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Dienstag, 12. Dezember 2017

Unternehmensporträt

Betten mit Köpfchen

Von Wolfgang Schmitz | 9. November 2017 | Ausgabe 45

Größe ist kein Indiz für Qualität. Mit 160 Mitarbeitern setzt die Hermann Bock GmbH Maßstäbe bei mitdenkenden Pflegebetten.

Betten BU2
Foto: Hermann Bock

Die Hubmechanik der Hermann Bock GmbH ermöglicht es, das Kinder- und Jugend- pflegebett Dino auf eine ergonomische Pflegehöhe bis 86 cm anzuheben.

Stefan Kettelhoit weiß um Lücken in der medizinisch-technischen Betreuung: „Die Langzeitpflege ist noch stark untertechnisiert.“ Aber auch hier hält die Digitalisierung Einzug – und der mittelständische Hersteller von Pflegebetten Hermann Bock aus Verl mischt dabei kräftig mit. Im April dieses Jahres hat Bock das System Smart Care Control auf den Markt gebracht, um die Möbel in Altenheimen und Reha-Einrichtungen „intelligent“ zu machen.

Das intelligente Pflegebett erkennt, wie sich ein Bewohner bewegt und teilt es den Pflegekräften mit. „Wir haben nicht einfach einen Sensor, der irgendeinen Alarm auslöst“, erklärt der Geschäftsführer des Familienunternehmens Hermann Bock. Denn den gebe es schon. „Wir haben ein System, das einen Mikrocontroller in der Steuerung hat und damit alle Technikfunktionen des Bettes und die ganze angeschlossene Sensorik als Daten komplett aufzeichnet.“ Als Inspiration dienten Entwicklungen aus dem Smart Home.

Setzt sich Herr Müller nachts auf die Bettkante, registrieren das die Sensoren unter seiner Matratze und schalten die Beleuchtung ein. Die Pflegekräfte können auf ihrem Tablet oder Smartphone und auch auf dem Bildschirm im Schwesternzimmer die entsprechende Statusmeldung sehen. Ist Herr Müller ein rüstiger Senior, ist alles im grünen Bereich. Ist er jedoch sturzgefährdet, verwirrt oder nach einer individuell definierten Zeitspanne noch nicht zurück, löst das Aufstehen einen stillen Alarm auf dem mobilen Gerät oder einen direkten Schwesternruf über die hauseigenen Anlage aus. Dem Personal erspart das System überflüssige Kontrollbesuche in den Zimmern, den Bewohnern freiheitseinschränkende Maßnahmen wie Gitter und Fixieren.

Eingeführt werde das Smart Care Control zunächst einmal in den Bock-Referenzzentren in Deutschland und weltweit. „Wir wollen nicht nur einzelne Betten ausstatten, sondern ein komplettes Heim, sodass eine Pflegekraft von jedem Smartphone aus in der Lage ist, zu sehen, was im ganzen Haus passiert“, so Kettelhoit. „Und weil wir die Daten für die Dokumentation sammeln und aufbereiten, bleibt Zeit für das Wichtige, wozu auch die emotionale Zuwendung gehört.“

Dem Bett merkt man seine Intelligenz nicht an: Das soll so sein, um „Einstiegsängste“ zu nehmen. Die Drucksensoren sind in einer Matte verwebt und registrieren Mikro- und Makrobewegungen, was auch dem Vermeiden von Druckgeschwüren dient. Bevorzugte sowie therapeutisch notwendige Liegepositionen lassen sich vorprogrammieren. Zurzeit arbeitet Bock daran, weitere Parameter zu erfassen. Feuchtigkeitssensoren würden melden, wenn die Laken durchnässt oder durchgeschwitzt sind. Auch Herz- und Atemfrequenzmessungen oder EKG wären möglich.

„Wir verwenden ein Bussystem, um verschiedene Arten von Sensoren anzuschließen“, sagt Kettelhoit, die alle kostengünstig und robust sein sowie berührungslos funktionieren müssen. Die Entwicklung sei bereits fortgeschritten, die Zulassung als Medizinprodukt könnte bis zu anderthalb Jahre dauern.

