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Dienstag, 12. Dezember 2017

Rüstung

Auszug aus Ägypten

Von Peter Steinmüller | 10. August 2017 | Ausgabe 32

Vor 50 Jahren kehrten die letzten bundesdeutschen Raketenbauer vom Nil zurück.

BildAlKaher
Foto: Express/Archive Photos/Getty Images

El-Kahir-Raketen bei der Militärparade in Kairo im Jahr 1962. Die Waffen konnten jeden Punkt in Israel treffen.

Flugzeugwerk in Nordafrika sucht Fachkräfte jeder Art“ lautete der unverdächtige Kleinanzeigentext, der Ende der 1950er-Jahre in deutschen Zeitungen erschien. Dahinter verbirgt sich das vermutlich unrühmlichste Kapitel bundesdeutscher Ingenieurgeschichte: Jahrzehntelang arbeiteten deutsche Spezialisten, die ihr Handwerk im Dritten Reich gelernt hatten, an Raketen und anderen Waffensystemen, mit denen Ägyptens Herrscher Gamal Abdel Nasser die Einwohner Israels bedrohte.

Die Zusammenarbeit setzte bereits zu Beginn der 1950er-Jahre ein, als der ehemalige SS-Standartenführer Wilhelm Voß, der in der Nazizeit kriegswichtige Konzerne geleitet hatte, eine bescheidene Rüstungsindustrie am Nil aufbaute. Rolf Engel, der als SS-Offizier in Peenemünde an den sogenannten Vergeltungswaffen gearbeitet hatte, konstruierte die erste ägyptische Rakete.

Nasser verstärkte die Bemühungen um eine nationale Rüstungsindustrie nach dem gescheiterten Versuch von Franzosen und Briten im Jahr 1956, den Suezkanal mit einer militärischen Intervention unter ihre Kontrolle zu bekommen. Zudem alarmierte ihn, dass Israel an Atomwaffen arbeitete.

 Dass Nassers Werben Zulauf fand, lag vor allem an der schlechten Arbeitsmarktlage der Flugzeug- und Raketenspezialisten. Viele waren von ihrer teils erzwungenen Arbeit für die Alliierten zurückgekehrt und fanden keine Angebote in ihren Fachgebieten. Allerdings empfahl sich zumeist nur die zweite Garde für die Jobs am Nil – die erste arbeitete längst mit Wernher von Braun im Weltraumprogramm der USA.

Foto: DLR/DVL

Eugen Sänger: Seine Arbeit in Ägypten dauerte aufgrund von öffentlichem Druck nur kurz.

Der prominenteste Wissenschaftler in Nassers Diensten war Eugen Sänger. Der österreichische Ingenieur hatte im Dritten Reich bahnbrechende Arbeiten an Flugzeug- und Raketentriebwerken geleistet. Seit 1954 leitete er das Forschungsinstitut für die Physik der Strahlantriebe in Stuttgart. In Kairo unterstützten ihn seine Institutsmitarbeiter Wolfgang Pilz und Paul Goercke, die beide schon in Peenemünde an der Rakete V-2 gearbeitet hatten. Goercke scheiterte damit, das dringend benötigte Steuerungssystem für die arabischen Waffensysteme zu konstruieren.

Während Nasser in flammenden Reden mit der Vernichtung Israels drohte und ankündigte, „wenn wir Palästina betreten, wird sein Boden mit Blut getränkt sein“, genossen die Raketentechniker das komfortable Leben in Kairo. Die Kinder gingen auf eine deutsche Schule, abends traf man sich in den ehemaligen Kolonialclubs. Dort verkehrte auch Hans Eisele, der die Exilanten und ihre Familien medizinisch betreute. Der KZ-Arzt war in den Lagern Dachau, Buchenwald und Mauthausen an Häftlingsmorden und Menschenversuchen beteiligt. „Der Spiegel“ schrieb über die Spezialisten in Arabien: „Eine Minderheit erblickt in Nasser den Mann, der Hitlers Kampf gegen die Juden fortsetzt.“

Am 21. Juli 1962 starteten vor den Augen der eingeladenen Weltpresse die Prototypen von „El-Safir“ und „El-Kahir“. El-Safir transportierte einen Sprengkopf von 1 t über 280 km. El-Kahir hatte die doppelte Reichweite und konnte damit das komplette Gebiet des jüdischen Staates abdecken. Zwar betrug die Nutzlast nur 100 kg, doch zeigte Ägypten wenig später mit dem Giftgaseinsatz im jemenitischen Bürgerkrieg, dass es vor dem Einsatz von Massenvernichtungswaffen nicht zurückschreckte.

In Israel, in das unmittelbar nach dem Krieg 140 000 Holocaustüberlebende ausgewandert waren, löste das ägyptische Raketenprogramm nahezu Panik in der Politik und bei den Sicherheitskräften aus. Die Regierung appellierte an Verteidigungsminister Franz Josef Strauß, die Arbeit der deutschen Spezialisten in Ägypten zu unterbinden.

Doch die Israelis beließen es nicht bei Worten: Fast gleichzeitig mit den ersten Raketenstarts begann der Auslandsgeheimdienst Mossad eine Serie von Anschlägen in Europa und Ägypten mit mehreren Toten und Schwerverletzten. Ein ehemaliger Mitarbeiter von Sänger verschwand spurlos, eine Sekretärin verlor Gehör und Augenlicht durch eine Briefbombe. Als Anfang des Jahres 1963 ein Mossadkommando in der Schweiz aufflog, gerieten die Ingenieure in Arabien in den Fokus der internationalen Öffentlichkeit, und es hagelte Kritik an den „Raketensöldnern“. So verurteilte Bundeskanzler Ludwig Erhard öffentlich ihr Engagement für Nasser.

Bereits zuvor hatte die Bundesregierung geprüft, wie sie juristisch gegen die Technikerkolonie in Kairo vorgehen konnte. Doch weder ein Passentzug noch Anklagen wegen Landesverrats kamen infrage. Schnelle Wirkung zeigte der Druck bei Eugen Sänger, der zum Rückzug als Institutsleiter in Stuttgart gezwungen wurde und daraufhin nach kurzem Aufenthalt Ägypten verließ und beteuerte, an „nichts anderem als friedlichen Raketen“ gearbeitet zu haben. Er wurde im Januar 1963 auf den Lehrstuhl für Raumfahrttechnik an der TU Berlin berufen.

Auch andere Experten kehrten aus dem ägyptischen Exil zurück, weil die expandierende deutsche Luft- und Raumfahrtindustrie mittlerweile attraktive Aufgaben bot. Das ägyptische Abenteuer endete damit schleichend.

Schätzungen gehen von bis zu 350 deutschen Fachkräften in Nassers Rüstungsfabriken aus, wobei aufgrund des zunehmenden Engagements der DDR am Nil ein großer Teil aus Ostdeutschland stammte. Als die Sowjetunion Ägypten mit Panzern, Bombern und Marschflugkörpern hochrüstete, verloren die einheimischen Waffenschmieden ihre Bedeutung. Doch die sozialistische Waffenhilfe verhinderte nicht die vernichtende arabische Niederlage im Sechstagekrieg 1967, zu der die bundesdeutsche Militärhilfe für Israel beitrug. Danach kehrten die letzten Raketenbauer vom Nil in die Bundesrepublik zurück.

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