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Freitag, 15. Dezember 2017

Windenergie

Arbeitsmarkt kann der Dynamik nicht folgen

Von Jörn Iken | 27. April 2017 | Ausgabe 17

Der rasante Zubau an Windkraftanlagen schafft serviceorientierten Absolventen mit internationaler Ausrichtung gute Berufsperspektiven.

Arbeit Wind BU
Foto: panthermedia.net/timothyoleary

Wer sich der Windkraft verschreibt, muss mit internationalen Einsätzen rechnen.

Es wäre der Lage nicht gerecht, von einem leicht kriselnden Markt zu sprechen. Schließlich unterstreicht die deutsche Windindustrie ihre Leistungsfähigkeit mit einem stabil hohen Anlagenzubau. Die Nachfrage nach deutschen Anlagetechnologien international ist ebenfalls auf unverändert hohem Niveau. Andererseits lässt sich nicht leugnen, dass die Gesamtbeschäftigung leicht rückläufig ist.

Sinkende Beschäftigung

Sogar von „Kahlschlag“ ist beim Windenergie-Hersteller Senvion – ehemals Repower – die Rede. Betriebsrat und IG Metall versuchen, die Entlassung von 730 Mitarbeitern zu verhindern. Die Hiobsbotschaften reißen seit etwa 2013 nicht ab: Nordex, RWE oder Senvion – die Liste lässt sich fortsetzen.

„Die Betriebsräte haben viele gute Ideen, wie sich das Unternehmen für die Zukunft besser aufstellen kann. Dafür müssen keine Standorte geschlossen und nicht hunderte Beschäftigte entlassen werden“, sagt Meinhard Geiken, Bezirksleiter IG Metall Küste, zur Lage bei Senvion. „Wir erwarten, dass die Geschäftsführung in den anstehenden Verhandlungen auf die Vorschläge eingeht und den von ihr geplanten Kahlschlag nicht weiter als alternativlos darstellt.“ Die Erhöhung der Fertigungstiefe, Ausbau von Standorten als Servicestandorte und Insourcing von Bereichen entstammen aber der Kiste mit der Aufschrift „Standardmaßnahmen“.

Die erneuerbaren Energien hoben etwa ab 1990 ab – allen voran die Windenergie, die sich zu einer Erfolgstory entwickelte. Bis zum Jahre 2015 stieg die Zahl der Beschäftigten in der deutschen Windindustrie auf 143 000.

Das ist das Ergebnis einer Analyse „Beschäftigte in Deutschland durch Windenergie“, die der Bundesverband WindEnergie (BWE), der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) und die Offshore-Wind-Industrie-Allianz (OWIA) vor einigen Tagen vorgelegt haben.

Der Anstieg wurde – außer von dem rasanten Zubau – von Trends geprägt: Erstens ist die Windindustrie ebenso vom Fachkräftemangel gebeutelt wie andere Branchen. Die Windindustrie ist dieser Situation aber mit beispielloser Dynamik begegnet. Im Jahr 2016 gab es 234 Studiengänge, die auf die neuen Energietechnologien ausgerichtet sind. Das ist ein Zuwachs um fast 13 % gegenüber dem Vorjahr.

Hannes Birke studiert Maschinenbau im neunten Semester. „Ich fühle mich gut ausgebildet“, sagt der Student mit dem Schwerpunkt Energie- und Anlagentechnik. Ob er aber tatsächlich die Windenergie als Berufsfeld wählt, ist noch nicht sicher. Die nicht immer positiven Nachrichten aus der Branche haben ihn nicht kalt gelassen. Er möchte sich deshalb nicht auf die Windenergie beschränken. „Im Moment interessiere ich mich für Luftfahrt“, betont er; trotz verbreiteter Leiharbeit, trotz Einstellungsstopp bei den großen Unternehmen.

Zweitens ist die Energiewende als Ausbildungs- und Berufsfeld nicht mehr auf bestimmte Regionen beschränkt, sondern eine Angelegenheit aller Bundesländer. Zwar werden die Anlagen vorwiegend im Norden Deutschlands endgefertigt. Die Zulieferindustrie verteilt sich aber auf alle Bundesländer. So kann Bayern mit gut 10 000 Beschäftigen in der Onshore-Windindustrie glänzen, annähernd soviel wie das Windland Schleswig-Holstein. Selbst die Windenergie auf See hat Beschäftigungseffekte weit im Süden der Republik.

Kaum noch Beschäftigungseffekte hat die Photovoltaik als zweite, große erneuerbare Energie. Deren Produktion hat sich fast vollständig aus Deutschland verabschiedet oder befindet sich in ausländischer Hand. Niemand kann garantieren, dass es der Windindustrie mittel- bis langfristig nicht genau so geht.

Dabei könnten die Beschäftigten – zumindest die Ingenieure und Techniker – mit ihrem Pfund wuchern. Die deutsche Windindustrie hält mit Anlagen und Komponenten einen Anteil am Weltmarkt von 20 %. Ein Ende oder eine andauernde Drosselung des Zubaus ist nicht abzusehen. Die deutsche Zulieferindustrie hat einen Innovationsvorsprung von mehreren Jahren vor der internationalen Konkurrenz. Diesen Vorsprung gilt es zu verteidigen.

Weg von der Fertigung, hin zum Service. So verlagert sich derzeit die Marktperspektive. Student Hannes Birke könnte damit gut leben. „Mich interessiert der Bereich Service. Allerdings müssten mehr wirtschaftliche Zusammenhänge gelehrt werden.“ Durchaus selbstkritisch, denn er hat das Angebot an entsprechenden Kursen nicht gänzlich ausgenutzt.

Die Orientierung auf den Service ist zeitgemäß. Mit dem Anlagenbestand steigt der Anteil der Mitarbeiter in Betrieb und Wartung. „So entsteht eine nachhaltige lokale Beschäftigung für die 20- bis 30-jährige Betriebsphase von Windenergieanlagen an Land und auf See“, unterstreicht Hermann Albers, Präsident des BWE.

Fazit: Serviceorientierte Absolventen mit internationaler Ausrichtung haben in der Windbranche beste Einstiegs-chancen. 

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