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Donnerstag, 14. Dezember 2017

Ausstellung

Das Orakel der technischen Karikatur

Von Eckart Pasche | 26. Januar 2017 | Ausgabe 04

Welche intellektuellen Schockwellen der Siegeszug der Technik im 19. Jahrhundert auslöste, zeigt eine Ausstellung zeitgenössischer Karikaturen in Baden-Baden.

Bildartikel zu 1. Kley Die Kruppschen Teufel.jpg
Foto: LWL-Industriemuseum, Westfälisches Landesmuseum für Industriekultur, Dortmund

Der Mensch im Takt der Industrialisierung: Heinrich Kleys „Die Krupp’schen Teufel“ (Öl auf Leinwand) aus dem Jahr 1912/13.

Das kennen viele: „Wat is en Dampfmaschin? Da stelle mer uns janz dumm. Und da sage mer so: En Dampfmaschin, dat is ene jroße schwarze Raum, der hat hinten un vorn e Loch. Dat eine Loch, dat is de Feuerung. Und dat andere Loch, dat krieje mer später. Und wenn die jroße schwarze Raum Räder hat, dann es et en Lokomotiv. Vielleicht aber auch ein Lokomobil.“

Angst vor der Zukunft

Was Lehrer Bömmel in Heinrich Spoerls 1933 erschienenem Roman „Die Feuerzangenbowle“ karikierend erklärt, löste einige Jahrzehnte zuvor Technikbegeisterung und -ängste aus. Die Erfindung von Dampfmaschine und -schiff, der Eisenbahn, des Autos, von Luftschiffen und Unterseebooten, des elektrischen Lichts, des Telefons, der Fotografie und von Röntgenapparaten: Zu Lande, auf dem Wasser und in der Luft war alles neu und löste neben Enthusiasmus auch Verunsicherung bis Panik aus.

Die neuen Errungenschaften ließen sich mit bekannten Erfahrungen und Medien nicht erklären. Nur die internationale Karikatur war in der Lage, diese Schockwellen zu erfassen, die außerhalb der zeitgenössischen Vorstellungskraft lagen. Das Museum für Kunst und Technik des 19. Jahrhunderts LA8 in Baden-Baden ergründet in seiner Ausstellung „Technische Paradiese“ das Wesen der neuen Maschinen anhand von 200 Exponaten. Waren sie als „Dampfross“ eine Art Tier? Verhießen sie die Erlösung von der Arbeit? Oder waren sie Frevel an der Natur? Mit ihrem Spott versuchten die Satiriker, den Menschen die Ängste zu nehmen und durch Humor zu beruhigen. So leistete die Karikatur Annäherung durch Ablehnung. In mutwillig schrägen Vergleichen eignete sie sich die epochale Neuheit Maschine als feuerspeienden Drachen, Dampfross, eiserne Spinne, schnaufenden Stier an.

Foto: Henrik Elburn

„Doktor-Ingenieur“, undatiert, ein weiteres Werk von Heinrich Kley aus dem Skizzenbuch I, gefunden in: Anton Klima: Die Technik im Lichte der Karikatur. Wien 1913.

Die Karikatur war das ideale Medium, um die Überraschung, die ungläubige Bewunderung, die Begeisterung und die Befürchtungen der Zeitgenossen auszudrücken. Als Kunst für das Aktuelle und für ein großes Publikum begleitete sie den revolutionären Aufstieg der Maschine. Je mehr die Karikatur in hohen Auflagen und in Zeitungen zum visuellen Massenmedium wurde, desto mehr verdankte sie ihren eigenen Erfolg den Maschinen, den stetig verbesserten Druckerpressen. Das hielt Karikaturisten wie George Cruikshank, William Heath, Grandville, Honoré Daumier, Albert Robida, Wilhelm Busch und Heinrich Kley nicht davon ab, dem industriellen Fortschritt ihren Spott gegenüberzustellen. Sie orakelten, was das Prusten von „König Dampf“, die tierische Wildheit der „Dampfrösser“ und überhaupt die überwältigenden Fähigkeiten der Maschinen für die Menschen auf ihrem damals beginnenden Weg ins – versprochene – technische Paradies bedeuten könnten.

