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Freitag, 15. Dezember 2017

Ausstellung

Das Gebetsmühlenhafte der Maschinen

Von Eckart Pasche | 16. Februar 2017 | Ausgabe 07

Das Lenbachhaus zeigt Werke des Pop-Art-Pioniers Thomas Bayrle, der die Ästhetik maschineller Produktion in die Gegenwartskunst einführte.

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Foto: Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau, München VG Bild-Kunst, 2016

Der Künstler Thomas Bayrle vor seinem Werk „Autobahn 2016“.

Kunstwerk, Kunstbau und dessen Umgebung optisch voneinander abzugrenzen, fällt dem Besucher der Bayrle-Schau schwer. Denn der Kunstbau des Lenbachhauses befindet sich unmittelbar an der U-Bahn-Station Königsplatz und ist somit Teil davon. Durch die Fenster der Ausstellungshalle sieht der Museumsbesucher die Passanten auf ihrem Weg von oder zur U-Bahn. Dabei strömen sie über die Rolltreppe wie auf einem automatisierten Fließband ins Unbekannte. Sie bewegen sich aneinander vorbei, ihre Wege kreuzen sich für einen Moment und verlieren sich anschließend sofort wieder.

Thomas Bayrle

In den Massenströmen erkennt Thomas Bayrle, geboren 1937, ein sich ständig veränderndes Bewegungsornament. Er befasst sich künstlerisch mit den sozialen Organisationsgesetzen von Individuum und Masse, wobei er seine Bildmotive der Alltagswirklichkeit sowie der Waren- und Konsumwelt des Menschen entnimmt. Der Einzelne verliert in der Menge seine Individualität und wird Teil der Masse, die eine eigene Identität besitzt.

Computergenerierte Bilder

Seit 1970 spielt die Autobahn in Bayrles Werk eine wichtige Rolle. Für die Münchner Ausstellung hat er ein auf die Dimension des Kunstbaus zugeschnittenes 30 m langes und 5 m hohes Wandrelief aus Holz geschaffen. „Es repräsentiert als Bild gewordenes Ornament die physische Zirkulation und räumliche Bewegung von Menschen in ihrem Automobil als Fortbewegungsmittel im öffentlichen Raum“, sagt Kuratorin Eva Huttenlauch.

Die als Rasterstruktur angelegte Autobahn als skulpturale Straßenlandschaft fungiert für den Künstler als Bild für den Organismus einer modernen Großstadt. Sie kann auch als Metapher für die durch menschliches Vermögen nicht mehr zu überblickenden Datenströme im Informationszeitalter gelesen werden. Antrieb der Bewegung sind die Maschinen. 2012 schnitt der Künstler zur documenta 13 erstmals Motoren auf und ließ sie arbeiten. Diese 15 „Skulpturen“ sind im Kunstbau zu sehen, der sich somit in eine Maschinenhalle verwandelt. Kolben stampfen, Kurbeln rotieren und Scheibenwischer oszillieren. Unterlegt sind die Bewegungen mit perseverierenden liturgischen Texten und Rosenkranzgebeten in mehreren Sprachen.

Bayrles Intention hierzu: Jeden Donnerstagnachmittag habe er in Frankfurt-Eschersheim eine Gruppe älterer Damen gesehen, die im Café ihre Einkaufstaschen abstellten und sagten: „Jetzt geht es los.“ Und dann hätten diese Frauen den Rosenkranz herunter gerasselt. „Das ist, wie wenn ein Motor läuft. Es ist wunderbar. Ich habe mich oft daneben gesetzt und das wie einen rauschenden Bach mitgekriegt, wie die das runterleiern.“ Gebetsmühlenartig neigen sich die Blätter der Scheibenwischer, so wie sich die Häupter in der Kirche senken. Immer und immer wieder. Und so tanzen die Kolben in der komplexen Choreografie eines Sternmotors, den der Künstler „Monstranz“ nennt. Ein anderer trägt den Namen „Hochamt“. Das kennen wir bisher nur vom Düsseldorfer Konrad Klapheck, der seinen gemalten Maschinen als „Schwiegermutter“ oder „Gekränkte Braut“ Leben einhaucht.

Foto: Werner Kaligofsky, VG Bild-Kunst, Bonn 2016, Copyright: Der Künstler, VG Bild-Kunst, Bonn 2016

„Rosenkranz “ (2009) Der Künstler versetzt Motoren in eine meditative Bewegung und unterlegt diese Bewegung mit einer Soundspur, die auf Religion und Liturgie verweist.

Das Aufschneiden und Präparieren der Maschinen hat Bayrle von seinem Bruder, einem Ingenieur bei BMW, durchführen lassen. Sie werden von kleinen Elektromotoren lautlos angetrieben. Ihr Brummen wurde vorher aufgenommen und über Lautsprecher eingespielt. Am schönsten ist das, wenn Maria Callas „O cieli azzurri“ über der Melodie eines Vespa-Motors schmettert.

 Bayrle arbeitete als einer der ersten Künstler in Deutschland mit computergenerierten Bildern und bediente sich des Prinzips des Seriellen – ein Ansatz, der ihn zu einem Pionier der Pop Art machte. Dies lässt sich in seinen Filmen seit den 1970er-Jahren nachvollziehen, die in München vorgeführt werden. 

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