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Donnerstag, 14. Dezember 2017

Erdgas

Versorgung sicherer

Von Manfred Schulze | 7. Dezember 2017 | Ausgabe 49

Dank des wachsenden Flüssigerdgasmarktes wird Europa zunehmend unabhängiger von einzelnen Erzeugerländern.

w - Gas BU
Foto: Carsten Koall/Getty Images

Mehr Gaspipelines dürften in Europa gebraucht werden. Im Bild erhalten Röhren für Nordstream II im Logistikhub des Unternehmens im Fährhafen Sassnitz eine Betonummantelung.

Die Versorgungssicherheit mit Erdgas hat sich in den letzten Jahren in Europa weiter verbessert, weil immer mehr Tanker mit verflüssigtem Erdgas für liquide Märkte sorgen. Auch in Deutschland, das bislang über kein eigenes LNG-Terminal verfügt, sondern über Pipelines aus Norwegen und Russland vertraglich gesicherte Liefermengen bezieht, stehen die Ampeln trotz einiger ungeklärter Fragen auf Grün.

Noch vor Jahresfrist gab es durchaus ernst zu nehmende Warnungen, dass Europa durch eine fehlende strategische Gasreserve in den Speichern beim Zusammentreffen einer politischen Krise mit einem strengen, langen Winter durchaus in Schwierigkeiten kommen könne. Denn obwohl die Speicherkapazitäten beispielsweise in Deutschland theoretisch ausreichen würden, um eine solche Zeit um mindestens 90 Tage zu überbrücken, gibt es derzeit keine Regelungen, die eine Winterbevorratung sichern.

Die deutschen Erdgasspeicher mit einem Volumen von rund 23 Mrd. m3 sind zwar jetzt gut gefüllt, doch die Gasmengen werden bei entsprechenden Preissignalen auch bereits frühzeitig von den Händlern auf den Markt gebracht. Sollte es spät im März zu einem Engpass kommen, dürfte zwar die Regulierungsbehörde in den freien Handel eingreifen – allerdings es ist unklar, wie hoch der Füllstand dann noch ist.

Doch ein solches Szenario ist ziemlich unwahrscheinlich, darin waren sich die meisten Teilnehmer der Jahrestagung Gas des Euroforums in Berlin weitgehend einig. Die gerade veröffentlichte Risikobewertung der EU zur Versorgungssicherheit, für die mehrere Ausfallszenarien durchgespielt wurden, sieht für Zentraleuropa keine Probleme, berichtete Jörg Bergmann, Sprecher der Geschäftsführung des Gasnetzbetreibers Open Grid Europe aus Essen. Nur im Osten – und hier speziell auf dem Balkan – bestehe noch eine relative einseitige Abhängigkeit von Gaslieferungen aus Russland; alle anderen Regionen des Kontinents gelten vor allem durch die Diversifizierung der Bezugsquellen als gesichert.

Letztlich profitieren dabei die Verbraucher vom immer stärker wachsenden Segment des verflüssigten Erdgases (Flüssigerdgas, englisch Liquified Natural Gas, kurz LNG) auch preislich, weil sich der Wettbewerbsdruck zwischen den einzelnen Produzenten erhöht: In den USA ist das erste LNG-Exportterminal Sabine Pass 2016 am Golf von Mexiko in Betrieb gegangen. Zugleich wurden in Europa Kapazitäten für die Anlandung erweitert, die derzeit allenfalls zu 25 % ausgelastet sind – also auch bei zeitweiligen Ausfällen von Pipelinegas einspringen können.

Seit November gelten in der EU neue, verschärfte Sicherheitsvorkehrungen. Mit dem Inkrafttreten einer neuen Erdgas-Versorgungssicherheits-Verordnung (Erdgas-SoS-VO) der EU besteht die Pflicht zu einer „Solidarität“ zwischen den EU-Ländern. Was heißt: Wenn es beispielsweise zu Engpässen in Polen käme, müssten auch in Deutschland gespeicherte Vorräte geliefert werden. Allerdings sind, wie eigentlich vorgesehen, bisher wichtige Regelungen zu einer Rangfolge der Kunden nicht europaweit harmonisiert, die im Falle von einer solchen Versorgungskrise zuerst vom Netz genommen werden müssten.

In Deutschland zum Beispiel gelten laut Energiewirtschaftsgesetz nur Haushaltskunden und die Fernwärme als „geschützte Kunden“. Es könnte also theoretisch durchaus sein, dass ein Nachbarland deutsche Gasvorräte aufrufe, um die Industrie versorgen zu können, während dann in Deutschland – immer eine länger anhaltende Mangelsituation vorausgesetzt – das Gas nicht mehr für den Betrieb von Kraftwerken ausreicht.

Doch das sind derzeit vor allem theoretische Planspiele, die Wolfgang Peters, Managing Director des erst kürzlich gegründeten Erdgasversorgers Gas Value Chain Company, fast schon als Thema von gestern einordnen möchte. „Eine solche enge Betrachtung der Versorgungssicherheit ist angesichts der hohen Flexibilität der Versorgung auch von der Internationalen Energie-Agentur seit 2016 nicht mehr erforderlich“, sagt er. Denn mit den immer schneller wachsenden Mengen von LNG, die in großen Bunkern an Land, aber auch auf den fahrenden Schiffen unterwegs sind, werde sofort bei einer regionalen Verknappung über ein Preissignal die Fließrichtung der Gasströme verursacht.

Der Anteil von LNG am Weltgasmarkt steigt laut Peters dramatisch an, von 42 % im Jahre 2014 auf mehr als 55 % im Jahr 2040. Doch schon heute spiele es eigentlich keine Rolle mehr, ob ein einzelnes Förderland seine Pipelineverträge einhalte – sofern die Speicherkapazitäten einkalkuliert werden. Als Beispiel nennt Peters die baltischen Staaten, die von russischem Gas traditionell abhängig waren.

Seitdem hier ein Schiff im litauischen Klaipeda LNG regasifiziere, habe Gazprom lokal sogar von den hohen Preisen Abstand genommen. „Das einzige Land, das von einem Lieferstopp aus Russland getroffen würde, wäre heute Russland“, sagt Peters. Auch die arabische Blockade von Katar, dem wichtigsten Produzenten von LNG, habe zu keinen nennenswerten Ausfällen geführt.

Zudem wird auch das Pipelinenetz immer weiter ausgebaut, sowohl für die Importströme (Nordstream II) als auch für die Interkonnektivität. Denn LNG kommt zwar per Tanker an die Terminals zum Beispiel in Rotterdam, muss dann aber in ausreichenden Mengen zu den Verbrauchszentren als Pipelinegas transportiert werden können. Die bisherigen Transportwege reichen allein nicht aus, wenn es um mehr geht als die Versorgung einiger Erdgastankstellen.

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