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Dienstag, 12. Dezember 2017

Ausstellung

Brief an den reichsten Teenager in Deutschland

Von Eckart Pasche | 15. Juni 2017 | Ausgabe 24

Das Historische Archiv Krupp zeigt in der Villa Hügel in Essen Briefe, die 200 Jahre Geschichte des einst größten deutschen Industrieunternehmens widerspiegeln.

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Foto: Historisches Archiv Krupp, Essen/ Frank Vinken

Brief von Kaiser Wilhelm II. an Bertha Krupp, datiert auf den 12. Dezember 1902.

Der Besucher durchschreitet die mächtige Tür im Obergeschoss des großen Hauses der einstigen Krupp-Residenz auf dem Hügel hoch über dem Baldeneysee im Süden von Essen und betritt ein in gedämpftes Licht getauchtes Skriptorium. Ihn empfangen in vier Sälen 44 nüchterne Lesepulte, die im strengen Kontrast zum neoklassizistischen Gebäude stehen. Sie locken zur Lektüre von Briefen, die Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens ihrer Zeit an Mitglieder der Familie oder an Mitarbeiter der Firma Krupp richteten und damit rückblickend Zeitgeschichte schrieben.

Schriftstücke in Essen

Während heute ein Staatsoberhaupt wie der amerikanische Präsident Donald Trump seine Mitteilungen elektronisch in die Welt zwitschert, nahm 1902 Kaiser Wilhelm II. die Feder zur Hand und schrieb einen sechsseitigen Brief an Bertha Krupp, die soeben im Alter von 16 Jahren Alleinerbin des Konzerns und damit zum reichsten Teenager Deutschlands geworden war. Er gab ihr handfeste Anweisungen zur Führung ihres Unternehmens, wohl auch, um sich einen gewissen Einfluss auf dieses zu erhalten.

Weil der Krupp-Generalbevollmächtigte Berthold Beitz bereits in den 1950er-Jahren versuchte, den „Osthandel“ über den Eisernen Vorhang hinweg zu betreiben, äußerte der damalige Bundeskanzler Konrad Adenauer ernsthafte Zweifel an der „nationalen Zuverlässigkeit“ von Beitz und dem Unternehmen. Darauf angesprochen, dementierte er heftig erregt 1958 in einem Schreiben an Alfried Krupp von Bohlen und Halbach.

In diesen Zusammenhang fällt die Eintragung des DDR-Staatschefs Walter Ulbricht in das Krupp-Gästebuch auf der Leipziger Messe 1961: „Ich wünsche gute Zusammenarbeit zwischen der Wirtschaft der DDR und der Bundesrepublik auf lange Sicht. Das dient dem Frieden und der Wiedervereinigung unseres deutschen Vaterlandes.“ Willy Brandt beurteilte Beitz dagegen 1971 völlig anders als Adenauer und hob in seinem Schreiben dessen „unerschrockene Art“ hervor. Seine Wertschätzung drückte dieser Bundeskanzler auch dadurch aus, dass er den Brief mit eigener Hand schrieb.

So verraten die Schreiben „Nichtgesagtes zwischen den Zeilen und werfen ein Schlaglicht auf Charakter und Weltsicht ihrer Verfasser. Zugleich zeichnen sie ein Bild ihrer Adressaten und öffnen Fenster zur Vergangenheit“, sagt Waltraud Murauer-Ziebach von der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung.

Foto: Frank Vinken

Blick in die Ausstellung: Die Lesepulte sind funktionell und bieten viele Zusatzinformationen rund um die Briefe.

Die Handschriften haben bis zu 200 Jahre überdauert. Ralf Stremmel, Leiter des Historischen Archivs, wählte die Exponate nach drei Kategorien aus: zunächst nach historischer Bedeutung, Bekanntheit und Prominenz der Personen. „Wobei Prominenz vergänglich ist“, sagt er. „Persönlichkeiten aus dem 19. Jahrhundert, wie den chinesischen Vizekönig Li Hongzhang, kennen heute nur noch Fachleute.“ Prominenz sei auch kein moralisches Kriterium: „Wir zeigen sowohl Briefe von Humanisten als auch von verurteilten Verbrechern.“

 Im zweiten Schritt ging es um die inhaltliche Qualität, die Aussagekraft der Briefe. Diese „sollten Zeitzeugen sein, Geschichte erzählen“. Als Drittes wurde eine gesellschaftliche Breite abgedeckt, nicht nur Wirtschaft oder Politik, sondern auch Wissenschaft, Kunst und Kultur – gleichmäßig über zwei Jahrhunderte hinweg.

