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Donnerstag, 14. Dezember 2017

Ethik

Was dürfen Neurotechnologien?

Von Christiane Schulzki-Haddouti | 22. Juni 2017 | Ausgabe 25

Technologien, die Gedanken übertragen können, stehen vor dem Durchbruch zum Massenmarkt. Angesichts des steigenden Missbrauchrisikos entwickelten Schweizer Forscher neurospezifische Grundrechte.

Neuro BU
Foto: Deutscher Zukunftspreis/Ansgar Pudenz

Neurodaten liefern die Basis zum Beispiel für die Entwicklung von Hirnschrittmachern gegen Parkinson. Wie Forscher mit den gewonnenen Informationen umzugehen haben, sollen neue Grundrechte klären.

Die Gedanken sind frei, wer kann sie erraten – heißt es im Volkslied. Die Annahme, Gedanken seien „von außen“ nicht zu entziffern, verliert in diesen Tagen an Gewissheit. Neurotechnologien, mit denen Gedanken per Tastatur, Touchscreen und Mikrofon übertragen werden, erreichen bereits den Mainstream: Vor wenigen Wochen erst bestätigte Facebook, dass man an einer entsprechenden Gehirn-Computer-Schnittstelle forsche, um das Buchstabieren einfacher zu gestalten.

Die vier Grundrechte

Für Marcello Ienca, Doktorand am Institut für Bio- und Medizinethik der Universität Basel, ist „die Gefahr des Missbrauchs von Neurotechnologien, um an private Daten zu gelangen, durch die technologischen Fortschritte stark gewachsen“.

Beispiel „Brain Hacking“: Bereits im Jahr 2011 rekonstruierte eine Forschergruppe der University of California in Berkeley mithilfe von technisch aufwendigen Brainscans, welchen Filmausschnitt Probanden zuvor gesehen hatten. Und Forscher der Universität Oxford hackten 2012 ein EEG mit einem günstigen Neuroheadset, wie es die Firmen Emotiv und NeuroSky für Computerspiele vermarkten. Damit verschafften sich die Wissenschaftler Zugang zu den Gehirnsignalen eines Probanden und zogen mit manipulierten Bildstimuli Rückschlüsse auf Passwörter, bekannte Orte und Geburtsdaten. Andere US-Forscher platzierten im vergangenen Jahr Bilder in Apps und zogen aus den gemessenen Reaktionen Rückschlüsse auf sexuelle Orientierung und religiöse Einstellung der Versuchsteilnehmer.

Schon jetzt räumen sich Unternehmen wie Emotiv in ihren „Allgemeinen Geschäftsbedingungen“ das Recht ein, erhobene neuronale Daten auch für andere Zwecke verwenden zu dürfen. Die Frage, welche Rechte Menschen und Unternehmen an solchen Daten haben dürfen, steht für Neuroethiker Ienca im Zentrum seines wissenschaftlichen Interesses. Neuronale Informationen seien stark mit der Subjektivität und der privaten Dimension verbunden.

Man befindet sich in einer Grauzone: „Manche der bestehenden Regeln greifen, manche nicht“, sagt er. Auch sei unklar, ob manches überhaupt geregelt werden solle oder ob das herkömmliche Recht greife und inwieweit dieses angepasst und erweitert werden müsse. Sollten etwa Gesundheitseinrichtungen nicht nur über ein Nutzungs-, sondern auch über ein Eigentumsrecht verfügen, womit sie die Daten auch kommerziell verwerten dürften? Oder stünden damit Patienten vor einem neuen Risiko, nämlich, dass sie in Bezug auf die eigenen Neurodaten enteignet werden könnten? Letzterem, betont Ienca, müsse unbedingt vorgebeugt werden.

Der Forscher ist überzeugt, dass die Menschenrechte entsprechend zu ergänzen und anzupassen sind, um den neuen Risiken begegnen zu können. Die großen Datensets könnten für neue Zwecke mit Dataminingtechniken ausgewertet werden, sagt er: „Beispielsweise könnte heute eine Firma eine Neuromarketingstudie durchführen, um Werbestrategien auf Kundenpräferenzen hin zu analysieren. Die dabei erhobenen Informationen könnten aber auch für politische Entscheidungen ausgewertet werden.“

Ob nicht-invasive Neurotechnologien außerhalb der klinischen Anwendung breite Akzeptanz finden, ist noch unklar. „Experten gehen davon aus, dass in 10 bis 15 Jahren Touchscreens durch Gehirn-Interfaces abgelöst oder zumindest ergänzt werden“, meint Ienca. Dies könne dazu führen, dass zunehmend Daten zu den Gehirnaktivitäten der Menschen online verfügbar sein werden.

