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Sonntag, 17. Dezember 2017

Buchrezension

Abstiegsangst frisst die Zukunft auf

Von Hermann Horstkotte | 23. März 2017 | Ausgabe 12

Globalisierung, Digitalisierung und Arbeitsmarktreformen gefährden traditionelle Sicherheiten im Berufsleben, kritisiert der Sozialforscher Oliver Nachtwey.

Die guten Wirtschaftszahlen in Deutschland erwecken ein falsches Bild, meint der Soziologe Nachtwey in seinem neuen Buch über die „Abstiegsgesellschaft“. Spätestens seit Anfang des vergangenen Jahrzehnts, mit der Flexibilisierung des Arbeitsmarktes durch Teilzeit bis hin zu Minijobs, Leiharbeit und die Hartz-Gesetze sei die soziale Absicherung „regressiv“, also rückläufig. „In den Erschütterungen der Arbeitsverhältnisse liegt die Hauptursache für den Übergang zur Abstiegsgesellschaft.“ Während 1970 noch das „Normalarbeitsverhältnis“ auf einer unbefristeten Vollzeit-Stelle mit Tarifbindung für neun von zehn Beschäftigten selbstverständlich gewesen sei, gelte das heute nicht mal mehr für 70 %. „Beruf, Einkommen und Prestige – nichts erscheint mehr sicher.“

Sohn eines Ingenieurs

Den „Umbruch“ in der Arbeitswelt sucht Nachtwey etwa am Beispiel der Ingenieure aufzuzeigen. Gegenwärtig sind 1,7 Mio. von ihnen erwerbstätig, fast jeder zehnte freiberuflich. Die Automobilindustrie biete Ingenieuren immer öfter nur Werkverträge für ein bestimmtes Projekt, typischerweise per Ausschreibung im Internet. Auf diesem Wege kam Audi zu einem erhellenden Zubehör: einer Einstiegsleuchte, die auf dem Boden vor der Fahrertür das Markenzeichen der vier Ringe aufscheinen lässt. Bei solcher Projektarbeit (neudeutsch: Crowdworking) droht nach Nachtwey von Neuem die längst überwunden geglaubte Tagelöhnerei – wiewohl hochgradige Spezialisten ihre Trümpfe auf dem Arbeitsmarkt je nachdem auch besonders gut ausspielen können.

Outsourcing ist für Nachtwey das Alarmsignal schlechthin. Dabei geht es aus ökonomischer Sicht einfach darum: Mal kann es kostengünstiger sein, verschiedene Tätigkeiten in einem umfassenden Unternehmen zu integrieren, mal aber auch umgekehrt, sie bei anderen Marktteilnehmern einzukaufen. Das hat der Nobelpreisträger Ronald Coase schon vor 80 Jahren in seinem Klassiker „The nature of the firm“ gezeigt. Indes stehen „ausgesteuerte“ Ingenieure nach Nachtwey durchweg schlechter da als vorher. Über den Vergleich krieche „die Abstiegsangst, das Gefühl einer prinzipiellen Verwundbarkeit“ auch in die Köpfe momentan Bessergestellter. Bei dieser pessimistischen Sicht lässt der Beobachter freilich außer Acht, dass Outsourcing typischerweise auch Gründen heißt und Gründerlehrstühle an Hochschulen heute zumal technische Studenten zu innovativer Selbstständigkeit ermuntern und befähigen.

Die „Aufstiegsgesellschaft“ vergangener Jahrzehnte lebte von der Bildungsexpansion. Mitte der 60er-Jahre lautete eine gängige Parole „Schick dein Kind länger auf bessere Schulen!“ Höhere Bildung? Darauf antwortete damals ein Eisenflechter bei einer Umfrage so: „Das ist, woll‘n wir mal sagen, wie wenn ich als Ingenieur gehe.“ Damals gab es überhaupt nur 30 000 Studierende, heute sind es mehr als 2,5 Millionen. Nachtwey spricht von einer „radikalisierten Chancengleichheit“. Die setze den Einzelnen einer nie dagewesenen „Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt“ aus, „da die Zahl der Führungskräfte begrenzt ist.“

Es komme deshalb unter den Stellenbewerbern zu „verschärften Distinktionskämpfen“, die Nachtwey im Anschluss an den französischen Soziologen Pierre Bourdieu häufig durch „gehobene Manieren, einen verfeinerten Geschmack, liberale Werte und Konsumverhalten“ entschieden sieht, also durch ein kulturelles Punktesystem höherer Kreise.

Bei der Auswahl aus einem Überangebot von Bewerbern gebe es immer auch leistungsneutrale Filter, weswegen gleich gute Pechvögel nicht automatisch als Minderleister dastehen. Das hat der Soziologieprofessor Rainer Lepsius bereits in den Sechzigern herausgestellt. Derartige Filter funktionieren im heutigen Alltag etwa so, dass die Azubistelle bekommt, wer dem Chef beispielsweise schon beim Fußballtraining „richtig“ aufgefallen ist. Auch die „Frauenquote“ ist ein solch modernes Sieb. Demgegenüber erscheint Personalrekrutierung nach Standesvorurteilen doch eher als giftiges Argument von gestern.

Was missfällt und Angst macht, provoziert laut Nachtwey ein „Aufbegehren“ von Globalisierungsgegnern weltweit oder lokalen „Wutbürgern“ etwa in Stuttgart, Dresden oder irgendwo in Flugplatznähe. Dabei sieht der Sozialkritiker aber „gesamtgesellschaftliche Ansprüche sehr schwach ausgeprägt“, kaum mehr als ein bloßes Nein. Doch ist auch seine eigene Abstiegsstudie bezeichnend für den Mangel an einem konstruktiven Leitbild für die Gesellschaft von heute und morgen. 

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