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Mittwoch, 13. Dezember 2017

Schule

Abschied vom kleinteiligen Unterricht

Von Wolfgang Schmitz | 1. Juni 2017 | Ausgabe 22

Im Modellversuch „Berufliches Gymnasium Ingenieurwissenschaften“ sollen Schüler die breite Palette der Ingenieurberufe kennenlernen.

Gymnasium BU
Foto: panthermedia.net/nd3000

Elektrotechnik wäre eine Studienmöglichkeit. Die Schule sollte aber einen Überblick über alle ingenieurwissenschaftlichen Disziplinen verschaffen, lautet der Trend.

Berufliche Gymnasien legen – wie der Name schon sagt – die fachliche Basis für die Berufskarriere. Gymnasien mit technischen Schwerpunkten legen den Fokus meist auf die großen Teilaspekte Bautechnik, Elektrotechnik oder Maschinenbau.

Das Modell in NRW

Das System aber gerät ins Wanken, die Schülerzahlen gehen seit der Jahrtausendwende in den Keller. Vor allem die Beruflichen Gymnasien in den ostdeutschen Ländern bekommen in den technischen Disziplinen vielfach keine Klassenbildung mehr zustande. Und das liegt nicht allein am demografischen Wandel.

Das stark fachlich gebundene Angebot nehmen überwiegend jene Jugendlichen wahr, die bereits einen klaren Berufs- oder Studienwunsch hegen, etwa Maschinenbau, und ein entsprechendes Unterrichtsfach an einem nahe gelegenen Gymnasium vorfinden.

Immer mehr Jugendliche seien aber nach der Sekundarstufe I, im Alter zwischen zwölf und 15 Jahren, noch in der Orientierungsphase, heißt es etwa im nordrhein-westfälischen Schulministerium. Da fällt womöglich die Entscheidung für oder gegen eine technische Ausbildung, selten aber bereits für oder gegen ein Elektrotechnik- oder ein Mechatronikstudium.

„Wir können in den technischen Bereichen des Beruflichen Gymnasiums nicht so kleinteilig wie bislang weitermachen. Die technische Bildung muss zukunftsfähig und neu ausgerichtet werden“, fordert Klaus Jenewein eine breiter aufgestellte schulische Technikbildung mit Blick auf die gesamten Ingenieurwissenschaften. Der Professor für Berufs- und Betriebspädagogik an der Universität Magdeburg begleitet in Sachsen-Anhalt, Hamburg und Nordrhein-Westfalen den mehrjährigen Schulversuch „Berufliches Gymnasium für Ingenieurwissenschaften“.

Das damit verbundene Konzept einer „ingenieurwissenschaftlichen Grundorientierung“ soll die Disziplinen aus der Vogelperspektive betrachten, sie mit überfachlichen Kompetenzen anreichern und den Schülern die Möglichkeit geben, in alle Fachbereichen zu schnuppern. Trends in der akademischen Bildung verlangten das. „Indikator ist die kontinuierliche Zunahme hybrider Studiengänge auf Kosten fachspezifischer Angebote.“

An den Schulen werden weiterhin Lehrkräfte für die Einzelbereiche Elektrotechnik, Metalltechnik oder Bautechnik zuständig sein, erläutert Jenewein. Diese Lehrer müssten aber künftig stärker kooperieren. Eine Alternative sei eine neue, breit aufgestellte Lehrerqualifikation. „Beide Wege werden bereits verfolgt. In NRW denkt man darüber nach, Lehrkräfte über die Weiterbildung darauf vorzubereiten, den gesamten Bereich der Ingenieurwissenschaften inhaltlich selbst abzudecken. Sachsen-Anhalt und Hamburg setzen auf den Unterricht in Lehrerteams. “

Nach dem Abitur mit allgemeiner Hochschulreife besteht nicht die Verpflichtung, ein ingenieurwissenschaftliches Fach zu studieren. Es stehen alle Bildungswege offen.

Am Beruflichen Gymnasium Ingenieurwissenschaften ist der Leistungskurs Ingenieurwissenschaften verpflichtend. In Klasse 13 steht der reflexive Umgang mit technischen und ingenieurwissenschaftlichen Sachverhalten im Mittelpunkt, so werden Aspekte der Nachhaltigkeit und der Technikbewertung thematisiert. Projekte müssen abschließend präsentiert werden. Jenewein: „Reflexiver Umgang bedeutet, dass sich der ingenieurwissenschaftliche Blick auf gesellschaftliche und ethische Fragestellungen erweitert. Wir haben dazu die wegweisende VDI-Richtlinie 3780 zur Technikbewertung neu aufgegriffen.“

Letztlich soll nicht nur der Arbeitsmarkt unmittelbar profitieren, sondern es soll unter Schülern auch eine positivere Einstellung gegenüber technischen Berufen geschaffen und damit nachhaltige Effekte erzielt werden. „Wir brauchen junge Menschen, die sich mit ihrem technischen Sachverstand, ihren reflektierenden Kompetenzen und ihrem Denken in sozio-technischen Systemen neuen Entwicklungen und Herausforderungen stellen.“ Der Anspruch sei, die berufliche Komponente stärker auszuprägen, als es derzeit an vielen allgemeinbildenden Gymnasien der Fall sei.

Lars Funk, Leiter des VDI-Bereichs Beruf und Gesellschaft, hält eine Bildungsreform an Beruflichen Gymnasien für überfällig. „Wir sehen die große Chance, dass sich junge Menschen in den drei Jahren der abschließenden Sekundarstufe II Orientierung verschaffen. Sie können sich ein Bild davon machen, wo die Unterschiede zwischen den technischen Disziplinen liegen, um dann eine wesentlich qualifiziertere Studiengangentscheidung zu treffen.“ Ein „Weiter so“ sei angesichts der nach wie vor sehr hohen Abbrecherzahlen von zum Teil über 40 % in den Ingenieurwissenschaften nicht akzeptabel. Der VDI kooperiert daher eng mit der Politik und mit der von Klaus Jenewein verkörperten Wissenschaft.

Foto: VDI nachrichten

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