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Mittwoch, 13. Dezember 2017

Normierung

„Wir könnten ins Hintertreffen geraten“

Von Christoph Böckmann, Martin Ciupek, Ken Fouhy, Lisa Schneider | 1. Juni 2017 | Ausgabe 22

Die deutsche Industrie muss sich stärker bei der Normierung einbringen, meint DIN-Vorstand Christoph Winterhalter.

BU_Interview Winterhalter
Foto: DIN/Rogmans

DIN muss in Zukunft mehr koordinierend tätig sein und die Industrie beraten, meint Christoph Winterhalter.

VDI nachrichten: Sie sagen: Wir dürften uns bei der Standardisierung in Zukunftsfeldern nicht den Rang ablaufen lassen. Wo sehen Sie die Gefahr?

Winterhalter: Die Gefahr ist, dass andere Länder, beispielsweise auch China, massiv investieren und die heimische Wirtschaft mit Unterstützung der Regierung dazu bringen, sich in der Normung viel stärker zu engagieren. Die bewerben sich systematisch um frei werdende ISO- und IEC-Sekretariate. Und sie versuchen, damit ihre Themen voranzutreiben. Die Chinesen sehen ihre Zukunft nicht darin, etablierte Technologien zu kopieren, sondern neue Technologiefelder schneller zu besetzen.

Gestalter der Normung

Warum ist es so wichtig das Sekretariat eines Normenausschusses zu besetzen? Der Gedanke dabei ist doch, dass, wenn sich alle einbringen, keiner benachteiligt ist.

Christoph Winterhalter

Im Idealfall wäre das so. Meist werden aber Sekretariat und Vorsitz gemeinsam aus einem Land besetzt. Dadurch kann die Arbeit besser organisiert werden. Im Fall eines chinesischen Sekretariates kann das dann aber bedeuten, dass sich die deutsche Industrie an einem Projekt beteiligen muss, das weitgehend in Asien stattfindet.

China galt ja als Normentwicklungsland und wurde bisher in der Vergabe von Koordinierungsstellen bevorzugt.

Faktisch ist China kein Normentwicklungsland mehr, wird aber dennoch in vielen Bereichen als solches geführt. Gerade wenn es darum geht, Sekretariate zu erhalten, ist das von Vorteil. In der Praxis tun sich die chinesischen Experten aber manchmal noch schwer. Deshalb gibt es Sekretariate, die wir gemeinsam mit den Chinesen machen, und es ist auch wichtig, dass wir uns hier nicht zurückziehen und die chinesischen Experten allein lassen. Normung lebt schließlich von der Zusammenarbeit.

Reicht das Engagement deutscher Unternehmen aus?

Im Vergleich zu China könnten wir ins Hintertreffen geraten. Die ISO-Projekte brauchen oft viele physische Sitzungen. Das kostet viel Geld und das scheuen dann viele deutsche Unternehmen. Die Ressourcen, die in China die hauptamtliche Normungsorganisation, die Industrie und auch die Wissenschaft dafür aufbringen, sind enorm. Bei ISO- und IEC-Hauptversammlungen entsenden sie die größte Delegation.

Na und?

Uns muss bewusst sein, die engagieren sich mehr als wir und besetzen damit Zukunftsthemen wie Industrie 4.0 oder Smart Cities aktiver.

Gibt es Beispiele, wo maßgebliche Normen nun von den Chinesen bestimmt werden und wo der Zug für deutsche Unternehmen bereits abgefahren ist?

Bei vielen IT- und Telekommunikationsstandards, also nicht bei der ISO, sondern im ITU-Bereich ist das so. Softwarefirmen tauchen bei uns auf und sagen, bei ITU brauchen wir gar nicht mehr anzufangen. Bei ISO und IEC ist es noch nicht so. Aber es gibt hier eine ganz klare Strategie der Chinesen, sich stärker zu engagieren. Ich glaube nicht, dass wir das verhindern können. Ich glaube auch nicht, dass wir das verhindern sollten. Aber wir müssen uns dieser Situation stellen, strategisch agieren und das Feld nicht den anderen überlassen.

Wäre die Aufgabe nicht besser auf europäischer Ebene statt auf der nationalen aufgehoben? In ISO könnten dann 28 Staaten mit einer Stimme sprechen.

Das ist nur in der Theorie richtig. Die Diskussionen zwischen den europäischen Organisationen, die für ihre jeweilige Wirtschaft sprechen, würden nur ins Vorfeld verlagert mit dem Nachteil, dass die internationale Entwicklung nicht darauf wartet, dass sich die Europäer einig sind. Wir kämen dann zu spät. Europa steht eben auch für Vielfalt. Deshalb ist es manchmal schwierig, Ideen in Deutschland einfach so zu übernehmen. Wir bekommen es in Europa nur hin, wenn wir uns eng koordinieren.

Plädieren Sie also dafür, die nationalen Organisationen zusammenzulegen?

Nicht zusammenzulegen, aber noch intensiver zusammenzuarbeiten, innerhalb Deutschlands und auf europäischer Ebene bei CEN und Cenelec.

Warum nicht zusammenlegen?

