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Donnerstag, 22. Juni 2017, Ausgabe Nr. 25

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Auslandsgeschäft

Viel Geduld ist jetzt gefragt

Von Manfred Bergheim | 27. April 2017 | Ausgabe 17

Abwartend und vorsichtig reagieren Unternehmen und Verbände auf die aktuelle Lage in der Türkei.

Türkei BU
Foto: Picture-Alliance/Depo Photos/ABACA

Demonstranten in Istanbul protestieren gegen die autokratische Herrschaft von Präsident Recep Erdogan. Die deutsche Wirtschaft hält sich derweilen zurück.

Nach dem Referendum in der Türkei, und der damit verbundenen Abkehr des Landes von demokratischen und liberalen Grundwerten bleiben viele Fragen offen. Das betrifft nicht nur die politische Bindung an Europa, sondern auch die wirtschaftliche. Während die Konzerne relativ gelassen bleiben, sind mittelständische Unternehmen durchaus verunsichert. Gut 6800 deutsche Unternehmen sind direkt in der Türkei aktiv.

Die Bosch-Gruppe etwa lässt durch eine Sprecherin mitteilen, dass das Unternehmen in der Türkei bereits seit über hundert Jahren vertreten sei und die Aktivitäten in dem Land langfristig ausgerichtet sind. Für das Geschäft seien stabile Rahmenbedingungen wichtig, deshalb werde die derzeitige Entwicklung genau beobachtet. Bosch beschäftigt in der Türkei rund 17 000 Mitarbeiter. Es werden Hausgeräte produziert, Wandheizgeräte und Warmwasserbereiter, aber auch Komponenten für die Automobilindustrie. Rund 300 Mio. € investierte das Unternehmen zwischen 2013 und 2015 in die Erweiterung seines Standortes in Bursa, um dort Hochdruckeinspritzungen für Diesel-Pkw zu fertigen.

Das Exportgeschäft mit der Türkei sei etwas zurückgegangen, die Importseite habe sogar leicht zulegt, aber die dahinter stehenden Gründe könnten zum jetzigen Zeitpunkt nicht klar benannt werden, erläutert Christoph Hanke von der IHK Köln, die in Nordrhein-Westfalen den Länderschwerpunkt Türkei betreut.

Nach Angaben der deutsch-türkischen Industrie- und Handelskammer wurden in 2016 für insgesamt rund 14 Mrd. $ Waren aus der Türkei nach Deutschland geliefert sowie für rund 21,5 Mrd. $ Güter aus Deutschland in die Türkei exportiert. „In der Türkei findet ein Umbruch statt, dessen Ende noch nicht absehbar ist. Wir hatten deshalb vermehrt Anfragen zur Situation in der Türkei und beobachten, dass im Neugeschäft relativ wenig Nachfrage besteht und es im Bestandsgeschäft durchaus Beratungsbedarf gibt,“ berichtet Christoph Hanke.

Wegen der Terroranschläge gab es im vergangenen Jahr bereits Reaktionen bei den deutschen Mittelständlern. Manche Messen fanden weniger Aussteller aus Deutschland, weil Unternehmen nicht Leben und Gesundheit ihrer Mitarbeiter riskieren wollten. Die Türkei werde nicht zuletzt durch Erdogans Isolationspolitik volkswirtschaftlich schwächer, aber sie werde weiterhin ein bedeutsamer Partner bleiben, zieht Christoph Hanke eine vorläufige Bilanz.

Die Wirtschaftslage am Bosporus trübte sich bereits vor dem Putschversuch im Juli des vergangenen Jahres ein: So gingen die ausländischen Direktinvestitionen in der Türkei im ersten Halbjahr 2016 um 46 % auf 3,8 Mrd. $ zurück. Die Europäische Kommission rechnet für 2017 mit einem Rückgang um 1,4 % und für 2018 mit einem Nullwachstum der Investitionen. Deutsche Unternehmen investierten 2016 rund 430 Mio. $, nach einem außergewöhnlichen Höchststand in 2013 von fast 2 Mrd. $.

„Eigentlich ist jetzt ein guter Zeitpunkt für Investitionen in der Türkei, da die Unterstützung der türkischen Politik für deutsche Unternehmen vorhanden ist. Aber ich verstehe die Zurückhaltung der mittelständischen Industrie in Deutschland. Rechtssicherheit ist stets ein wichtiges Thema, auf das wir angesprochen werden. Die Sicherheit von Investitionen war in der Vergangenheit aber nie beeinträchtigt. Wir glauben auch nicht, dass sich daran etwas ändert“, sagt Jan Nöther, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der deutsch-türkischen Industrie- und Handelskammer.

Ein EU-Beitritt der Türkei sei zwar in weite Ferne gerückt, aber dem Land sollte nun die Möglichkeit geben werden, sich wieder stärker in die internationale Gemeinschaft zu integrieren, bekräftigt Nöther. Er hofft, dass die Zeit der Polemiken vorbei ist und zu mehr Sachlichkeit zurückgefunden wird.  

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