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Donnerstag, 14. Dezember 2017

Ausstellung

Der Meister der Industriefotografie

Von Eckart Pasche | 22. Juni 2017 | Ausgabe 25

Die Photographische Sammlung der SK Stiftung Kultur in Köln hat den einst weltberühmten Fotografen E. O. Hoppé wiederentdeckt.

Bildartikel zu 1.Sydney_Harbour_Bridge_under_construction.jpg
Foto: Curatorial Assistance, Inc./E. O. Hoppé Estate Collection

Under Construction ist der Titel dieses Fotos von E.O. Hoppé: Es zeigt die Sydney Harbour Bridge im Jahr 1930.

Der gebürtige Münchner E. O. Hoppé schwärmte: „Kein Mensch kann unter dem Bogen einer mächtigen Brücke mit ihren hoch aufragenden Streben stehen, ohne das innewohnende Erhabene zu fühlen, das über das Physische hinaushebt, einer immensen Größe entgegen, die sich letztlich dem Verständnis entzieht.“ In den ersten drei Dekaden des 20. Jahrhunderts zählte Hoppé zu den international bekanntesten Fotografen.

Ein Münchner in Köln

Er war überzeugt: „Wenn es in der Industrie Idealismus geben kann, dann kann es auch Romantik geben – die Romantik, aus kleinen Anfängen große Unternehmen aufbauen zu können, die Romantik des Abenteuers und der Leistung. Selbst in einer Fabrik lassen sich Schönheit und Reiz finden, der Reiz von der Macht des menschlichen Denkvermögens über die Materie, der Reiz naturwissenschaftlicher und technischer Leistungen, der Reiz einer mächtigen, gut funktionierenden Organisation.“

Emil Otto Hoppé wurde 1878 als Sohn einer hugenottischen Bankiersfamilie geboren. Diese Herkunft bekräftigte er später mit einem „Accent aigu“ auf seinem Namen. Hoppé Junior war wie sein Vater für das Bankfach vorgesehen. Ab 1902 arbeitete er bei der Filiale der Deutschen Bank in London, zeigte aber auch großes Interesse an Kunst und Kultur und verkehrte in entsprechenden Kreisen. So gab er seine berufliche Tätigkeit bei der Bank schon bald auf und widmete sich der Lichtbildnerei. 1907 wurde er als Mitglied in der Royal Photographic Society aufgenommen.

Foto: Curatorial Assistance, Inc./ E. O. Hoppé Estate Collection

Eine Arbeiterin bei Tata Iron & Steel Works in Indien aus dem Jahr 1929.

Im Fokus der Kölner Ausstellung steht seine Kontinente umspannende Industriefotografie. In England, seiner Wahlheimat, interessierte ihn die Schiffswerft in Liverpool mit ihren riesigen Kränen, in Northhamptonshire nahm Hoppé einen Telefonmasten als Beweis moderner Kommunikation auf, in Billingham hielt er die Anlagen der Imperial Chemical Industries fest und die London North Eastern Railway. Fasziniert haben musste den Fotografen das moderne Gaswerk Fulham in London, das er aus vielen unterschiedlichen Perspektiven wiedergab.

In Amerika weilte Hoppé mehrfach und auch für längere Zeiträume. Brücken übten einen hohen ästhetischen Reiz auf ihn aus, so auch die Delaware Bridge in Philadelphia (Pennsylvania), ebenso Eisenbahnanlagen wie diejenige in Chicago.

Dem Blick auf die 1903 von Henry Ford in Detroit gegründete und stets erweiterte Automobilfabrik, in der sich 1913 mit der Einführung der Fließbandproduktion ein radikaler Umbruch in der sich entwickelnden Automobilindustrie vollzog, mit ihren „Criss-Crossed“-Förderbändern, den unterschiedlich stürzenden Linien und in den Himmel ragenden Schornsteinen konnte Hoppé sich nicht entziehen.