Das würde auf Widerstände der Wirtschaft treffen. Unsere jetzige Struktur ist eben auch ein Vorteil. Viele Unternehmer haben jetzt erkannt, dass es nicht nur darum geht, Firmen zu verschmelzen und aufzukaufen, sondern auch darum, Partnerschaften einzugehen. Das ganze Thema Industrie 4.0 zeigt, dass wir Partnerschaften brauchen. Wir brauchen ein Geschäftsmodell, in dem jeder seine Rolle hat. Das führt zu einer Win-win-Situation. Ich bin davon überzeugt, dass eine offene Kooperation etwas viel besseres ist.

Welche Rolle haben IT-Konsortien im Rahmen der internationalen Normung, siehe W3C u. a.? Wie kann DIN bzw. die deutsche Industrie hier maßgeblichen Einfluss gewinnen?

Einerseits kann ich in der digitalisierten Welt nicht alles über Normen beschreiben. Ich kann nicht jede Schnittstelle über einen Vollkonsensstandard erschlagen. Es gibt letztlich die De-facto-Standards, die jeder nutzt – und es gibt etablierte Player, die sich in gewissen Segmenten Anerkennung erworben haben und dort bekannter sind als die DIN und DKE dieser Welt. Und die will ich natürlich einbinden. Also muss ich die Industriestandards in Bezug zu den Normen setzen und schauen, dass da kein Widerspruch ist. Genau deswegen werden Gespräche mit der OPC-Foundation oder W3C geführt.

Wer bestimmt denn die Normungsthemen: die Industrie oder die Politik?

Es ist definitiv die Wirtschaft. Im Fall von Industrie 4.0 ist das die Plattform Industrie 4.0, die vorgibt, was sie tun wollen. Und dann gibt es darunter ein Standardisierungs-Council, das genau diese Aufgabe hat. Nämlich zu erörtern, was sie umsetzen wollen, und zu schauen, ob es dafür schon Standards gibt, oder wie wir diese Standards adaptieren und in Bezug zu geltenden Normen setzen können.

In Österreich ist das doch anders, da kommt mehr vom Staat.

Das ist je nach Land anders. In Österreich ist der Einfluss des Staats deutlich erhöht worden. Ob dieses Experiment gelingt und die Bedürfnisse der Wirtschaft bedient, ist noch nicht klar. Im Prinzip sind nur die 20 % der Normungsarbeiten direkt beeinflussbar, die national stattfinden. Es gibt auch staatliche und teilstaatliche Normungsinstitute. Damit müssen wir umgehen. In Deutschland haben wir eine extrem gute Struktur mit privatwirtschaftlich getragener Normung, mit hoher Anerkennung sowohl im Inland als auch im Ausland. Diesen Vorteil müssen wir nutzen, um mit der Wirtschaft gemeinsam zu überlegen, wie eine Struktur aussehen soll, die bei Standardisierung entscheidet, was in die Normung geht, was in bestehende Konsortien geht und was tatsächlich neu gemacht wird.

Gibt es die Gefahr, dass Brüssel das entscheiden möchte?

Nein, keine, die diesem Vorhaben entgegensteht.

Welchen Herausforderungen muss sich DIN künftig stellen?

Mehr machen müssen wir an der Schnittstelle zu den IKT-Normen. Damit wird im Zuge der Digitalisierung jeder klassische Normenausschuss konfrontiert. Und in diesen Querschnittsthemen kann nicht jeder Bereich seine eigenen Standards setzen, sondern das muss gemeinsam in der Normung bearbeitet und koordiniert werden.

Wie stellen Sie sich die Zusammenarbeit mit anderen Regelsetzern in Deutschland vor – insbesondere vor dem Hintergrund der neuen deutschen Normungsstrategie?

Wir brauchen ein klares Bild, wer welche Stärken hat, und müssen diese einfach anerkennen. In der Vergangenheit war es meist ein Wettlauf, wer welches Thema zuerst besetzt. Das macht keinen Sinn mehr. DIN muss in Zukunft mehr koordinierend tätig sein und die Industrie beraten und ihr auch sagen, bei welchen Vorhaben sie besser z. B. zum VDI oder zu W3C geht.

Haben Sie denn wirklich schon mal eine Firma weggeschickt?

Ja, im Falle Industrie 4.0 haben wir zum Beispiel gerade ein Unternehmen mit seinem Normungsvorhaben an die DKE verwiesen.

Welche Rolle spielen der VDI und Industrieverbände wie ZVEI und VDMA?

Aus dem VDI kommen ganz oft Ideen, weil er viel näher an der Wissenschaft dran ist. Der VDI hat eine ganz wichtige Rolle. Und es wäre töricht, wenn ich behaupten würde, die DIN SPEC 91345 – das Referenzarchitekturmodell Industrie 4.0 – hätten allein wir erfunden. Da war der VDI mit seinen Arbeitskreisen ganz maßgeblich beteiligt. Wir haben das Projekt dann gemeinsam zu Ende geführt und in die internationale Normung eingebracht.

Ausblick in die Zukunft: Wie funktioniert die Normung in fünf Jahren? Gibt es die Regelsetzer wie DKE, DIN und VDI dann noch?

Ich glaube, es gibt sie dann noch, aber sie werden ein Stück weit eine andere Rolle haben. Es wird ein wesentlich durchgängigeres Netzwerk an Kooperationen sein. Wenn sie in diesem Sinne ihr Profil schärfen, haben die Regelsetzer auch in der Zukunft ihre Existenzberechtigung.

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