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Dienstag, 12. Dezember 2017

Kommentar

Das Märchen vom disruptiven Prinzen

Von Wolfgang Schmitz | 18. Mai 2017 | Ausgabe 20

Das Modewort „disruptiv“ ist eigentlich ein hässlicher Begriff und wird allgemein mit „zerstörend“ übersetzt. Er soll aber auch signalisieren, dass etwas gänzlich Neues entsteht, dass womöglich sogar etwas Schöneres wach geküsst wird.

Wolfgang Schmitz, Redakteur: „Angst vor der ,Zerstörung‘ lähmt den Digitalisierungsprozess.“

Da im Fall der Digitalisierung aber aus einem Frosch nicht mit einem „Plopp“ ein hübscher Prinz wird – vor allem nicht, wenn es sich um einen gewissenhaften deutschen Frosch handelt –, brauchen Industrie 4.0 und Arbeit 4.0 mehr Zeit, als „disruptiv“ vermuten lässt. Und so gibt es einen Anfang, eine Mitte und ein Ende. Wobei Deutschland gerade erst mit der „Zerstörung“ begonnen hat. „Die Digitalisierung ist oft an hohe Investitionen sowie die Reorganisation der Unternehmen und ihrer Lieferketten ... und schließlich auch an die Entwicklung neuer, für die Kunden attraktiver Anwendungen gebunden. Alles das braucht Zeit, was eher für einen schrittweisen statt einen disruptiven Wandel spricht“, haben Wissenschaftler des Instituts Arbeit und Qualifikation (IAQ) ermittelt. Die Diskussion über neue Geschäftsmodelle habe „möglicherweise“ große Potenziale, „die Ideen sind aber lange noch nicht marktreif“. Was fehle, sei ein „leicht kommunizierbares Leitbild für Arbeit 4.0“, an dem vor allem Arbeitnehmer Halt finden und auf das sie sich berufen können.

Es geht nicht mehr um die Neugestaltung von Teilbereichen der Arbeit, sondern um die durchgehende Vernetzung mit vielfach sehr diffusen Auswirkungen auf die Arbeitsbedingungen. Weil niemand so genau weiß, wo es langgeht, konzentrieren sich Betriebsräte verständlicherweise auf die Sicherung der Standorte und auf die Beschäftigung an den Standorten. Vor allem in Konzernen mit weltweit standardisierten Prozessen ist die Sorge um eine Verlagerung omnipräsent. Die Angst vor der „Zerstörung“ lähmt den eh schon schleichenden Digitalisierungsprozess. Erst wenn deutlich werden sollte, dass der Mensch tatsächlich das wichtigste Glied ist, werden Arbeitnehmer konsequent mitziehen und aus dem glitschigen Frosch wird ein betörend schöner Prinz.

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