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Donnerstag, 16. November 2017, Ausgabe Nr. 46

Donnerstag, 16. November 2017, Ausgabe Nr. 46

Forschung

„Die Cloud wird die Arbeitswelt gravierend verändern“

Von Simone Fasse | 23. März 2017 | Ausgabe 12

Andreas Boes vom Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung in München (ISF) ruft dazu auf, die Tragweite des digitalen Wandels zu erkennen.

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Foto: panthermedia.net/Lev Dolgachovmedia.net/Lev Dolgachov

Alles so schön bunt hier in der Wolke. Doch die Cloud birgt auch Risiken für Arbeitnehmer.

VDI nachrichten: Wie eine Bitkom-Studie zeigt, nimmt die Cloud-Nutzung in Deutschland stetig zu. Zwei von drei Unternehmen (65 %) haben in Deutschland im Jahr 2016 Cloud-Computing eingesetzt, 11 % mehr als im Vorjahr. Kommt diese Entwicklung für Sie überraschend?

Das Projekt „Herausforderung Cloud und Crowd“

Boes: Das ISF beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Digitalisierung. Dabei spielt auch das Thema Cloud eine wichtige Rolle. Der Aufwärtstrend überrascht uns nicht, denn aus unserer Sicht bauen alle wichtigen Zukunftstrends der Digitalisierung – von Industrie 4.0 über Machine Learning und Internet of Things bis hin zu Plattformstrategien, Big Data und Crowdsourcing – auf Cloud-Konzepten auf. Wir betrachten die Entwicklung dabei allerdings nicht aus dem rein technischen Blickwinkel, sondern vor dem Hintergrund der sozialen Handlungsebenen, die sich daraus ergeben.

Andreas Boes

Sie forschen am ISF derzeit zum Thema „Cloud und Crowd in Vorreiterunternehmen“?

Ja, die Forschungen sind ein Teilprojekt einer größeren Studie, die wir im Projektverbund mit sechs Partnern durchführen. Die Untersuchung ist auf drei Jahre angelegt. In der ersten Phase haben wir qualifizierte Interviews mit jeweils fünf bis sieben strategischen Entscheidern aus deutschen Vorreiterunternehmen geführt, dazu gehören etwa Konzerne wie Siemens, Bosch oder auch Mittelständler wie Trumpf. Im kommenden Jahr werden wir Projektleiter und Beschäftigte befragen. Uns geht es darum, ein Gesamtbild zu erhalten, dieses in der Tiefe zu verstehen und daraus Handlungsempfehlungen abzuleiten.

Gibt es schon erste Ergebnisse?

Wir können bereits ablesen, dass diese Unternehmen das Thema Cloud ganz oben auf die Agenda gesetzt haben. Sie haben erkannt, dass in der Cloud der innere Kern disruptiver Geschäftsmodelle steckt. Es ist jedoch eine große Herausforderung, den derzeitigen Paradigmenwechsel wirklich zu verstehen und entsprechend umzusetzen. Denn die Cloud ist ja viel mehr als ein technisches Hosting- oder Service-Modell. Vielmehr ist sie die Basis für die Entwicklung von Geschäftsmodellen, Wertschöpfungsstrategien und Organisationskonzepten von Arbeit. Die menschliche Ebene wird dabei oft vergessen.

Können Sie das näher erläutern?

Die Cloud steht für einen offenen Raum, in dem alles mit allem vernetzt und in Beziehung gebracht werden kann. So wird ein Internet der Dinge überhaupt erst möglich. Millionen von Sensoren und Maschinen sind miteinander verbunden, die Auswertung der hier gesammelten Daten schafft im Idealfall neue Business-Anwendungen wie etwa die vorausschauende Wartung.

Auch die gesamte Diskussion rund um Künstliche Intelligenz hängt letztlich an der Cloud. Über die Cloud dringt die disruptive Wucht der Digitalisierung zunehmend bis in die industriellen Kerne ein, IT-Riesen wie Google fordern etablierte Automobilkonzerne heraus, Märkte verändern sich rasant. Branchenstrukturen, die sich über Jahrzehnte stabil entwickelt haben, stehen plötzlich auf dem Prüfstand.

Mit der Cloud entstehen neue Ecosysteme, die eine fluide Form der Wertschöpfung hervorbringen, es bilden sich neue Partnerschaften, die je nach Bedarf mit Leben gefüllt werden. Und: Auf Plattformen werden Geschäfts- und Arbeitsbeziehungen neu organisiert.

Was bedeuten diese Veränderungen für die Arbeitnehmer?

Wir beobachten, dass Cloud-Umgebungen in den Unternehmen immer mehr zur zentralen Drehscheibe für die Organisation von Arbeitsprozessen werden. Einerseits werden offene Kommunikations- und Kollaborationsbeziehungen möglich, wie sie in Open-Source-Communities üblich sind. Andererseits entstehen mit digitalen Plattformen neue Marktplätze für Arbeit, über die Unternehmen externe Akteure – von Partnerfirmen über Kunden bis hin zu Freelancern und Crowdworkern – flexibel in ihre Prozesse einbinden. Damit entsteht jedoch zunehmend ein Wettbewerb zwischen Festangestellten und Crowdworkern. Die Leistung wird über die Plattformen immer transparenter – Transparenz ist der Treibstoff und die harte Währung in der Cloud. Dabei stellt sich auch die Frage, wie selbstständig die „independent contractors“, wie sie von den Online-Plattformen häufig genannt werden, tatsächlich sind.

Hat die Politik darauf schon Antworten?

Wir erleben derzeit einen gravierenden Wandel in der Arbeitswelt. An die Stelle arbeitsrechtlich abgesicherter Beschäftigungsverhältnisse tritt in der Plattformökonomie ein temporärer Kontrakt ohne besondere Schutz- oder Mitbestimmungsrechte durch Online-Plattformen, die Aufträge weltweit vergeben können. Es entsteht ein globaler Arbeitsmarkt ohne räumliche und zeitliche Grenzen. Das muss nicht nur negativ sein, denn so erhalten auch Menschen den Zugang zum Arbeitsmarkt, denen dies bislang schwer oder gar nicht möglich war. Der Status des Arbeitnehmers wird schleichend neu definiert, allerdings vom Markt, und nicht von der Politik. Auch die Gewerkschaften sind nun gefordert. Denn rechtlich befinden wir uns de facto in einer „Wildwestphase“.

Was empfehlen Sie?

Entscheidend ist, dass wir die Tragweite des digitalen Umbruchs erkennen und die Entwicklung maßgeblich mitgestalten. Wir dürfen uns das Heft des Handelns nicht aus der Hand nehmen lassen, das ist die zentrale Herausforderung für Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. 

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