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Donnerstag, 14. Dezember 2017

Digitalisierung

Auf der Mega-Trend-Welle

Von Wolfgang Schmitz | 11. Mai 2017 | Ausgabe 19

Neue Arbeitskonzepte erfordern neue Führungsmodelle. Das technisch Machbare stößt dabei auf das menschlich Mögliche.

TÜV BU
Foto: panthermedia

Auf der Digitalisierungswelle reiten, muss gelernt sein. Allerdings ist das nicht die einzige Welle, die es zu meistern gilt.

Man nehme die Digitalisierung, beglücke Arbeitgeber und Beschäftigte damit – und fertig ist die Laube! Dass es so einfach nicht ist, weiß man nicht erst seit der Innovationstagung des TÜV vor wenigen Tagen in Köln. Die Diskussionen unter Firmenvertretern und Wissenschaftlern aber verdeutlichen, wie zahlreich und groß die Herausforderungen noch sind.

„Die Welt ist mehrdimensionaler geworden. Keiner weiß, was noch kommt und niemand kann behaupten, er sei schon perfekt aufgestellt.“ Der Aussage von Thomas Biedermann, Vorstandsmitglied im TÜV Rheinland, wollte niemand in Köln widersprechen. Der Mensch haste der technischen Entwicklung hinterher. „Die Anwendungen sind da. Wir brauchen aber neue Menschen für die daraus entstehende neue Arbeitskultur.“ Da sich Unternehmen keine Mitarbeiter schnitzen könnten, seien vor allem Führungskräfte gefragt, den Mitarbeitern Ängste und Hemmungen zu nehmen sowie ihnen die Chancen der Digitalisierung aufzuzeigen.

Für Jörg Staff, Arbeitsdirektor bei der Fiducia &GAD IT AG, größter IT-Dienstleister für Banken hierzulande, hat sich die Arbeitswelt um 180 Grad gedreht. „Ich renne derzeit zwischen Kunden und Mitarbeitern hin und her und versuche, die digitale Transformation auf die Beine zu stellen.“ Verlangt sei eine neue Personalstrategie, die sich vor allem auf die Art zu führen auswirke. „Alles ist zurzeit im Fluss.“ Um sich in dieser turbulenten Umbruchphase Überblick zu verschaffen, habe sich Fiducia die „modernsten Arbeitsformen in Europa angeschaut“. Staffs wichtigste Erkenntnis: Führung heißt auch Machtverlust. Die Arbeit in und mit digitalen Netzwerken bedeute, loszulassen und die Arbeit ggf. an kompetentere Personen und Teams zu delegieren. Der Wechsel „vom Machthaber zum ,Influencer‘“ sei für Führungskräfte mit großen Unsicherheiten verbunden. „Die aber muss man zulassen, damit muss man umgehen können.“

Torsten Oltmanns vom Beratungsunternehmen Roland Berger bedauert die Trägheit, mit der man auf die Chancen der Digitalisierung reagiere. Denkweise und Mentalität deutscher Technikexperten lasse die spontane Umsetzung von Innovationen nicht zu. „Ich habe mich mit Ingenieuren unterhalten. Da heißt es dann etwa, im Jahre 2025 habe man selbstfahrende Autos marktreif. Derweil sind solche Autos im Silicon Valley längst unterwegs. Dort sind sie zu 99 % fahrtüchtig, hier müssen sie es zu 100 % sein.“ Statt zuerst auf Geschäftsmodelle zu schauen, sollte man sich in Deutschland vielmehr auf technische Visionen einlassen. „Fünfjahrespläne erstellen, macht keinen Sinn mehr.“

Die Digitalisierung sei keine singuläre Erscheinung, die losgelöst von einer Fülle anderer Megatrends zu betrachten sei, mahnte Jutta Rump. „Mit Demografie, Fachkräftemangel, Beschleunigung, Diversität, Globalisierung und Komplexität spreche ich hier nur einige davon an.“ Die Direktorin des Instituts für Beschäftigung und Employability an der Hochschule Ludwigshafen rät Arbeitgebern, sich zuerst einen Gesamtüberblick über das eigene Unternehmen zu verschaffen, bevor man in hektischen Aktionismus verfalle. „Gefragt ist System Thinking, das Denken in Zusammenhängen.“ Da müsse man Verändern mit Bewahren ausbalancieren, stationäre etwa mit mobiler Arbeit. Alles auf den Kopf zu stellen und sich von allem Bewährten zu trennen, könne nicht das Ziel sein.

Von der Führungskraft werde verlangt, Talentförderer, Coach, Personalentwickler und Unternehmer in einer Person zu sein. „Seien Sie mal ehrlich“, wandte sich Jutta Rump an die Zuhörerschaft. „Bringen Sie diese Kompetenzen alle mit? Es mag solche Leute geben. Ich jedenfalls bin keine Eier legende Wollmilchsau.“

Leicht genervt zeigte sich die Wissenschaftlerin vom ewigen Vergleich mit den USA. „Ich war in Boston am MIT und habe festgestellt, dass die auch nur mit Wasser kochen. Dort herrscht das System von Trial and Error, hier bauen wir Modelle. Der geeignete Weg liegt sicherlich irgendwo in der Mitte.“

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