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Dienstag, 12. Dezember 2017

Wirtschaft

Zwei Seiten der Digital-Medaille

Von Wolfgang Schmitz | 20. April 2017 | Ausgabe 16

Wer sich an derdigitalen Welt berauscht, darf den Menschen nicht übersehen. Eine kritische Lagebeschreibung aus Berlin.

Arbeit BU
Foto: panthermedia.net/olesiabilkei

Die Technik hilft Menschen, wieder Fuß zu fassen. Aber gerade in Medizin und Pflege stellt sich die Frage, wo und wann der Mensch als Helfer und Ansprechpartner unersetzlich bleibt.

Nils bietet seine Arbeitskraft im Internet an. Nicht in seiner Funktion als Software-Ingenieur, sondern als Schreibkraft. 13 $ in der Stunde nimmt der Deutsche für diese Tätigkeit. Nils steht damit in Konkurrenz zu Shannon aus Irland oder zu Irene von den Philippinen, die für die gleiche Arbeit nur 3 $ verlangt. Wie so oft im „normalen“ Arbeitsleben entscheidet über die Vergabe aber nicht der Preis, sondern die Qualität. Und die findet ihren Ausdruck in der Vergabe von Sternen. Mit fünf Sternen liegt Shannon gut im Rennen, und das, obwohl sie keine formale Ausbildung vorweisen kann. Sie hat ihre Fähigkeiten im Netz unter Beweis gestellt. Offizielle Qualifikationen spielen weniger eine Rolle als der gute oder schlechte Ruf eines Bewerbers.

Vili Lehdonvirta beobachtet den Arbeitsmarkt der Online-Arbeiter genau. Der Wirtschaftssoziologe der Universität Oxford sieht die „neue globale Bewegung“, die sich jenseits des klassischen Arbeitsmarktes etabliert, mit einem Mix aus Skepsis und Zuversicht. „Die meisten Anbieter verdienen nur wenige Tausend Dollar im Jahr, eine kleine Elite hingegen kann gut davon leben.“ In der Regel würden die Leistungen steuerlich nicht erfasst. Der rechtliche Schutz sei sehr vom „good will“ der jeweiligen Plattform abhängig, sagte Lehdonvirta in Berlin bei der 50-Jahr-Feier des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), das die Politik berät.

Auf dem Online-Arbeitsmarkt sei es ungleich schwerer, kollektive Interessen zu vertreten. Denn die gebe es aufgrund nationaler Eigenheiten kaum. Eine Plattform habe einen Mindestlohn eingeführt, woraufhin eine Anwerberin aus Bangladesch Protest einlegte. Damit sei sie aus dem Rennen, schließlich könne das in ihrem Umfeld – aller Globalisierung zum Trotz – niemand zahlen. Gesetze auf nationaler Ebene, so Vili Lehdonvirta, machten wenig Sinn, da sie den Zugewinn internationaler Vernetzung konterkarierten.

Online-Arbeit habe viele verschiedene Facetten. „Die Vorteile digitaler Kommunikations- und Arbeitsformen liegen vor allem in der größeren Flexibilität der Lebensgestaltung. Zudem können sich kleine und mittelständische Unternehmen über Plattformen die Kompetenzen verschaffen, die es in ihrem oft ländlichen Umfeld nicht gibt.“

Die Nachfrage nach Online-Arbeit komme vor allem aus den USA, die die Hälfte des Marktes abdeckten, nach den englischsprachigen Ländern folge Deutschland mit einem Marktanteil von 1,8 %, was jährlich 120 000 Aufträgen entspreche.

Die Digitalisierung verändert die klassische Arbeit fundamental. Weniger in Bezug auf Quantitäten als auf Inhalte und Strukturen, wie Enzo Weber vom IAB in Berlin erklärte. „Uns erwarten bei der Einstellungsdynamik weder negative noch positive Entwicklungen.“ Bis zum Jahre 2025 sei in Deutschland mit einem Verlust von rund 1,5 Mio. Arbeitsplätzen zu rechnen, die gleiche Zahl an neuen Stellen komme allerdings hinzu. „Die Arbeit verschwindet nicht, sie verändert sich.“ Betroffen seien vor allem Beschäftigte mit mittlerer Qualifikation, wie Fabrikarbeiter und Verwaltungsangestellte. Gefragt seien Fähigkeiten wie abstrahierendes Denken und kommunikative Kompetenzen. „Was künftig zählt, sind weniger Erfahrungswerte als vielmehr ,frische‘ Fertigkeiten, die etwa über Weiterbildung erworben werden.“

Eine IAB-Studie zeigt, dass Dienstleister auf dem Weg ins digitale Zeitalter weiter vorangekommen sind als Produzenten. Der technische Fortschritt teile die Unternehmen hierzulande in zwei Lager: Während moderne Technologien in der Hälfte der Firmen Einzug gehalten hätten, habe sich ein Drittel, unter ihnen vor allem kleine Produktionsbetriebe, noch nicht einmal damit beschäftigt. Dahinter stecke keine generelle Ablehnung, sondern ein großes Informationsdefizit.

Wer die Digitalisierung nur mithilfe einer technischen Gebrauchsanweisung umsetze, vergesse einen wesentlichen Aspekt: den Menschen, warnte auf der IAB-Jubiläumstagung Bettina-Johanna Krings. Die Studien der Leiterin des Forschungsbereichs Wissensgesellschaft und Wissenspolitik am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) im Bereich der Pflege hätten gezeigt, dass durch die Digitalisierung die Arbeitsbelastung zugenommen und sich das Verhältnis Patient-Pfleger nicht zum Vorteil verändert habe. Persönliches Engagement und Zuneigung seien im digitalen System nicht vorgesehen. „Bei der zunehmenden Technologisierung geht es um die Anpassung des Menschen an die Roboterisierung, es müsste aber umgekehrt sein. Ob die digitale Ökonomie tatsächlich mehr dem Menschen dient als früher, ist noch nicht erwiesen.“

Das sieht der Armutsforscher Stephen Jenkins von der London School of Economics and Political Science ähnlich. Wenn die Digitalisierung die Wirtschaft vorantreibe, profitiere längst nicht jeder davon, Umverteilungseffekte blieben aus. In den vergangenen Jahrzehnten habe es in Europa keinen Einfluss vom Wachstum auf die Armut gegeben. „Es bleibt dabei: Soziale Inklusion hat weniger Gewicht als ökonomisches Wachstum. Die Politik ist gefordert, künftig soziale und wirtschaftliche Aspekte zusammen zu denken.“

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