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Donnerstag, 14. Dezember 2017

Ausstellung

Der unbekannte Avantgardist

Von Johannes Wendland | 4. Mai 2017 | Ausgabe 18

Im Martin-Gropius-Bau in Berlin wird an Friedrich Kiesler erinnert. Er war Architekt, Bühnenbildner, Künstler und Visionär.

wendland BU
Foto: David Harris/Friedrich Kiesler Stiftung

Friedrich Kiesler vor dem „Schrein des Buches“ in Jerusalem kurz vor seinem Tod 1965.

Der „Schrein des Buches“ im Israel-Museum ist eine der Hauptsehenswürdigkeiten im neuen Teil von Jerusalem. Das liegt einerseits an den ausgestellten „Büchern“, den einzigartigen Schriftrollen, die in den Höhlen bei Qumran am Toten Meer gefunden wurden und unter anderem das einzige vollständige Buch des Alten Testaments – Jesaja – aus der Zeit des antiken Judentums umfassen. Aber das liegt auch an der aufsehenerregenden Architektur. Die Fragmente der Schriftrollen werden in einem kreisrunden, dunklen Saal gezeigt, der von einer Kuppel überwölbt wird. Von außen ist diese Kuppel mit weißen Fliesen besetzt. Sie soll an den oberen Teil einer Weinamphore mit offenem Hals erinnern. Die weiße Kuppel steht auf einer hofartigen, von einer Mauer umgezogenen Fläche einer schwarzen Basaltwand gegenüber. Schwarz und weiß, rund und weich gegen kantig und hart – symbolisch wird hier der Kampf des Guten gegen das Böse dargestellt.

Ausstellung in Berlin

Das 1965 eröffnete Bauwerk ist das einzige Gebäude, das der österreichisch-amerikanische Architekt, Bühnenbildner, Künstler und Visionär Friedrich Kiesler tatsächlich realisieren konnte. Es ist zugleich der Schlussstein eines Lebenswerks – Kiesler starb Ende 1965 in New York im Alter von 75 Jahren. Trotz der vielen unvollendeten Ideen und Projekte, die dieses Leben begleiten und kennzeichnen, ist es von hohem Reiz, sich in den Kosmos dieses Künstlers zu begeben, wie es eine Ausstellung im Berliner Martin-Gropius-Bau tut. Neben den Berliner Festspielen zeichnet die in Wien ansässige Friedrich und Lillian Kiesler Privatstiftung für die Ausstellung verantwortlich. Sie organisiert bereits seit Ende der 1990er-Jahre Ausstellungen, damit dieser vergleichsweise unbekannte Vertreter der künstlerischen Avantgarde des 20. Jahrhunderts nicht in Vergessenheit gerät.

Oder sollte man es mit Hani Rashid halten, dem Präsident der Kiesler-Stiftung? Für ihn ist Friedrich Kiesler „einer der wenigen Künstler, die es vermögen, das 20. mit dem 21. Jahrhundert zu verbinden“. Wer sich die Berliner Ausstellung mit ihren zahlreichen Modellen, Kunstwerken, Fotografien und Plänen ansieht, mag dem zustimmen. Zu sehen sind da Architekturentwürfe für Gebäude, die in ihren organischen Formen wie analoge Vorläufer der heute rechnergenerierten Planungen wirken. Die fortschrittlichen Ideen für eine mobile Theatertechnik dürften so manches, was die Hightech-Bühnen der Musicaltheater heute auffahren, in den Schatten stellen. Und schon Ende der 1920er-Jahre entwarf Kiesler ein Lichtspielhaus in New York, in dem der Film die Beschränkung der rechteckigen Leinwand überschreiten und auch auf die Seitenwände und Decken projiziert werden sollte – 360-Grad-Kinotechnik aus der ausgehenden Stummfilmzeit.

Kiesler muss man sich als einen umtriebigen Verarbeiter vorstellen. Wo immer er sich aufhielt, sog er die jüngsten Strömungen bei Kunst, Architektur, Musik und Kino auf und verwandelte sie in eigene Ideen, Entwürfe und Schöpfungen – von Bühnenbildern über Architekturentwürfe, Skulpturen und Zeichnungen bis zu Ölbildern. 1890 wurde Kiesler in Czernowitz in der Bukowina geboren, einem damals multikulturellen und multireligiösen Städtchen in der österreich-ungarischen Provinz, in dem auch die Dichter Paul Celan und Rosa Ausländer aufwuchsen.

