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Donnerstag, 14. Dezember 2017

Branchenwechsel

Als Ingenieur im Pflegeheim

Von Michael Sudahl | 27. Juli 2017 | Ausgabe 30

Klaus Ziegler hat über den Tellerrand seiner Profession geschaut und sich ein neues Betätigungsfeld gesucht.

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Foto: privat

Klaus Ziegler nahm Erziehungsurlaub und verließ danach sein „normales“ Berufsleben als Ingenieur.

Dass er einmal in der Altenpflege arbeiten würde, hätte sich Klaus Ziegler als junger Ingenieur nicht vorstellen können. Trotzdem entschloss sich der Abteilungsleiter vor 18 Jahren, ins Familienunternehmen seiner Ehefrau einzusteigen.

Um 9 Uhr betritt Klaus Ziegler am Dienstagmorgen die Verwaltungsbüros der WGfS (Wohngemeinschaft für Senioren) in Filderstadt. Seine grauen, halblangen Locken wippen bei jedem beherzten Schritt. Es herrscht reger Betrieb in den weitläufigen Räumlichkeiten. Telefone klingeln, vor der Kaffeemaschine hat sich eine kleine Menschentraube gebildet. Zwei Mitarbeiterinnen, eine mit Baby auf dem Arm, diskutieren den neuen Fortbildungsplan. „Familienfreundliche Strukturen und ein durchdachtes Bildungsmanagement sind uns wichtig“, erklärt der agile 69-Jährige im Vorbeigehen. Denn wie technisch ausgerichtete Firmen, leiden auch Pflegebetriebe unter Fachkräftemangel. Nachwuchskräfte sind umkämpft – und zu 70 % weiblich. „Nach 22 Jahren in einer reinen Männerdomäne war das schon eine Umstellung“, sagt der Diplom-Ingenieur. Nur wenige Damen gehörten zu seinem früheren Team beim Luft- und Raumfahrtkonzern EADS. Kein Bauteil kam nach eigenen Angaben ungeprüft an dem damaligen Leiter des Qualitäts- und Konfigurationsmanagement vorbei. Diesen Blick lässt Ziegler auch heute noch walten, um Schwachstellen im Prozess zu finden.

Der Wechsel in die Altenpflege ist ungeplant und verläuft schleichend. Während eines Türkeiurlaubs lernt Ziegler seine heutige Ehefrau Rosemarie Amos-Ziegler und ihre beiden Kinder kennen. Nach der Hochzeit 1999 kündigt sich Nachwuchs an. „Ich wollte meinen Sohn aufwachsen sehen, daher entschied ich mich für dreieinhalb Jahre Erziehungsurlaub“, erzählt er. Sein Chef sei verwundert gewesen. Doch der frischgebackene Vater lässt sich seine Pläne nicht ausreden.

Während seiner Auszeit bekommt der Ingenieur mehr Bezug zur WGfS. Schnell profitiert das Pflegeunternehmen, das heute 147 Bewohner in drei Häusern und 90 Kunden ambulant in den eigenen vier Wänden versorgt, von der strukturierten Herangehensweise des Ingenieurs zu spüren. Den Bewohnerumzug in einen Neubau etwa taktet Ziegler nach eigenen Angaben minutengenau, unter Rücksichtnahme auf den zeitgleich laufenden Aufbau neuer Pflegebetten und begrenztem Personal. „Ich hatte das Gefühl: Hier kann ich was bewegen“, sagt Ziegler. Also steigt der Filderstädter in die Geschäftsführung ein und wagt mit 55 Jahren an der Seite seiner Frau den Sprung in die Selbstständigkeit. Sein Ziel ist es, die EDV und Verwaltung des mittelständischen Betriebs zu revolutionieren.

„Pflegende arbeiten mit viel Herz, Ingenieure strukturiert nach Plan“, weiß er. Warum nicht die Vorteile beider Seiten vereinen? Nach und nach integriert Ziegler typische Industrietechniken in die Abläufe des Pflegebetriebs. So erleichtert ein firmeninternes Netzwerk bald den Informationszugriff. Ein einheitliches Programm für Dienstplan-, Personalmanagement, Bewohnerverwaltung und Pflegedokumentation löst fehleranfällige Schnittstellen ab, während das Controlling relevante Kennzahlen wie die Fluktuationsrate oder die Anzahl der Verbesserungsvorschläge aus den einzelnen Abteilungen erfasst, vergleicht und überwacht. Wenn er sich erinnert, huscht ein Lächeln über die Züge des Diplom-Ingenieurs. Er lehnt sich in seinem Bürostuhl zurück und erkärt: „Man sollte viel öfter über den Branchentellerrand schauen.“

Denn der Lernprozess funktioniere in mehrere Richtungen. Um neue Anregungen für ihr Management zu erhalten, sind die Zieglers Mitglied im Master-Mind-Club. Das ist ein Netzwerk, das von Personalguru Jörg Knoblauch ins Leben gerufen wurde und in dem sich Unternehmer unterschiedlichster Branchen vier Mal im Jahr über Mitarbeiterbindung, Führungsstile und wirtschaftliche Aspekte austauschen.

Die Industrie kann sich Ziegler zufolge besonders in puncto Wertschätzung „eine dicke Scheibe“ vom Gesundheitswesen abschneiden. Wie stolz es macht, Mitarbeiter vom Praktikum bis zur Führungsstelle aufzubauen, habe der IT-Experte erst durch Ehefrau Rosemarie gelernt. Alle 200 Angestellten haben einen eigenen Weiterbildungsplan, der persönliche Ziele und Potenziale berücksichtigt. „Strebt ein Altenpfleger eine Führungsposition an, unterstützen wir ihn mit Weiterbildungen und Persönlichkeitstraining“, gibt der Schwabe ein Beispiel. In halbjährlichen Mitarbeitergesprächen überprüfen beide Parteien gemeinsam den Lernfortschritt.

Aktuell beschäftigt die WGfS Mitarbeitende aus 38 Herkunftsländern. Ziegler sagt: „Menschen, die wir wertschätzen, wachsen über sich hinaus und entfalten bis dahin verborgene Talente.“ 

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