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Dienstag, 12. Dezember 2017

Wissenschaft

Das Digitale geht fremd

Von Evdoxia Tsakiridou | 26. Januar 2017 | Ausgabe 04

Datenverarbeitung ist auch aus den Geisteswissenschaften nicht wegzudenken. Inzwischen ist eine eigene Disziplin entstanden: „digitale Geisteswissenschaften“.

Digital BU
Foto: dpa Picture-Alliance/Felix Kaestle

Bücher sind in den Hochschulbibliotheken vom Regal ins Netz gewandert. Die „Digital Humanities“ bündeln die Geisteswissenschaften in Datensätzen.

Wenn von Digitalisierung die Rede ist, denken die wenigsten an die Geisteswissenschaften. Dabei benötigen Sozialwissenschaftler Datenbanken und Historiker digitale Archive für Bilder oder historische Quellen. Ohne computergesteuerte Verfahren und Technologien könnten die Forscher die anfallenden Datensätze nicht verarbeiten, die für Indexierung und Notationen notwendig sind.

Theologe technisierte die Geisteswissenschaften

Die Geisteswissenschaften setzen für Forschung und Lehre auch informatische Methoden ein. So etabliert sich seit einem Jahrzehnt eine neue Disziplin, die Außenstehende (noch) nicht auf dem Schirm haben; ein Zwitterwesen aus Geisteswissenschaften und Informatik: die digitalen Geisteswissenschaften, englisch „Digital Humanities“ (DH).

Patrick Sahle, Geschäftsführer des Cologne Center for eHumanities, ein Zusammenschluss von Forschern zur Förderung digitaler Modelle und Technologien in den Geisteswissenschaften, bietet folgende Begriffsdefinition von Digital Humanities an: „Die DH sind eine Metadisziplin zu den Geisteswissenschaften, die zugleich Anstöße für die Informatik geben kann.“

Die neuesten Entwicklungen in der Informationstechnik sind den Geisteswissenschaftlern mehr als willkommen. Neben Methoden der Künstlichen Intelligenz für die Erfassung großer Textmengen setzen sie bei ihren sprachwissenschaftlichen Analysen auf Datenbank- und Webtechnologien. Diejenigen Wissenschaftler, die sich mit Bildern und Karten befassen, greifen außerdem auf Multimedia- und Hypertext-Technologien zurück, um ihre Forschungsgegenstände zu erfassen, zu beschreiben und zu analysieren. Dazu gehören ebenfalls die rechnergestützte Analyse alter Sprachen und Methoden zur Visualisierung von Analyseergebnissen, um literatur-, kultur- und sozialwissenschaftlichen, theologischen oder philosophischen Fragen nachzugehen. Und nun kommen ganz aktuell „Data Mining“ und „Big Data“ dazu.

Bei neuen Technologien wird immer betont, wie sehr sie die Effizienz erhöhen. Die digitale Transformation hat das Methodenarsenal der Geisteswissenschaften erweitert. Gravierender ist aber, dass sich auch die Informationslage in der Forschung verändert. „Die Geisteswissenschaftler gewinnen neue Erkenntnisse, die wiederum zu neuen Fragestellungen führen. Sie haben quasi eine neue ,Brille‘ aufgesetzt und suchen dadurch anders“, weiß Patrick Sahle, der auch für die „Koordinierungsstelle Digital Humanities“ der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste tätig ist.

Als angewandte Informatik sind die DH analog zu der Bio- oder Wirtschaftsinformatik zu betrachten. Da die DH-Experten vor allem in Projektentwicklung und -management arbeiten, müssen sie kommunikativ sein. Im Vergleich zu reinen Informatikern nehmen sie eine Vermittlerfunktion ein. Sie müssen über Fachverständnis verfügen und Fragestellungen analysieren, Modelle entwickeln und konzeptionelle Lösungen anbieten sowie bei der Interpretation der Daten helfen. Eine weitere Aufgabe ist die Anpassung von Standards, Datengenerierung und -verarbeitung sowie das Entwickeln neuer Publikationsformate. Auch im Bereich Softwareentwicklung, Server und Infrastruktur sind sie zu finden.

Geisteswissenschaftler, die über Kompetenzen für Modellierung und Formalisierung verfügen und sich mit Datenstrukturen und Softwaresystemen auskennen, sind gefragt. Da die Forschungsvorhaben speziell und häufig interdisziplinär sind, greifen die DHler nicht auf fertige Werkzeuge zurück, sondern entwickeln maßgeschneiderte Lösungen für die jeweiligen Projekte.

Aber auch außerhalb der Universität sind DH-Absolventen gefragt. Sie können bei Medienunternehmen, in der Softwareentwicklung oder der Industrie Karriere machen. „In allen Wirtschaftszweigen, bei denen es um Informationsverarbeitung bzw. Wissensorganisation geht, haben sie gute Chancen“, unterstreicht Sahle. Er sieht darin eine Ergänzung zu Ingenieuren, die informationstechnologische Qualifikationen mitbringen.

Nach Einschätzung des DH-Experten arbeiten rund 500 Menschen in diesem Bereich. Die Zahl der Studiengänge, entweder als reine DH oder in Kombination mit einem bestimmten Fach, wächst in Deutschland kontinuierlich. Die meisten Absolventen geben sich mit dem Bachelor-Abschluss zufrieden. Warum sollten sie den Master auch anschließen? Es gibt mehr Arbeitsplätze als qualifizierte Kandidaten. 

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