Kettelhoit kommt gerade aus Australien und Neuseeland zurück und berichtet von „überwältigendem Interesse“ für Smart Care Control. In Frankreich hat die Firma in diesem Jahr eine Niederlassung eröffnet, in den Niederlanden ist sie Marktführer. Die Betten werden komplett am Standort Verl entwickelt und gefertigt. Dabei hat Bock nur rund 160 Mitarbeiter. „Aber wir haben zum Glück jede Menge Ideen“, so der promovierte Pharmatechnologe und Apotheker.

Anregungen kämen von den Kunden, Erfinder schickten ihre Tüfteleien, die firmeneigenen Innovationskreise tagten regelmäßig und nicht zuletzt bringe sich das 15-köpfige Entwicklungsteam mit Ideen ein. „Eine Mischung verschiedener Fachrichtungen ist wichtig, denn wir haben immer sehr interdisziplinär gearbeitet. Wir kommen aus der Metallindustrie und wissen auch mit Antriebstechnik, Holz und Gummi umzugehen.“

Nun kommt immer mehr Elektronik dazu. Zu den Entwicklern gehören zwei Ingenieure für Fertigungs- und Kunststofftechnik, einer mit dem Schwerpunkt Qualitätsmanagement, wie auch mehrere Techniker. Alle Vorschläge durchlaufen einen Bewertungsprozess unter Firmenstrategie- und Kosten-Nutzen-Aspekten.

Den Ruf eines innovativen Mittelständlers hat Bock sich verdient. 1983 baute die ostwestfälische Firma die erste höhenverstellbare elektrische Liege: die Geburtsstunde des Pflegebetts. In den letzten Jahren entwickelte Bock unter anderem individuell konfigurierbare Unterfederungssysteme aus Hochleistungskunststoff sowie ultraniedrige Betten für unruhige Schläfer. Diese lassen sich nachts fast bis zum Boden absenken.

Kettelhoit stieg vor vier Jahren in das Unternehmen ein, das sein Großvater vor knapp 100 Jahren gegründet hatte. Er ist einer von drei Geschäftsführern aus der Gründerfamilie. „Damals definierten wir zwei Zukunftsfelder.“ Erstens: Hygiene. Eine Beschichtung aus Silber- oder Kupferionen an oft angefassten „Kontaktzonen“ der Gestelle soll Keime abtöten und so die Ausbreitung von Infektionen in den Pflegeeinrichtungen verhindern. Zweitens: Digitalisierung. Inzwischen betreibt Bock einen Onlineshop für elektronisches Pflegezubehör. Ein Großteil der Smart-Care-Control-Technologie kann nachgerüstet werden, auch bei Betten anderer Hersteller.

Die Digitalisierung verändert jedoch nicht nur die Pflege, sondern auch die Produktionsprozesse. Für das intelligente Bett holte sich Bock externe Entwickler von Elektrotechnik, Software und Design zur Unterstützung des eigenen Teams. Künftig soll IT ebenfalls zu den Kernkompetenzen des Familienunternehmens gehören, man ist auf der Suche nach entsprechenden Fachkräften. Um sie buhlen in Ostwestfalen auch deutlich größere und bekanntere Unternehmen wie Miele, Nobilia oder Beckhoff. Bock versucht, junge Leute mit Praktika anzulocken und hat nach eigenen Angaben in den letzten Jahren zahlreiche Bachelor-, Master- und Technikerarbeiten mitbetreut. „Wir bieten ein Paket an, in dem das Gehalt nur eine Komponente ist“, so der Firmenchef. Man offeriere flexible Arbeitsplätze und flache Hierarchien.

2016 ist Bock um 20 % gewachsen und hat auch seinen Firmensitz erneuert. 2017 wird voraussichtlich nicht ganz so glänzend ausfallen, „aber wir richten uns weiterhin auf zweistelliges Wachstum ein“. Die alternde Bevölkerung lässt den Bedarf nach den Produkten weiter steigen: „Es werden neue Heime gebaut und in den vorhandenen werden die Betten ersetzt“, weiß Kettelhoit.

Erzielt wird die Steigerung vor allem im Ausland. Aber nicht überall kann und will man sich ein schniekes, technologisch hochgerüstetes Ruhelager „made in Germany“ leisten. „Wir merken schon in Europa das Nord-Süd-Gefälle“, sagt er. Weiteres Wachstum erwartet er im Norden und Westen der EU sowie in den USA und Kanada. Potenzial sieht er zwar auch in China und Indien. Aber für einen Mittelständler sei es schwierig, sich auf diesen Märkten zu behaupten. ws

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