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Donnerstag, 16. November 2017, Ausgabe Nr. 46

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Automobilbau

Als 13 PS noch zur Freude am Fahren reichten

Von Hans W. Mayer | 29. Juni 2017 | Ausgabe 26

Vor 60 Jahren eroberte der Fiat Nuova 500 nicht nur die Herzen der Italiener.

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Foto: Fiat

Der Fiat Nuova 500 erfreute seine Käufer sowohl mit moderatem Preis als auch mit vorbildlich niedrigem Kraftstoffverbrauch. Ganze 4,5 l reichten laut Werksangabe für 100 km.

Fahrspaß ist nicht unbedingt eine Frage der Motorleistung, auch wenn der derzeit prosperierende Absatz leistungsstarker Sportwagen, Limousinen und SUV diese Schlussfolgerung nahelegt. Es wird immer Käufer geben, denen auch Kleinwagen mit bescheidenen Fahrleistungen durchaus Freude am Fahren bereiten. Voraussetzung ist ein stimmiges Fahrzeugkonzept, das mit der Weltanschauung der Fahrer harmoniert. Automobile Genügsamkeit wird nicht ausschließlich von wirtschaftlichen Zwängen diktiert, sondern kann auch Ausdruck einer Lebensphilosophie sein. Typische Beispiele dafür waren Citroën 2 CV („Ente“) oder Renault R 4 in Frankreich. In Italien galt dies für den Fiat Nuova 500, den Nachfolger des Fiat 500 Topolino. Er verhalf nicht nur breiten Volksschichten zu vier Rädern mit Dach, sondern mutierte während seiner fast 20-jährigen Produktionsdauer zur nationalen Ikone.

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Cabrio-Genuss verspricht diese Werbung für den Fiat 500. Das textile Klappdach machte ihn möglich.

Als der „Neue 500“ am 4. Juli 1957 auf den Markt kam, löste er bei Heerscharen von Vespa- und Lambretta-Fahrern abendfüllende Familiendiskussionen darüber aus, wie der Kaufpreis von 465 000 Lire – nach heutiger Währung etwas mehr als 2000 € – aufzubringen sei. Trotz seiner Außenlänge von nur 2,97 m galt der Winzling zumindest in Italien von Anfang an als Familienauto: Vorne saßen Papa und Mama, hinten teilte sich die „Nonna“ (Oma) mit den beiden Bambini die karge Rückbank. Cabrio-Genuss gab es aufpreisfrei dazu, denn die erste Serie des Nuova 500 besaß serienmäßig ein riesiges textiles Klappdach‚ das sich mit wenigen Handgriffen über der Heckmotorhaube zusammenfalten ließ.

Geistiger Vater des Fiat Nuova 500 war, wie schon beim Vorgänger von 1936, Fiats legendärer Chefkonstrukteur Dante Giacosa. Geburtshilfe leistete allerdings auch Piero Bonelli, der damalige Fiat-Statthalter in Heilbronn. In seinem Auftrag hatte in der nahe gelegenen Tochterfirma „Karosseriewerke Weinsberg“ der Techniker Karl Bauhof bereits 1953 einen Prototyp mit Fronttür nach Art der BMW Isetta entworfen. Dessen überarbeitete Version mit zwei seitlichen Türen vertraute Giacosa im Turiner „Centro Stile Fiat“ einem hoffnungsvollen 18-jährigen Jüngling namens Giorgetto Giugiaro an, der später – nach Zwischenstationen bei Bertone und Ghia – mit seiner Firma ItalDesign reüssierte und 1974 den ersten VW Golf einkleidete.

Den Prototyp aus Deutschland verfeinerte Giugiaro gekonnt, behielt allerdings einige charakteristische Details wie die abfallende Frontpartie oder das Klappdach bei. Nach ausgedehnten Prüfstandsläufen und Fahrversuchen mit unterschiedlichsten Motorkonzepten entschied man sich für einen luftgekühlten Zweizylinder-Viertakter‚ der aus 479 cm3 Hubraum bescheidene 9,5 kW (13 PS ) bei 4000/min holte und dem nur 470 kg wiegenden Bonsai-Auto zu 85 km/h Höchstgeschwindigkeit verhalf. 1958 stieg die Leistung auf 11 kW, sechs Jahre später dann auf 13 kW.

Schon wenige Wochen nach der Markteinführung fielen diverse Tuner und Karossiers wie ein Rudel hungriger Wölfe über den Kleinen her. Der italienische Star-Tuner Carlo Abarth steigerte schon im ersten Modelljahr die Leistung auf 14 kW. Den betreffenden Umbausatz gab es für knapp 600 D-Mark auch in Deutschland.

Später kamen die Modelle Fiat Abarth 595, 595 SS und 695 SS mit Motorleistungen zwischen 20 kW und 28 kW hinzu. Auch die Brüder Giannini in Rom gingen beherzt zur Sache und präsentierten von 1962 an mit den Typen Giannini 500 TV, 590 GT Special und 590 Vallelunga ähnlich stark motorisierte Zwergenautos. Fast drei Jahrzehnte später legten die kreativen Römer 1992 für Nostalgiker nochmals eine zweite Serie des Vallelunga auf und zeigten auf dem Turiner Salon sogar einen 500er mit Vierzylinder-Boxermotor (Typ 700/4 C), der aus zwei Fiat-Triebwerken mit reduziertem Kolbenhub zusammengesetzt war, außerdem ein Exemplar mit Elektroantrieb.

