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Montag, 11. Dezember 2017

Arbeit

Aufwärtstrend – trotz Krisen

Von Peter Trechow | 23. Februar 2017 | Ausgabe 08

Autohersteller und Zulieferer beschäftigen in Forschung und Entwicklung bereits 110 000 hoch qualifizierte Mitarbeiter – und suchen weiter jede Menge Ingenieure.

Auto-Aufmacher BU
Foto: dpa Picture-Alliance/Marcio Jose Sanchez

Welcher Hersteller auch immer: Die Vernetzung des Autos wird weiter zunehmen und Ingenieure mit IT-Wissen erfordern.

Erfolg – trotz allem. So lässt sich das Jahr 2016 für den deutschen Automobilbau zusammenfassen. Bestes Beispiel: Volkswagen. Ungeachtet des Abgasskandals konnte der Konzern den bisherigen Branchenprimus Toyota von Platz eins verdrängen. Mit 10,3 Mio. ausgelieferten Fahrzeugen lag Volkswagen 3,8 % über dem Vorjahreswert. Toyota kam auf 10,17 Mio. Einheiten.

Foto: VDI nachrichten

Auch die anderen deutschen Hersteller steigerten die Absatzzahlen. BMW verkaufte erstmals mehr als 2 Mio. Fahrzeuge. Daimler meldet mit rund 3 Mio. Einheiten einen neuen Absatzrekord und erwartet 2017 eine leichte Steigerung bei Absatz, Umsatz und Gewinn vor Zinsen und Steuern. Opel verzeichnete mit 1,16 Mio. Fahrzeugauslieferungen ein Fünfjahreshoch.

Kritik von Verbraucherschutz- und Umweltverbänden perlt an den Hochglanzkarossen der Branche ab. Kunden in aller Welt greifen zu, obwohl Verbrauchsangaben der Hersteller und die Werte im realen Verkehr immer weiter auseinanderklaffen. Auch der Verdacht, dass neben Volkswagen auch andere Autobauer bei Abgasmessungen betrogen haben, scheint der Nachfrage nach Neufahrzeugen keinen Abbruch zu tun.

Foto: VDI nachrichten

Und so konnte Matthias Wissmann, Präsident des Verbandes der Automobilindustrie (VDA), im Januar erneut auf ein „gutes Automobiljahr“ zurückblicken. Allein in den Top-3 Märkten China, USA und Westeuropa verkaufte die Branche zusammengenommen 4,5 Mio. Neufahrzeuge mehr als im Vorjahr. Und Wissmann zeigte sich optimistisch, dass es weiter bergauf geht.

Der anhaltende Aufwärtstrend schlägt sich nach wie vor in der Beschäftigung nieder. Besonders für Ingenieure gibt es jede Menge Arbeit. Im Jahr 1999 meldete der VDA für die Branche 58 000 Akademiker. In neuesten Zahlen weist der Verband 110 000 hoch qualifizierte Mitarbeiter in Forschungs- und Entwicklungs-(F&E)-Abteilungen aus. Bei Zulieferern hat sich der Akademikeranteil binnen 15 Jahren verdoppelt. Vier von zehn Ingenieuren arbeiten in ihren Reihen, die restlichen 60 % bei den Herstellern. Gemeinsam investierten sie zuletzt fast 39 Mrd. € in F&E, davon 21,7 Mrd. € in Deutschland. Auch dieser Wert hat sich seit 2005 annähernd verdoppelt.

Beim Blick auf die Karriereseiten von Ingenieurdienstleistern wie Bertrandt, Edag, FEV oder IAV wird deutlich, dass der Stellenaufbau anhält. Hunderte Jobs für Applikationsingenieure, für Software- und Elektronikentwickler, Berechnungs- und Prüfingenieure, Konstrukteure sowie in Einkauf, Marketing und Projektmanagement sind offen. Ein ähnliches Bild bei Zulieferern. Sei es bei Herstellern von Interieur, Elektrik und Elektronik wie der Dräxlmaier Group. Sei es in der Entwicklung von Getrieben bei Getrag oder der ZF Friedrichshafen AG, oder von Motor-, Getriebe- und Fahrwerkskomponenten bei Schaeffler.