Beispiel Unterhaltung: Neuroheadsets für Smartphones von Emotiv oder NeuroSky übermitteln Gehirnsignale für Gaming und Kommunikation. Samsung und Apple entwickeln derzeit auf EEG basierende Mensch-Maschine-Schnittstellen.

Beispiel Neuromarketing: Messdaten zur Gehirnaktivität sollen zeigen, wie Konsumenten auf Produkte und Anreize reagieren.

Beispiel Militär: Forscher in der US-Armee experimentieren damit, ob Gedächtnisprozesse und die Aufmerksamkeit von Soldaten in Echtzeit überwacht und posttraumatische Störungen durch die Aktivierung bestimmter Gehirnareale therapiert werden können.

„Wenn immer mehr Nutzer die Technologien einsetzen, entsteht ein Markt“, sagt Ienca, „womit immer mehr Gehirndaten in die Infosphäre gelangen, welche selbst immer detaillierter Vorgänge im Gehirn abbilden können.“ Damit werde aber auch das Missbrauchspotenzial größer. Und sein Kollege Roberto Andorno an der Uni Zürich weist darauf hin, dass es „schon Werkzeuge wie den Gehirndecoder gibt, der Gehirnimpulse in Bilder, Text oder Ton umwandeln kann“.

Experten diskutieren derzeit, ob Neuroimaging-Techniken in Strafrechtsprozessen ähnlich wie Lügendetektoren eingesetzt werden dürfen. Beispielsweise wurden in Indien bereits Gehirn-basierte Lügendetektoren ohne Einwilligung des Betroffenen eingesetzt.

Die Debatte über Menschenrechte im Umgang mit Neurotechnologien ist nicht neu. Zum Beispiel entwickelten Forscher bereits das Recht auf „kognitive Freiheit“. Dieses betont, dass Menschen zum einen sich frei für die Nutzung solcher Techniken entscheiden dürfen, betont aber auch, dass sie diese auch genauso gut ablehnen können. „Das ist wichtig, weil zum Beispiel Soldaten in einem Abhängigkeitsverhältnis stehen und sich schlecht gegen Missbrauch wehren können“, erklärt Ienca.

Die Schweizer Forscher meinen, dass dieses Recht noch nicht genügt und haben drei weitere neurospezifische Rechte entwickelt: Das Recht auf mentale Privatsphäre etwa soll über die aus dem Datenschutzrecht bekannte Zweckbindung durchgesetzt werden. Beispielsweise sollen sämtliche Daten einer Neuromarketingstudie, die nicht eindeutig dem Zweck der Studie dienen, gelöscht werden.

Überdies soll das bereits bestehende Menschenrecht auf geistige Unversehrtheit dahingehend erweitert werden, dass neuartige physische oder psychische Verletzungen eingeschlossen werden. Das Hacken von Neuroimplantaten, wie sie etwa bei Alzheimerpatienten eingesetzt werden, könnte damit geahndet werden. Schließlich soll ein neues Recht auf psychologische Kontinuität Menschen vor ungewollten Persönlichkeitsveränderungen durch Neurotechnologien schützen. So klagten beispielsweise Parkinsonpatienten nach der Implantation einer Elektrode in ihr Hirn, dass sie sich nach dem Eingriff nicht mehr wie sie selbst fühlten.

Die Neuroethiker wollen mit der Formulierung der vier Neurogrundrechte eine Debatte im wissenschaftlichen wie auch politischen Raum anstoßen. „Im Moment haben wir die meisten Rückmeldungen von Journalisten“, räumt Ienca ein. Er hofft aber, dass es auch zu Bewegung im politischen Raum kommen wird: „Wir müssen jetzt handeln, bevor wir von der Entwicklung überrollt werden.“

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