In Australien dokumentierte er die Power Station in Sydney Harbour und den spektakulären Konstruktionsprozess der gigantischen Sydney Harbour Bridge, eine der breitesten Stahlbogenbrücken der Welt, die am 19. März 1932 eröffnet wurde.

Auch das größte indische Stahlwerk in Jamshedpur im Bundesstaat Jharkhand im Osten des Landes, das 1907 aus der Tata-Gruppe hervorging, und die nach Jamshedji Tata, dem „Vater der Industrialisierung“ Indiens, benannte Planstadt besuchte E. O. Hoppé 1929 und hielt sie in vielen Bildern fest.

Seine ursprüngliche Heimat suchte das Mitglied der Royal Photographic Society zwischen 1925 und 1938 mehrfach auf. Er reiste kreuz und quer durch Deutschland, um seine Menschen, Land- und Ortschaften sowie die industrielle Infrastruktur fotografisch zu „vermessen“. Hoppé lichtete Arbeiter, Bauern, Persönlichkeiten aus dem Wirtschafts- und Bankwesen ebenso ab wie Künstler, Intellektuelle und Politiker. Er stellte mittelalterliche Städte moderner Architektur gegenüber und dokumentierte die Entwicklung von Stadt- und Landregionen, besonders die der expandierenden Industriegebiete.

Foto: Curatorial Assistance, Inc./E. O. Hoppé Estate Collection

Bergarbeiter nach der Schicht an der Ruhr. Eine Aufnahme aus dem Jahr 1928.

Indem Hoppé Arbeiter, Maschinen, Rohstoffe und neueste Technologien festhielt, legte er Systeme und Strukturen offen, die die Wirtschaftsproduktion kontrollierten, sowie die Firmenkultur, die das Land vorwärtsbrachte.

Bis in die 1950er-Jahre unternahm er weitere große Reisen, publizierte 20 Bücher, die er nicht nur mit seinen Aufnahmen, sondern auch „Geschichten“ versah, so auch die „Poesie der Technik“ (1927) oder „The Romance of Steel and Cement“ (1928). Sein bildreiches Leben breitete er 1945 in seiner Autobiografie „Hundred Thousand Exposures: The Success of a Photographer“ vor dem Betrachter aus. Sein fotografisches Schaffen erfuhr Anerkennung durch Einzelausstellungen und die Überreichung des „Royal Photographic Society Honorary Fellowship“ im Jahr 1972, in dem Hoppé hochbetagt mit 94 Jahren starb.

Trotz der Wertschätzung seines Wirkens verschwand es von der Bildfläche. Der Grund liegt vor allem darin, dass Hoppé den größten Teil seines Lebenswerks in den 1950er-Jahren an die Mansell Collection – ein Londoner Bildarchiv – übergab, das die Bildbestände nach Themen und nicht nach dem Namen des Fotografen archivierte. Damit zerfiel das Gesamtwerk in unzählige Teilbereiche, und der Name E. O. Hoppé geriet in Vergessenheit.

Dem Engagement der Curatorial Assistance in Pasadena/Kalifornien ist es ab den 1990er-Jahren zu verdanken, dass seine Lebensleistung in mühevoller Kleinstarbeit weltweit aufgespürt, aus den Bibliotheken wieder zurückgekauft und in die Hoppé Estate Collection überführt wurde. Mit der ausgezeichneten Bildauswahl des Schweizer Kurators und des ausgewiesenen Fotoexperten Urs Stahel von 200 Industriefotografien aus dem enormen Motivspektrum ist es der Photographischen Sammlung gelungen, einen wahren Bilderschatz zu heben.

Auch wenn Hoppé keiner eindeutigen Richtung zuzuordnen ist, er sich sowohl dem Piktoralismus des 19. Jahrhunderts verschrieben hatte, gleichzeitig aber mit modernen Stilelementen der „Neuen Sachlichkeit“ experimentierte – was wohl ein weiterer Grund dafür war, dass er aus der Geschichtsschreibung der Fotografie herausfiel –, so nimmt er heute die Position eines Brückenbauers zwischen den fotografischen Welten ein. cer

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