„Wer die Technik der Karikatur im 19. Jahrhundert untersucht, berichtet zugleich von der Begegnung, ja dem ereignisreichen Aufeinandertreffen zweier bedeutsamer Entwicklungslinien“, sagt LA8-Museumsdirektor Matthias Winzen. Einerseits werde das Werkzeug im frühen 19. Jahrhundert endgültig zur Maschine. Damit verselbstständige es sich von seinem klar umrissenen, dienenden Status gegenüber dem Menschen. Es trete ihm als teillebendige Konkurrenz zur Seite. Andererseits werde die Karikatur von einem kunsthistorischen Nebengeschehen zu einem Hauptexperimentierfeld der künstlerischen Moderne: „Es treffen also zwei Entwicklungslinien aus Technik und Kunst aufeinander, was für ein Museum für Kunst und Technik von besonderem Interesse ist.“

Foto: LWL-Industriemuseum, Westfälisches Landesmuseum für Industriekultur, Dortmund

Die Maschine als Ungeheuer: Auch „Die Schnellpresse“ ist ein Werk von Heinrich Kley. Es entstand um 1910 (Tusche in Feder auf Papier).

Die Ambivalenz der Entwicklung betont der Museumsdirektor. Was „eine momentane Erleichterung ist, führt als langfristige Gewohnheit zum Verlust der entsprechenden Fähigkeit“ – Taschenrechner statt Kopfrechnen. Die Maschinenkraft ersetzt die Muskelanstrengung des Menschen so nachhaltig, dass dieser immer mehr Ausgleichsport treiben muss. „Das bisschen Haushalt macht sich von alleine“, wurde ein Credo der Werbung, doch je mehr die Maschine entlastet, indem sie praktische Kompetenzen des Menschen übernimmt, desto mehr enteignet, entmündigt sie ihn auf der anderen Seite.

Technik gibt etwas und erleichtert Dinge. Aber immer nimmt sie im Gegenzug auch etwas: Die mechanisierte Produktion wurde ergiebiger, beschäftigte allerdings (pro Produktionseinheit) weniger Arbeiter. Das elektrische Licht nahm zwar der Nacht den Schrecken, ermöglichte im Gegenzug die Nachtschicht, die Verlängerung des Arbeitstags in die traditionellen Ruhestunden. Die Fabrik gab Massen Arbeit, veränderte das Leben in Stadt und Land total.

Eberhard Illner, Leiter des Historischen Zentrums Wuppertal, der die Ausstellung mitkonzipiert hat, bezeichnet die erfolgreichen Maschinenbauer des 19. Jahrhunderts, von denen keiner eine Handwerkerausbildung abgeschlossen habe, als „selbstständige Erfinderunternehmer“. Der „Ingenieur wurde zu einer Leitfigur, die sich vor allem über die zunehmende Mechanisierung im Bau, in der Kriegsführung und in der Wirtschaft etablierte“. Außerhalb der traditionellen staatlichen akademischen Schulen und Universitäten erwarben diese Experten ihre Berufsqualifikation in polytechnischen Vereinen. Wurde die Society of Civil Engineers in England bereits 1771 gegründet, folgte die Polytechnische Hochschule Aachen erst 1875.

Die Karikatur nahm viele technische Entwicklungen vorweg, nicht alles Erwünschte oder Befürchtete ist bisher umgesetzt, doch „die Fantasie ist der größte Erfinder der Welt, weil sie anders als die Wissenschaft kein Hindernis kennt, jeglichen von ihr entworfenen Plan erfolgreich fertigzustellen“, konstatierte Jules Verne um 1870. 

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