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Dienstag, 12. Dezember 2017

Ausstellung

Der jodelnde Flamingo

Von Evdoxia Tsakiridou | 30. März 2017 | Ausgabe 13

„energie.wenden“ im Deutschen Museum ist ein Spielplatz für Experimentierfreudige und Amateur-Politiker rund um das titelgebende Thema.

S26-27 Bildunterschrift (2)
Foto: Deutsches Museum

An den Spielstationen können die Besucher, die sich in einem Rollenspiel befinden, zum jeweiligen Thema der Energiewende eine Entscheidung treffen.

Welche Maßnahmen müssen für die Energiewende ergriffen werden? Welche Folgen hätten diese auf Gesellschaft, Umwelt, Wirtschaft? Das Deutsche Museum in München bietet mit der Sonderausstellung „energie.wenden“ erstmals eine Spielwiese und Diskussionsplattform.

Steter Energiefluss aus München

Interessierte sollen die Energiewende selbst gestalten, die Argumente der Akteure bewerten und die eigenen Einstellungen reflektieren. Diesmal haben sich die Ausstellungsmacher auf politisches Terrain gewagt, und Museumsdirektor Wolfgang Heckl erklärt warum: „Die Energiewende ist das Thema des 21. Jahrhunderts. Wir möchten mit der Ausstellung die Diskussion voranbringen und dazu beitragen, diese Herausforderung zu bewältigen.“


Wer eine Musterlösung der Kuratoren erwartet, wird enttäuscht. Jeder Einzelne ist gefordert. Einen Hinweis darauf gibt der Ausstellungstitel „energie.wenden“: „Wir möchten die Besucher auffordern, aktiv zu werden und die Energiewende selbst zu gestalten. Sie bekommen Fakten und Informationen, aber ihre Schlüsse müssen sie selbst ziehen. Eine weitere Ebene besteht darin, dass die Menschen den eigenen Energiekonsum überdenken“, erläutert Kuratorin Sabine Gerber.

Das Ausstellungskonzept ist das Ergebnis einer interdisziplinären Zusammenarbeit von Ingenieuren, Physikern, Anthropologen, Ernährungswissenschaftlern, Soziologen, Architekten und Mediendesignern. Auf rund 1200 m2 hat das Team Originalobjekte, interaktive Demonstratoren, Modelle und Medienstationen zu zehn Themenbereichen aufgebaut, unter anderem zu fossilen Energieträgern, Atomenergie, Speicher und Netze oder Bauen und Wohnen. Die Informationen sind dazu gedacht, sich der wichtigsten Frage anzunähern: Wie lassen sich Versorgungssicherheit, Umweltschutz, soziale Gerechtigkeit und Wirtschaftlichkeit vereinbaren?

Aufmerksamen Beobachtern wird bereits im Museumsinnenhof die „Smartflower“ aufgefallen sein, eine stilisierte Blume, deren anthrazitfarbene Blütenblätter aus Solarzellen bestehen. Wie die biologischen Vorbilder aus der Natur folgt sie dem Sonnenlauf und faltet abends die Blütenblätter zusammen. Eine „Sonnenblume“ produziert 4000 kWh Strom im Jahr und könnte mit ihrem Ertrag problemlos einen deutschen Durchschnittshaushalt (3500 kWh/Jahr) versorgen. Den Gegensatz dazu bildet das größte Objekt der Ausstellung: eine Gestängetiefpumpe, um unterirdisch lagerndes Öl zu fördern. Wegen ihres charakteristischen Aussehens wird sie im Volksmund Pferdekopfpumpe genannt. Die zugrunde liegende Technik prägt noch heute die Ölförderung.

Die aufgebaute Energielandschaft zeigt die Komplexität des Themas. Hier können Interessierte wie bei einer Modelleisenbahn einzelne Elemente selbst steuern und die Auswirkungen ihres Handelns auf eine fiktive Kleinstadt studieren. Dabei geht es nicht allein um die Produktion, sondern auch um Bereitstellung, Verteilung, Speicherung und Nutzung von Energie. Eine wichtige Rolle spielen dabei auch die Bereiche Verkehr und Wärme.

Welche Akteure sich im Bereich Energie tummeln, erleben die Gäste in einem Rollenspiel. Ausgestattet mit einer Spielkarte, begibt sich der Besucher in die politische Arena, den ganz in gelb gehaltenen Mittelgang des Ausstellungsraums. An zehn Stationen mit ihren Bildschirmen warten virtuelle Interessenvertreter auf ihn. Sobald sich der Amateur-Politiker einem Display nähert, fährt ein Film ab und die Lobbyisten, dargestellt von Schauspielern, legen los. Der Repräsentant der Automobilindustrie preist die Vorzüge von Elektroautos und argumentiert mit Arbeitsplätzen. Der Energieversorger fordert den Ausbau der Stromnetze, weil sonst die Versorgung zusammenbrechen würde. Alle haben gute Argumente für ihre Forderungen, vom Landwirt bis zum Kraftwerksbetreiber, und der „Politiker auf Zeit“ muss entscheiden: Höhere Subventionen für die Bauern, mehr Mittel für die energetische Sanierung von Gebäuden oder lieber in neue Technologien investieren? An jeder Spielstation warten auf den Besucher eine Forderung und drei Lösungsmöglichkeiten. Hat er sich entschieden, stanzt er ein kleines Loch in seine Spielkarte. Am Ausgang der Ausstellung kann er seine Karte auswerten und erfahren, welcher Energiewende-Typ er ist: der Globalisierungsfan, der international denkt, oder der Freund der Marktwirtschaft, der eher geldorientiert ist?

Während Entwicklungsländer noch Energiesysteme aufbauen, müssen sich Industriegesellschaften über ihre Lebensweise Gedanken machen. Zum Beispiel das Reisen. Ihre Eindrücke halten Weltenbummler auf Bildern fest, aber das bei der Reise entstandene Kohlendioxid (CO2) ist nicht sichtbar. Das macht es so schwierig, sich die Umweltbelastung vor Augen zu führen. Dieses Darstellungsproblem haben die Ausstellungsmacher ganz einfach gelöst: An der betreffenden Station im Themenfeld Mobilität stehen eine Waage und beschriftete Würfel bereit.

Der Kubus für eine Autofahrt nach Barcelona ist schwer, so sehr schwer, dass er sich nicht anheben lässt. Für die 1350 km lange Fahrt benötigt der Individualreisende rund 14 Stunden. Pro Personenkilometer (Pkm) entstehen rund 142g CO2-Äquivalente. Nun kann jeder die Umweltbelastung ausrechnen. Eindrücklicher ist es aber, die Umweltbelastung zu spüren – und zu vergleichen. Der Bus-Würfel lässt sich problemlos auf die Waage stellen. Würde der Reisende mit diesem Verkehrsmittel fahren, käme er auf rund 30 g CO2-Äquivalente pro Pkm.

Die Galerie „unsinniger Dinge“ stürzt Konsumenten und Umweltfreunde ebenfalls ins Nachdenken. Sie verdeutlicht, dass für die Produktion jedes noch so kleinen Dings Energie benötigt wird. Braucht der Mensch wirklich einen Wackeldackel zu seinem Glück bzw. einen jodelnden Plüschflamingo für ein gutes Leben?  

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