Ob Zulieferer aus der ersten, zweiten oder dritten Reihe – was sie beinahe alle eint, sind aktuelle Stellenausschreibungen für Ingenieure. Denn die Branche läuft auf eine akute Belastungsspitze zu. Parallel muss sie Benzin- und Dieselantriebe für wesentlich strengere Messzyklen und On-Board-Abgasmessungen fit machen und die Umstellung auf elektrische und hybride Antriebe sowie auf Leichtbaukarosserien massiv forcieren, um Strafzahlungen wegen Verstößen gegen die verschärfte CO2-Gesetzgebung vorzubeugen. Und das ist längst nicht alles. Der Anteil von Embedded Software steigt mit der Zahl und der Vernetzung der Steuergeräte und Sensoren an Bord moderner Fahrzeuge. Mit der Fusion der Sensorsysteme rückt das autonome Fahren immer näher. Fahrerassistenzsysteme lernen, eigenständig Parkplätze zu finden und sich ohne Fahrerhilfe im Autobahn- und Stadtverkehr zu bewegen.

Doch wie lange hält diese Doppel- und Dreifachauslastung an, auf der der aktuelle Stellenboom für Ingenieure gründet? Wie lange wird die Branche noch an Verbrennungsmotoren festhalten, bevor sie ganz auf elektrische Antriebe umstellt? Der Marktbeobachter Stefan Bratzel, Direktor des Center of Automotive Management (CAM) in Bergisch Gladbach, geht davon aus, dass die Elektromobilität in absehbarer Zeit deutlich an Dynamik gewinnt und das Ausmaß der Parallelentwicklungen spürbar sinkt. „Ab Mitte der 2020er-Jahre dürfte sich das dann auch arbeitsplatztechnisch deutlich niederschlagen“, prognostiziert er. Die schleichende Reduzierung habe im Dieselmotorenbereich bereits eingesetzt.

Ferdinand Dudenhöffer, Leiter des CAR-Center Automotive Research an der Universität Duisburg-Essen, geht in seinen Prognose deutlich weiter (siehe Interview). Bereits 2030 werde es in Europa und China kaum noch Neuwagen mit Verbrennungsmotoren geben. Die Zukunft in den USA hänge stark von der weiteren politischen Entwicklung ab.

Foto: VDI nachrichten

Dass gravierende Veränderungen anstehen, leugnet auch der VDA nicht. Allerdings setzt er in einer zehn Punkte umfassenden Offensivstrategie zur Elektromobilität und Digitalisierung klar auf die Zukunft des Verbrennungsmotors. Bis 2020 werde der Weltmarkt auf 91 Mio. Neufahrzeuge jährlich wachsen.

Auch wenn Elektrofahrzeuge Marktanteile gewännen, gebe es für Benziner und Diesel weiterhin Wachstumspotenzial. Wissmann spricht gar von einem „zweiten Frühling für den Verbrenner“. Erdölunabhängige E-Fuels, die Benzin und Diesel ersetzen und dafür sorgen sollen, dass Verbrennungsmotoren eine emissionsfreie Zukunft haben, sollen ihn einläuten.

Bei Automobilherstellern wächst dagegen die Unruhe. Agenturen meldeten diese Woche, dass der Daimler-Betriebsrat sich erste Zusicherungen für die Fertigung von E-Auto-Teilen in dem Stammwerk in Stuttgart-Untertürkheim eingeholt hat. Künftig sollen hier auch Prototypen und Bauteile für Elektroantriebe gefertigt werden. Allerdings haben Betriebsrat und Management im gleichen Atemzug einen Kapazitätsausbau bei Verbrennungsmotoren vereinbart. Noch läuft die Produktion auf Hochtouren. Es fragt sich nur, wie lange noch. 

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