Die Flut der Sondermodelle auf Fiat-500-Basis nahm in den 1960er-Jahren kaum vorstellbare Ausmaße an. Alle namhaften Karosserieschneider, von Allemano bis Zagato, offerierten geschmackvolle Coupés und Cabriolets, Ghia baute den türlosen Strandwagen Jolly mit Korbsesseln statt Sitzen, Lombardi und Siata boten diverse Roadster und Spider an, und die Firma CAP lieferte sogar einen winzigen Geländewagen mit Namen Scoiattolo („Eichhörnchen“).

Größere Verbreitung auch in Deutschland und Frankreich fanden der von Autobianchi gefertigte Bianchina 500, zunächst als Coupé, später auch als Cabrio, und der Roadster „Gamine“ von Vignale, den man beim Otto-Versand per Katalog ordern konnte. Die Karosseriewerke Weinsberg produzierten zwischen 1959 und 1963 die beiden Sondermodelle Weinsberg 500 Coupé und Limousette, von denen insgesamt 6248 Exemplare verkauft wurden.

Im Motorsport machte damals ein italienisch-österreichischer Zwitter von sich reden: Steyr-Puch baute ab Herbst 1957 den Nuova 500 mit leicht modifizierter Karosserie und hauseigenem Zweizylinder-Boxer im Heck, der zunächst 12 kW, von 1959 an 15 kW leistete.

In der zweiten Hälfte der 1960er-Jahre liefen die potenten Winzlinge aus Graz zur Höchstform auf: Der Steyr-Puch 650 TR Il schickte zunächst 25 kW, später sogar 31 kW an die mickrigen 12-Zoll-Hinterräder. Auf 44 kW und mehr getunte Wettbewerbsexemplare machten den Austro-Zwerg bei Berg- und Rundstreckenrennen sowie im Rallyesport jahrelang zum Angstgegner der Wettbewerber.

Die Meriten des Stammvaters waren anderer Art. Der Fiat Nuova 500 erfreute seine Käufer sowohl mit moderatem Preis als auch mit vorbildlich niedrigem Kraftstoffverbrauch. Ganze 4,5 l reichten laut Werksangabe für 100 km. In Deutschland kostete 1958 die Standard-Version 3120 DM (1595 €), kaum mehr als das Goggomobil T 250 (3097 DM) und weniger als ein Auto der Marke Lloyd LP 600 (3470 DM) oder der Marke NSU Prinz (3740 DM).

Drei Jahre nach seinem Debüt löste die zweite Serie, Fiat 500 D genannt, den beliebten Nuova 500 ab, kenntlich am verkürzten Klappdach und an den nun unter die Scheinwerfer gewanderten runden Frontblinkleuchten. Das Triebwerk war auf 499,5 cm3 Hubraum aufgebohrt worden. Dieses Modell zählt übrigens zu jenen vierrädrigen Darstellern, die der amerikanische Trickfilmregisseur John Lasseter 2006 in seinem Kultfilm „Cars“ vermenschlicht hat.

1955 folgte unter der Bezeichnung Fiat 500 F die dritte Auflage, nun mit vorne statt hinten angeschlagenen Türen. Die nächste und zugleich letzte Modelländerung fand im Jahr 1972 statt: Der Fiat 500 R („R“ stand für rinnovata, was „erneuert“ bedeutet) trug das neue Fiat-Logo aus vier schräg stehenden Versalien an Front und Heck und wurde von dem auf 13 kW gedrosselten 594-cm3-Zweizylinder des Nachfolgers Fiat 126 angetrieben.

1975 endete nach mehr als 3,6 Mio. Exemplaren die Produktion des zuletzt nur noch bei der Tochterfirma Autobianchi in Lizenz gebauten Bestsellers. In deren Werk in Desio bei Mailand lief seit 1968 auch die im Mai 1960 eingeführte Kombiversion des Nuova 500 – Typbezeichnung „Giardiniera“ (Gärtnerin) – vom Band, die 320 kg Nutzlast transportieren durfte.

Die Giardiniera zeichnete sich durch unbeugsame Modellkonstanz aus. Sie behielt auch nach Einführung des 500 F im Jahr 1965 unbeirrt weiter ihre nach vorne öffnenden Türen. Als auch ihr im August 1977, zwei Jahre nach dem Ableben des Basismodells, schließlich die Stunde schlug, sollen Kleingärtner, Weinbauern und Pizzaboten bittere Tränen geweint haben.

Den einen oder anderen von ihnen kann man mit etwas Glück noch heute auf italienischen Landsträßchen mit seiner betagten Gärtnerin antreffen, gemeinsam gealtert wie ein ergrautes Ehepaar.  

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