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Donnerstag, 18. Mai 2017, Ausgabe Nr. 20

Donnerstag, 18. Mai 2017, Ausgabe Nr. 20

Digitalisierung

„Der kapitalistische Marktdruck wird siegen“

Von Wolfgang Schmitz | 18. Mai 2017 | Ausgabe 20

Stefan Scheller begrüßt die Chancen der Datenvielfalt. Der Blogger und Personalfachmann zweifelt aber an der Mitarbeiterorientierung.

Schller BU
Foto: panthermedia.net./ninann

Arbeiten im privaten Umfeld – ein Schritt in die große Freiheit? „Man sollte sich keiner Illusion hingeben“, meint Stefan Scheller.

VDI nachrichten: Herr Scheller, ist die Rundum-Digitalisierung unausweichlich?

Scheller: Die Digitalisierung unserer Umwelt vollzieht sich Schritt für Schritt. Wer die Entwicklungen verfolgt, erkennt allerdings das zunehmende Tempo. Insbesondere im privaten Umfeld greifen Smartphone- und Smart-Home-Technologien selbst in den intimsten Bereichen der Verbraucher rasant um sich – bis hin zu einer weitreichenden freiwilligen Komplettüberwachung.

Stefan Scheller

Ist das im beruflichen Umfeld anders?

Dort wird es nicht zur „Rundum-Digitalisierung“ kommen. Damit würde der Mensch als Faktor der Wertschöpfungskette abgeschafft, CEOs übrigens auch. Daran kann niemand Interesse haben.

Wird der Mensch die Chancen der Digitalisierung nutzen oder wird er zum Datenbündel?

In vielerlei Hinsicht ist der Mensch bereits ein Datenbündel. Verknüpft man unsere Webaktivitäten aus dem Browser mit Bewegungs- und Kommunikationsprofilen sowie Inhalten aus Smartphones mit den digitalen Zahlungsströmen, können unfassbar viele Informationen gewonnen werden. Selbst wenn Sie einen Bogen um Social Media machen, sind Sie gläsern. Wir stehen hier erst am Anfang. Geködert durch spaßige Spiele und Sport-Tracking-Apps liefern wir zudem Daten über den Zustand unseres Körpers frei Haus.

Das hört sich nicht gerade motivierend an.

In der Datenvielfalt liegen auch große Chancen. Es gibt eine Vielzahl an Prozessen, bei denen eine digitale Automatisierung hohe Entlastung bringt.

Verdammen bringt also genauso wenig wie lobpreisen.

Ja, der digitale Wandel ist zunächst wertneutral. Es kommt darauf an, wie die Digitalisierung vom Einzelnen wahrgenommen wird bzw. wie sie auf ihn einwirkt. Auch wenn ich mich über Errungenschaften der „New Work“ freue, fürchte ich, dass mittel- und langfristig der kapitalistische Marktdruck siegt. Dass eine flächendeckende Erkenntniswelle alle Unternehmen zur sinnvollen Verbindung von Gewinn- und Mitarbeiterorientierung bringt, halte ich für eine Traumvorstellung.

Künftig wird die persönliche Anwesenheit gegenüber der Zielerreichung an Wert verlieren. Ist das begrüßenswert?

Ich war noch nie ein Fan von Vergütung und Benefits allein auf Basis von Anwesenheit. Aber auch Zielerreichungsprämien stehen in der Kritik, vor allem wenn sie individuell ausgerichtet sind und nicht team- oder unternehmensbezogen. Wenn Firmen auf Ergebnisorientierung setzen, müssen sie auch einen Weg vorsehen, wie Innovationsprojekte „gesund scheitern“ dürfen. Sonst werden Innovations- und Fehlerkultur zu Innovationskiller- und Fehlervermeidungskultur.

Und was bedeutet das für jeden Einzelnen?

Man sollte sich keiner Illusion hingeben: Solange ein abhängiges Arbeitsverhältnis besteht, ist Vergütung nie die „große Freiheit“. Allerdings kann eine Ergebnisorientierung die Rahmenparameter positiv verschieben: So bedeutet der Verzicht auf das Messkriterium Anwesenheit, dass ich in der Wahl meines Arbeitsplatzes freier werde und mir für die anstehende Aufgabe den jeweils sinnvollsten Arbeitsort suchen kann.

