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Sonntag, 17. Dezember 2017

Ausstellung

Die Erforschung des Ruhrgebiets

Von Eckart Pasche | 16. März 2017 | Ausgabe 11

Die Pinakothek der Moderne in München präsentiert Fotografien aus dem Revier, wie es sich vor 90 Jahren seinem Chronisten Albert Renger-Patzsch präsentierte.

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Foto: Albert Renger-Patzsch, Archiv Ann und Jürgen Wilde/VG Bild-Kunst, Bonn 2016

An der Ruhrmündung bei Duisburg, eine Aufnahme von 1929/30.

Der Meister beschrieb es so: „Das Geheimnis einer guten Fotografie … beruht in ihrem Realismus. Um die Eindrücke, die man vor … den Schöpfungen der Ingenieure und Techniker empfindet, wiederzugeben, besitzen wir in der Fotografie das zuverlässige Werkzeug. Noch zu wenig werden die Möglichkeiten geschätzt, die gestatten, den Zauber des Materials wiederzugeben (…). Wir können fotografisch die Begriffe von Höhe und Tiefe mit wunderbarer Präzision ausdrücken, und in der Analyse und Wiedergabe schnellster Bewegung ist die Fotografie unumschränkte Herrscherin. Dem starren Liniengefüge moderner Technik, dem luftigen Gitterwerke der Krane und Brücken, der Dynamik 1000-pferdiger Maschinen im Bilde gerecht zu werden, ist wohl nur der Fotografie möglich.“

Das Revier in München

Diese Einstellung zu seiner Arbeit äußerte Albert Renger-Patzsch im Jahre 1927, als er die Erforschung des Ruhrgebiets mit der Kamera in Angriff nahm. Die dabei entstandene Werkgruppe „Ruhrgebietslandschaften“ ist Bestandteil der Stiftung Ann und Jürgen Wilde, die in der Münchner Pinakothek der Moderne ihr Domizil hat.

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Essen im Jahr 1929, Blick auf die Bohrerstraße und die Zeche Victoria Mathias.

Für die Ausstellung wurden 85 Fotografien im Format von 18 cm x 24 cm, einige im Großformat 30 cm x 40 cm ausgewählt. Ergänzt werden sie durch aufschlussreiche Archivalien und Dokumente, die einen nachhaltigen Eindruck von Renger-Patzschs vielfältigen Themen und Auftragsarbeiten sowie deren wirkungsvollen Publikationen vermitteln.

Albert Renger-Patzsch wurde am 22. Juni 1897 in Würzburg geboren und starb am 29. September 1966 in Wamel am Möhnesee. Die Münchner Schau würdigt ihn also zu seinem 120. Geburts- und 50. Todestag. „Meine Liebe zur Fotografie ist erblich. Denn mein Vater war schon ein begeisterter Amateurfotograf.“ Bereits als vierzehnjähriger Gymnasiast – inzwischen in Dresden, wohin die Familie 1910 übergesiedelt war – befasste sich Albert mit fotochemischen Prozessen (Eiweißgummidruck und Tuschreliefverfahren), die sein Vater entwickelt hatte.

So verwundert es nicht, dass er nach dem Abitur und der Teilnahme am Ersten Weltkrieg 1919 an der Technischen Hochschule Dresden ein Chemiestudium aufnahm, das er aber nach zwei Semestern wieder aufgab. Die Amateurfotografie, die er parallel betrieb, noch orientiert am künstlerischen Stil des Vaters, behielt er nach eigenen Angaben bis 1920 bei.

1930 erhielt er einen größeren Auftrag von den Zündapp-Werken in Nürnberg. Die dort gemachten Aufnahmen flossen in den Fotoband „Eisen und Stahl“ ein, der als eines der „fünfzig schönsten Bücher des Jahres 1931“ ausgezeichnet wurde.

Auf der Triennale in Mailand 1933 wird er für die darin enthaltenen Bilder mit der Silbermedaille geehrt. Sie zeigen die Produktionsstätten des Stahls und unterschiedliche Produkte, riesige Maschinen, Generatoren, Kräne, Brücken und Pfeiler, Seilscheiben für Bergwerksförderanlagen, Schiffswände und Decks, Konstruktionen des Stahlskelettbaus und zahlreiche Formen der Gusseisenproduktion.

Weitere Industriearchitekturfotografien „entwickelten“ sich in enger Zusammenarbeit mit Fritz Schupp, dem Partner Martin Kremmers. Das Architekturduo Kremmer-Schupp zählte zu den bedeutendsten Vertretern eines Neuen Bauens (angelehnt an die Ästhetik der Neuen Sachlichkeit) in der Bergwerks- und Industrieanlagenarchitektur des 20. Jahrhunderts.

Die von ihm zwischen 1928 und 1932 erbaute Schachtanlage Zollverein 12 in Essen und die 1936 errichteten Tagesanlagen des Erzbergwerks Rammelsberg bei Goslar (Harz) – beide von Albert Renger-Patzsch in Bildern festgehalten – erlangten den Status des Unesco-Weltkulturerbes.

Foto: Albert Renger-Patzsch, Archiv Ann und Jürgen Wilde/VG Bild-Kunst, Bonn 2016

Ganz nah bei der Zeche Victoria Mathias in Essen lebten die Arbeiter. Ein Foto aus dem Jahr 1929. :

Albert Renger-Patzsch musste das Ruhrgebiet wohl von Weitem aus gesehen als Faszinosum empfunden haben, von Nahem betrachtet als Moloch, der mit seiner ganzen Wucht die Menschenmassen mit sich riss, mit Zechenanlagen, unzähligen Fördertürmen und qualmenden Schloten der Kokereien und Hüttenwerke, die den Himmel verfinsterten. Er spürte die rasante Veränderung und Zerstörung der Natur, die Vernichtung dörflicher Ordnungs- und Siedlungsstrukturen durch planloses Wachstum.

Die ganze Tristesse mit ihren eklatanten Gegensätzen und die vermeintlich reizlosen Ansichten des Ruhrgebiets waren ihm Herausforderung, sie wahrheitsgetreu wiederzugeben: Monumentale Industriebauten, Zechen wie „Eiserne Hand“ und „Victoria Mathias“ in Essen, „Germania“ in Dortmund und „Rosenblumendelle“ in Mülheim mit ihren Tagesanlagen, Fördertürmen, Kokereien und Haldenlandschaften, Stahl- und Hüttenwerke mit ihren unzähligen Schloten ragen in den Himmel.

Die nicht reversiblen technischen Errungenschaften der Moderne bewirken wie Naturgewalten schnelle Veränderungen. Mithilfe der Fotografie wollte Albert Renger-Patzsch für die Nachwelt das Bild einer einmaligen Natur- und Kulturlandschaft bewahren: „Doch müssen wir die Verpflichtung fühlen, unseren Nachkommen das Bild der Landschaft unserer Zeit zu übermitteln.“ Dies leistet die Münchner Ausstellung hervorragend. 

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