Gezielt legt es die Ausstellung auf Kontraste und Konfrontationen an. Der Brief Wilhelms II. liegt auf dem ersten Pult, das der Besucher beim Eintritt ansteuert. Zu seiner Linken bedankt sich Max Liebermann, dessen Werke der Monarch als „Rinnsteinkunst“ verschmähte, 1902 für Krupps Ankauf seines Opus „Kleinkinderschule“. Der Bauhausgründer Walter Gropius, vom Kaiser ebenfalls wenig geschätzt, bietet auf der anderen Seite des Pultes in einem Schreiben von 1913 die Gestaltung eines Eisenbahnwaggons an.

Die schlichten Lesepulte sind äußerst praktisch konstruiert. Auf der geneigten Glasoberfläche, also gut lesbar, liegen die Originale der Briefe beziehungsweise deren erste Seite. Rechts daneben befinden sich das Konterfei und eine Kurzbiografie des Schreibers sowie eine knappe Geschichte zum Brief mit zeitlicher Einordnung. Ein seitlicher Auszug unterhalb der „Tischplatte“ enthält weitere Briefseiten, Transkriptionen und gegebenenfalls Übersetzungen ins Deutsche.

Die Ausstellung ist chronologisch aufgebaut. Im ältesten Schriftstück vom 24. Januar 1800 verleiht die Essener Fürstäbtissin Maria Kunigunde das Recht, das Steinkohlenflöz „Dreckbank“ in Sprockhövel zu bauen. Sie gehörte zu den Ersten, die die aufkommende Stahlindustrie im Ruhrgebiet förderten. „So verkörperte sie schon früh das, was später fast synonym für das Ruhrgebiet stehen sollte – Kohle und Stahl“, sagt Daniel Droste, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Historischen Archivs Krupp.

Selbstverständlich gehörten viele Briefeschreiber der Schwerindustrie an: Henry Bessemer, Andrew Carnegie, Franz Haniel, Friedrich Harkort und August Thyssen. Jehangir Ratanji Dadabhoy Tata spricht in seinem Schreiben vom 20. Februar 1960 an Alfried Krupp vom „Gemeinschaftsunternehmen“ und „unserer Zusammenarbeit“. Und plötzlich ist die Gegenwart im Raum. Der Brief mutet angesichts der immer wieder in den Medien beschworenen Fusion des deutschen Großkonzerns mit Tata Steel besonders interessant an.

Alexander von Humboldt dankt der Frau von Alfred Krupp, Bertha, in einem Brief am 18. September 1854 für die Glückwünsche zum 85. Geburtstag und die großen technischen Verdienste Krupps. Diese sprechen auch Robert Bosch, Thomas Alva Edison, Otto Hahn, Oskar von Miller und Max Planck an. Ferdinand Graf von Zeppelin schlägt in gestochen scharfem, schwungvollem Duktus Friedrich Alfred Krupp 1892 den Bau eines lenkbaren Luftschiffs vor.

Ferry Porsche teilt Alfried Krupp 1962 mit, dass sich die Auslieferung seines neuen Carrera 2 verzögere; das Fahrzeug sollte später das programmatische Kennzeichen „E-RZ 1“ tragen. Ein Hinweis auf den Rohstoff.

Und Rudolf Diesel schrieb 1895 voller Freude an seine Frau: „Mein Motor macht immer noch große Fortschritte, … ich bin in diesem ersten und vornehmsten Fache der Technik, dem Motorbau, der Erste auf unserem kleinen Erdbällchen, der Führer der ganzen Truppe diesseits und jenseits des Oceans.“ Was würde er wohl zur aktuellen Diskussion um Feinstaub und CO2-Ausstoß sagen?

Eine spannende Ausstellung ganz ohne Bilder, aber mit ausdrucksstarken Schriftbildern. 

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