Werden wir künftig am Strand sitzen und mit einem Cocktail unserer Arbeit nachgehen?

Das hängt von der Arbeit und der jeweiligen Person ab. Was der eine als Befreiung sieht, ist für den anderen der Raub jeglichen Soziallebens. Die mobile Arbeit kann den Arbeitsalltag bereichern. Ersetzen Sie Strand durch Terrasse und Cocktail durch Latte macchiato, dann haben wir den Zustand bereits heute.

Was ist Ihnen am klassischen Arbeitsleben lieb, droht aber, verloren zu gehen?

Ich persönlich schätze die Möglichkeit der zufälligen Begegnung mit Kollegen an Kaffeeautomaten sehr. Ich glaube, dass es eine der wesentlichen Funktionen des Büros sein wird, Raum für Begegnung zu schaffen.

Wer ist für den Schutz der Mitarbeiter vor dem Ausufern der Digitalisierung verantwortlich?

Durch die Digitalisierung sind kulturelle Veränderungen notwendig geworden. Diese digitale Transformation macht HR (Personalwesen, die Red.) zum Hauptverantwortlichen und Treiber. Und kann damit für eine Balance von human zentrierter und kapitalzentrierter Digitalisierung sorgen. Eine solche ausgeglichene Digitalisierung kann die Menschen in vielerlei Hinsicht vor psychischer Überlastung schützen.

Der Arbeitsmarkt werde nicht ausbluten, weil man Wertschöpfungsbereiche finden werde, die es heute noch nicht einmal im Ansatz gebe, ist eine weitverbreitete Meinung.

Der Glaube an eine wohlgefällige Zukunft, in der sich alles findet, ist eine gesunde Grundhaltung. Allerdings bedarf es dazu einiger Bewegung in deutschen Unternehmen. Ein wenig mehr Optimismus, weniger Angst vor der Digitalisierung mit Blick auf die Möglichkeiten gepaart mit einer dennoch kritischen Haltung wäre in der Tat ein großer Fortschritt in Richtung Zukunftsfähigkeit. 

Es herrscht Fachkräftemangel. Trifft auch die Unternehmen eine Mitschuld, wenn es nicht gelingt, ihn einzudämmen?

Diese pauschale Aussage stimmt so nicht. Es gibt keinen flächendeckenden Fachkräftemangel. Aber es gibt ein Verteilungsproblem. Während einige Unternehmen Bewerberlieblinge sind, fällt es anderen extrem schwer, Mitarbeiter zu gewinnen. Bevor man dies jedoch auf einen so allgemeinen Begriff wie „Fachkräftemangel“ schiebt, muss sich ein Arbeitgeber fragen, ob die Arbeit im Unternehmen, was etwa Standort, Vergütung, Aufgaben und Arbeitsklima betrifft, attraktiv genug ist und ob die Vermarktung im Rahmen der Personalmarketing-Aktivitäten up to date ist. Auch hier bietet die Digitalisierung wachen Unternehmen große Chancen.

Sie arbeiten beim IT-Dienstleister Datev. Wie können Sie sich da Ihre kritische Haltung gegenüber der Digitalisierung erlauben?

Wenn man in einem genossenschaftlich organisierten IT-Unternehmen arbeitet, bei dem es nicht um Gewinnmaximierung geht, sondern um eine sinnstiftende Beziehung zu den Mitgliedern, sieht man die Digitalisierung mit anderen Augen. Ein extrem auf Datenschutz bedachtes Arbeitsumfeld wie bei der Datev braucht Menschen, die einerseits Digitalisierung sinnvoll vorantragen und gleichzeitig mit kritischem Blick auf die Entwicklungen im Bereich Digitalisierung achten. Querdenkertum im Rahmen von Arbeit 4.0 ist eine wertvolle Errungenschaft für Unternehmen. Im Übrigen bin ich selbst ein Fan der Digitalisierung und führe ein sehr aktives Online-Leben.

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