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Mittwoch, 13. Dezember 2017

Strategie

„Das ist doch Wahnsinn“

Von Claudia Burger | 7. Dezember 2017 | Ausgabe 49

Christiane Benner, Zweite Vorsitzende der IG Metall, lehnt die Flexibilisierung des Arbeitszeitgesetzes strikt ab.

Interview BU
Foto: Annette Hornischer/IG Metall

Christiane Benner: „Mich macht es wütend, wenn Unternehmen einen Trend nicht ausmachen.“

VDI nachrichten: Frau Benner, Sie bemängeln, dass viele Unternehmen kein Konzept für die digitale Weiterbildung ihrer Mitarbeiter haben.

Benner: Das Problem beginnt vorher. Nur ein Drittel hat eine digitale Strategie, das hat eine Studie von Bitkom Research ergeben. Deshalb werden wir gemeinsam mit Betriebsräten und Beschäftigten überall Konzepte zum Thema „Wie sieht die Digitalstrategie des Unternehmens aus?“ einfordern. Dabei geht es um mehrere Facetten. Zum einen um die Industrie 4.0, neue Fertigungsprozesse, digitalisierte Produkte und neue Geschäftsmodelle und Plattformarbeit.

Christiane Benner

Zur Ermittlung der Weiterbildungsbedarfe arbeiten wir ganz praktisch mit einer Betriebslandkarte. Dort sind die verschiedenen Bereiche und Abteilungen aufgeführt. Wir schauen uns an, welches Qualifikationsniveau die jeweiligen Beschäftigten haben, wo Weiterqualifizierung nötig ist. Mit diesem Vorgehen beteiligen wir die Beschäftigten an der Diskussion, was sich durch die Digitalisierung an den Arbeitsplätzen verändern wird. Die Arbeitgeber sollten den Beschäftigten Zuversicht geben und ihnen die wichtige Frage beantworten: „Wo ist mein Platz in einem digitalisierten Unternehmen?“

In einem Vortrag auf der Engineering-und IT-Tagung hieß es, dass langfristige Planung in der digitalen Welt wenig Chancen habe und das Disruptive das Gebot der Stunde sei. Sie möchten eine langfristige Vision. Wie soll das gehen?

Das ist kein Widerspruch. Man muss den Rahmen gut gestalten, damit schnell und flexibel neue Produkte oder Geschäftsmodelle entwickelt werden können. Deswegen gestalten wir beispielsweise durch Mitbestimmung auch agile Arbeit. So kann in den Unternehmen eine neue Unternehmenskultur entstehen. Führungskräfte, die nicht loslassen können, sind fehl am Platz. Beschäftigte sind bereit für Veränderungen. Es muss aber klar sein, wo es hingeht.

Dabei spielt das Thema Datensicherheit und Datenschutz von Arbeitnehmern auch eine Rolle.

Ja. Die Aushandlungsprozesse sind im vollen Gang. Im Moment wird in der EU darüber geredet, was mit maschinengenerierten Daten passiert, wer sie nutzen darf, wer die Zugriffsrechte hat. Das ist sehr wichtig, weil daraus neue Geschäftsmodelle entstehen. Für uns ist von zentraler Bedeutung, dass keine Beschäftigtendaten für eine Leistungskontrolle erhoben werden. Es darf keine gläsernen Beschäftigten geben.

Das Thema Arbeitszeit spielt für die Gewerkschaft und die Arbeitgeber immer wieder eine Rolle. Arbeitgeber fordern regelmäßig eine Flexibilisierung des Arbeitszeitgesetzes.

Es gibt bereits extrem flexible Regelungen. Wer etwas anderes behauptet, hat vom betrieblichen Alltag keine Ahnung. Die Arbeitszeit unter dem Deckmäntelchen der Digitalisierung flexibilisieren zu wollen, ist doch Wahnsinn. Viele Beschäftigte leiden schon heute unter steigenden psychischen Belastungen und klagen über Schlafstörungen. Es gibt Analysen, wonach immer mehr Beschäftigte im Urlaub erreichbar sind. Die Menschen werden nachweislich unkonzentrierter und es gibt mehr Arbeitsunfälle nach einer bestimmten Tagesarbeitszeit. Das müssen die Arbeitgeber endlich einmal zur Kenntnis nehmen. Die Menschen brauchen zusammenhängende Ruhezeiten.

Sind die Arbeitgeber Ihrer Meinung nach also weniger weit als die Arbeitnehmer?

Wir machen ja kein Wettrennen. Wenn wir uns aber noch einmal vergegenwärtigen, dass in den meisten Unternehmen eine Digitalisierungsstrategie fehlt, finde ich das schon frappierend. Unsere Aufgabe als Gewerkschaft ist, dafür zu sorgen, dass die Beschäftigten in diesen neuen digitalisierten Geschäftsmodellen eine Zukunft haben. Mich macht es wütend, wenn Unternehmen einen Trend nicht ausmachen und sich nicht richtig aufstellen. Es ist eigentlich ihre Verantwortung, herauszuarbeiten, wie sie einem disruptiven Geschäftsmodell einmal die Stirn bieten können. Aber zum Glück gibt es Firmen, wo das passiert, die wirklich Ideen haben und sich den Herausforderungen der Zukunft stellen. Die deutsche Industrie hat eine hohe Fertigungstiefe – und wir sind in einigen Unternehmen auf einem guten Weg, was die Digitalisierungsthemen angeht. Da gibt es Potenzial. Dazu gehört auch, den Menschen Zuversicht zu geben. Das ist die Rolle von Politik, von Arbeitgebern, aber auch von Gewerkschaften. Und wir können es gestalten.

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