Von 1908 an studierte er an der Kunstakademie und der Technischen Hochschule in Wien – ein früher Beleg für Kieslers künstlerische und technische Doppelbegabung. Im Ersten Weltkrieg wurde der nur 1,55 m große Mann im Vermessungswesen und später in der Propaganda eingesetzt. Er organisierte Ausstellungen und erwarb dabei Erfahrungen, die er später immer wieder einsetzen konnte. Nach mageren Nachkriegsjahren in Wien gelang Kiesler 1923 mit einem Bühnenbild der Durchbruch. Für die deutsche Erstaufführung des surrealen Roboterstücks „W.U.R. (R.U.R.)“ von dem Tschechen Karel Capek im Theater am Kurfürstendamm schuf er nicht nur ein Bild, sondern gleich eine völlig neue Theatertechnik. Seine „elektromechanische Kulisse“ bestand aus beweglichen Teilen, Leuchten und verstellbaren Wänden und erinnert entfernt an einen Schaltplan. Im Jahr darauf entwarf Kiesler für eine weitere Inszenierung ein Bühnenbild, das aus beweglichen Teilen bestand, die sich in einer festen Zeitfolge während des Stücks zu immer neuen, abstrakten Bildern neu zusammensetzten. Am Anfang und am Ende des Stücks stand ein Trichter, der in die Tiefe des Bühnenraums führte.

Mit einem Schlag war Kiesler bekannt. Er wurde mit einer Ausstellung über neue Theatertechnik in Wien beauftragt und schuf den österreichischen Pavillon für eine Designmesse in Paris 1925. Im Jahr darauf sollte in New York eine International Theatre Exposition stattfinden und Kiesler wurde als Kurator angeworben. So zog er mit seiner Frau in die USA, wo er bleiben und später auch die amerikanische Staatsbürgerschaft annehmen sollte.

Seine Grundideen für die Theatertechnik waren von den internationalen Avantgarde-Bewegungen geprägt, vom französischen Surrealismus, italienischen Futurismus und russischen Konstruktivismus. In einer Zeit der Beschleunigung, der ständigen Bewegung erschien ihm die starre Guckkastenbühne obsolet geworden. Kiesler brachte Bühnenbild und Publikum in Bewegung. Wie im Sportstadion saßen die Zuschauer um das die Bühne herum, die auf Stahlkonstruktionen im Raum schwebte. Der Zuschauerraum kreiste, von Motoren angetrieben, um den Bühnenraum herum.

Foto: unbekannt/Friedrich Kiesler Stiftung

Modell für ein Endless House aus dem Jahr 1959 von Friedrich Kiesler. Es handelt sich um eine Drahtgitterstruktur.

Auch in der Ausstellungstechnik ging der Visionär neue Wege. An Stahlpfeilern hängte er Platten und einzelne Exponate frei in den Raum und komponierte den optischen Eindruck wie ein abstraktes konstruktivistisches Bild. Berühmt geworden ist etwa Kieslers Planung für die Ausstellung „Art of this Century“, in der Peggy Guggenheim in New York 1942 ihre kostbare Sammlung moderner Kunst präsentierte. Die Ausstellung wurde zu einem riesigen Publikumserfolg. An allen seinen Wirkungsstätten – Wien, Berlin, Paris, New York – war Kiesler stets gut vernetzt. Er kannte sie alle, die Künstler, Dichter und Selbstdarsteller der Avantgarde-Bewegungen. Weil seine eigenen Arbeiten – Bühnenbilder, Dekorationen, Ausstellungen – in der Regel temporären Charakter hatten, sind heute nur wenige Kunstwerke von ihm erhalten und seine Werke heute zumeist nur als Ideenskizzen zu sehen. Es gibt die Künstler, die ihre Wirkung weniger beim breiten Publikum als bei anderen Künstlern entfalten. Kiesler war ein solcher.

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