Brandbremse wirken“, sagt Bachmeier. Geeignet wären etwa Mineralwolle oder Schaumglas. Die Kosten solch einer Ausführung lägen etwa 30 % über denen, für die sich die Betreiber in London entschieden hätten, so der Branddirektor.

Die Untersuchungen laufen noch, aber nicht nur die Fassade scheint problematisch gewesen zu sein. Nach Analyse etlicher Videos des Brandes folgert Sylvia Heilmann, Honorarprofessorin für Brandschutz an der TU Dresden: „Hier scheint das Grundprinzip der Abschottung in den Decken nicht umgesetzt worden zu sein.“ Im Gebäudes habe sich der Brand teils sogar schneller als auf der Fassade ausgebreitet.

In Deutschland müssen mindestens alle zwei Geschosse Brandschotten in Lüftungsschächte für Bäder und Küchen eingebaut werden. Sonst kann sich Feuer über die Versorgungsschächte ungehindert ausbreiten. „In einem Hochhaus wie dem in London müssen die Installationen in den Schächten mit zahlreichen Schotts feuersicher abgetrennt werden. Das ist teuer und wartungsintensiv.“, sagt Heilmann.

Beim Grenfell Tower wanderten die Flammen scheinbar nicht nur nach oben. „Das brennende Abtropfen der Fassadendämmung sorgte zudem dafür, dass sich der Brand auch noch nach unten ausbreitete, was absolut katastrophal wirkt und deutlich in den Videos zu sehen ist“, sagt die Prüfingenieurin.

Es sei entsetzlich, wie hier Praxiserfahrungen und wissenschaftliche Erkenntnisse ignoriert worden seien, sagt Branddirektor Bachmeier. „Schlechter hätte man es nicht machen können.“

Mittlerweile ist laut der britischen Medienanstalt BBC aktenkundig, dass sich die Verantwortlichen beim Grenfell Tower aus Kostengründen gegen eine Löschanlage und eine nichtbrennbare Fassade entschieden haben. Bei Gebäuden über 30 m Höhe ist eine Löschanlage dort Pflicht, aber es gibt keine Vorschrift, Bestandsgebäude nachzurüsten.

Länder wie Großbritannien, Dänemark und Norwegen setzen auf ein repressives System, das heißt, dass der Eigentümer für die Prüfung selbst verantwortlich ist und im Schadensfall haftet. Den Betroffenen nützt das kaum etwas.

In Deutschland besteht beim Brandschutz ein präventives System. Das heißt, bevor etwas gebaut wird, müssen Prüfingenieure nach dem Vier-Augen-Prinzip unabhängig die Planungen von Kollegen prüfen und deren Bauausführung kontrollieren. Sicherheitsdefizite werden in der Regel vorher aufgedeckt.

Aber auch in Deutschland gebe es den Trend zur Privatisierung und die Tendenz, das Brandschutzniveau zu senken, sagt Bachmeier. Wenn es um Einsparungen beim Bau gehe, gerate der Brandschutz immer wieder ins Visier. Auch Prüfingenieurin Heilmann warnt vor einer Deregulierung wie in Großbritannien, die auch die Sicherheit in Bauwerken umfasse. „Das muss in Deutschland unbedingt vermieden werden!“

Fassadenbrände bei Hochhäusern gibt es hier praktisch nicht. „Bis 1982 wurden Hochhäuser kaum gedämmt und seit 1982 gibt es die Hochhausrichtlinie, die brennbare Materialen für Fassaden verbietet.“ Selbst nachträgliche Sanierungen der Wärmedämmung müssten in jedem Bundesland genehmigt werden, sagt Klaus-Dieter Wathling von der obersten Bauaufsichtsbehörde in Berlin. „Es ist nicht damit zu rechnen, dass Hochhäuser in Deutschland brennbare Außenwände besitzen.“

Ein Restrisiko bleibt aber. Denn Bestandsgebäude werden nur bei Umbauten kontrolliert oder wenn der Eigentümer selbst eine Prüfung beauftragt. „Bestehende Gebäude, die als Wohngebäude genehmigt wurden, und als solche immer genutzt werden, kontrolliert niemand“, sagt Heilmann.

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