Passwort vergessen?  | 
 |  Passwort vergessen?  | 
Suche
  • Login
  • Login

Montag, 11. Dezember 2017

Politik

Wertschöpfung „auf links gedreht“

Von Stephan W. Eder | 2. März 2017 | Ausgabe 09

Die Industriegewerkschaft Bergbau Chemie Energie (IG BCE) sorgt sich massiv um ihre Stammklientel. Denn nach der Kohlebranche ereilt die Energiewende über das Elektroauto jetzt die Automobilzulieferer.

Foto: Stefan Koch

IG-BCE-Chef Michael Vassiliadis will einen Zukunftspakt, um die Folgen der Mobilitätswende abzufedern.

Energiewende und Digitalisierung – diese beiden miteinander einhergehenden Entwicklungen haben Auswirkungen dort, wo man sie erst einmal nicht unbedingt vermutet. Stichwort: Chemieindustrie.

Michael Vassiliadis, Chef der Branchengewerkschaft IG BCE (Bergbau Chemie Energie), ist sich beim jährlichen Kamingespräch mit der Presse ganz sicher: Die gesamte Wertschöpfungskette in Deutschlands wichtigstem Wirtschaftszweig, der Mobilitätswirtschaft, werde „in den kommenden Jahren auf links gedreht“, sagte er am Freitagabend im westfälischen Haltern am See. Grund sei der Trend zum Elektroauto – er könne zu weit größeren strukturellen Herausforderungen führen als das Ende des Steinkohlebergbaus.

Dies betreffe seine Gewerkschaft, so Vassiliadis; denn von den 645 000 IG-BCE-Mitgliedern arbeiteten zwischen 150 000 und 200 000 als Beschäftigte in Branchen, die Teil der Wertschöpfungskette der Automobilhersteller seien – „in der Chemie, der Kautschukindustrie, in der Kunststoffverarbeitung“.

Die Mobilitätswende sei kein „sanfter Wandel“. „Ein Diesel-Motor besteht aus mehr als 2000 Teilen, ein E-Motor aus 200. Es wird also deutlich weniger Aufwand brauchen, um die Autos der Zukunft zu bauen. Und damit deutlich weniger Personal“, so Vassiliadis. Dieser Wandel treffe seine Mitglieder „ganz direkt“. Automobilhersteller könnten hingegen als Auftraggeber ein Teil der Gewerke wieder ins Haus holen – und so die eigene Belegschaft halten. Erste Tendenzen in diese Richtung habe man bereits bemerkt.

Auch der bayerische IG-Metall-Gewerkschaftschef Jürgen Wechsler warnte, die Elektromobilität könnte auf lange Sicht Zehntausende Jobs überflüssig machen. „Schätzungsweise ist rund ein Fünftel der Arbeitsplätze in der Autoindustrie direkt oder indirekt von dem Umbruch betroffen.“

Angesichts des Engagements der Bundesregierung für Jobgarantien bei Opel forderte der IG-BCE-Chef in Haltern am See „einen Pakt zwischen Industrie, Sozialpartnern und Politik“.

Um neue Jobs zu schaffen, müssten Industrie und Politik in einem Zukunftspakt mehr Geld in die Entwicklung etwa von modernen Batterien, Wasserstoffantrieben und Leichtbauteilen stecken. Die EU gehöre mit ins Boot. Vassiliadis schwebt ein „Zukunftsfonds für Europas Leitindustrien“ vor; der solle Unternehmen Investitionsbeihilfen geben, die sich auf neue Geschäftsfelder ihrer Branchen ausrichteten. Es gelte heute, mit der Ausbildung von Fachkräften für autonom fahrende Autos zu beginnen.

Vassiliadis übt auch scharfe Kritik am politischen Management der Energiewende. Deutlich sei das am 24. Januar geworden, an dem die fossil befeuerten Kraftwerke und die Kernkraftwerke de facto Deutschland allein mit Strom versorgt hätten. Es war dunkel, tagsüber kaum Sonne, und keine Brise wehte – eine sogenannte Dunkelflaute, die auch an anderen Tagen dieses Januars 2017 geherrscht hat.

Die Regierenden müssten sich endlich Gedanken über die langfristigen Perspektiven der Energieversorgung machen, monierte er angesichts einer Konstellation von steigendem Ökostromausbau, gleichzeitigem Schließen konventioneller Kraftwerke, stockendem Netzausbau und fehlenden Anreizen zum Ausbau von Stromspeichern.

„Wir müssen uns mehr Gedanken über die Alternativen zu den Alternativen machen“, sagte der IG-BCE-Chef. Er beklagte, dass die Entwicklung „revolutionärer Hochtechnologien“ wie der künstlichen Fotosynthese, Power-to-X oder der Kernfusion aus seiner Sicht hierzulande nicht genügend Beachtung erfahre. Genau diese Technologien brauche es aber, um eine sichere Versorgung in Zukunft zu gewährleisten. Er forderte eine „bessere Förderung von Leuchtturmprojekten in der Energieforschung“.

Konkret will Vassiliadis die für 2018 geplante Kommission „Wachstum, Strukturwandel und Regionalentwicklung“ nutzen, um derartige Technologien verstärkt zu fördern. Geld dafür ist seiner Ansicht nach genügend vorhanden. Deutschland werde sich „gehörig anstrengen und die Forschung in solchen Hochtechnologiefeldern vorantreiben müssen“, sollten andere uns nicht den Rang ablaufen.

Mit Material von Reuters und dpa

stellenangebote

mehr