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Donnerstag, 10. August 2017, Ausgabe Nr. 32

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Digitale Arbeit

Die zwei Seiten der modernen Arbeitswelt

Von Johannes Wendland | 8. Dezember 2016 | Ausgabe 49

Crowdworking wird die Arbeitswelt der Zukunft prägen. Die Spannbreite reicht von schlecht bezahlten Jobs bis zur anspruchsvollen Projektarbeit.

wend BU Montage
Foto: Foto [M]: panthermedia.net/claudiodiviza/shirotie/VDIn

Innovativ und kostensenkend: Crowdworking ist für Unternehmen interessant.

Der kleine Elektrobus „Berlino“ ist autonom und kompakt. Über eine App lässt er sich wie ein Taxi an jedem beliebigen Ort anfordern. Bezahlt wird bargeldlos. Der Bus ist barrierefrei, bietet Platz für etwa acht Personen und fährt lautlos und emissionsfrei.

Eine Lösung für überfüllte Innenstädte und den Personennahverkehr? „Berlino“ ist ein Gewinnerprojekt des Wettbewerbs „Urban Mobility Challenge: Berlin 2030“, der im vergangenen Jahr ausschließlich im Internet lief und von der Plattform Local Motors ausgelobt wurde. Gesucht wurden Vorschläge aller Art für einen öffentlichen Nahverkehr der Zukunft. 81 Beiträge wurden eingereicht, je sechs Beiträge wurden mit 2000 $, 1000 $ und 500 $ honoriert.

Local Motors könnte die Ideen jetzt weiterentwickeln und vermarkten – und dabei wieder die „Crowd“ nutzen. Das heißt: das Projekt auf der eigenen Website ausloben und alle Interessierten um die Einreichung von Verbesserungs- und Änderungsvorschlägen bitten.

Volker Marhold hat am Berlin-Wettbewerb teilgenommen und für seinen Entwurf für Paketdrohnen einen Preis erhalten. Der angehende Wirtschaftsingenieur schrieb gerade an seiner Masterarbeit, als er den Wettbewerb im Internet entdeckte. „Ich hatte Lust und Energie, nebenbei an diesem Entwurf zu arbeiten“, erklärt er. „Die Website bot die Möglichkeit, meine Idee öffentlich zu präsentieren. Über das Forum habe ich auch Feedback von anderen Teilnehmern bekommen. Der Preis macht sich auf jeden Fall gut im Lebenslauf.“

Local Motors hat sich als ein Musterbeispiel für Crowdworking einen Namen gemacht – also für das Prinzip, dass einzelne, klar umrissene Arbeitsaufgaben über das Internet an alle Interessierten ausgelobt werden. Der 2007 in den USA gegründete und inzwischen auch in Deutschland aktive Autohersteller arbeitet ausschließlich nach den Open-Source- und Crowdworking-Prinzipien. Mit einer Community von mehr als 30 000 Mitgliedern werden in Foren und Wettbewerben – sogenannten Challenges – Design- und Technikprojekte entwickelt. So entstand zum Beispiel Olli, ein autonom fahrender Shuttlebus aus dem 3-D-Drucker. Inzwischen vergeben große Player wie BMW und Airbus Aufträge an Local Motors.

„Die Prozesse in großen Unternehmen sind oft behäbig“, meint Volker Marhold. „Der Markt wandelt sich rasant, doch in den Konzernen gibt es Entwicklungsprozesse über zehn Jahre. Eine flexible, schnell agierende Community erscheint da sehr attraktiv.“

Besteht nicht die Gefahr, dass Konstruktionsaufgaben, die bislang in den Konzernen selbst von Festangestellten ausgeführt werden, ausgelagert werden? „Die Leistung von Local Motors liegt eher auf der konzeptionellen Ebene“, wiegelt Marhold ab. „Die technische Umsetzung liegt immer noch in den Konzernen.“

Sind vernetzte „Crowds“ leistungsfähiger als konventionelle Arbeitnehmer? Ist das Open-Source-Prinzip also eine Zukunftsperspektive für immer größer werdende Bereiche der Arbeitswelt? Dies meint jedenfalls der Arbeitswissenschaftler Ulrich Klotz, der bis vor Kurzem beim Vorstand der IG Metall für Forschungs- und Innovationspolitik zuständig war. Hierarchisch gegliederte Unternehmen würden in der Wissensgesellschaft versagen, meint er. Stattdessen würden neue „Wertschöpfungsnetzwerke“ entstehen, die in Open-Source-Projekten neue Formen der Zusammenarbeit entwickelten. Dort würden die Beteiligten Wertschätzung und gegenseitige Förderung durch fachlichen Austausch erfahren. „Das Open-Source-Prinzip wird nicht nur die Arbeitswelt, sondern die Gesellschaft insgesamt grundlegend verändern“, erwartet Klotz.

Die Beweggründe, Arbeit in die Crowd zu verlagern, können inhaltlicher Art sein, wenn es um Innovation und Weiterentwicklung geht. Es kann aber auch schlicht um Kostensenkung gehen.

Das zeigt ein Blick ans andere Ende der Crowdworker-Szene, wo sich diejenigen tummeln, die man auch Clickworker nennt. Das sind Menschen, die in selbstständiger Tätigkeit über Internet-Plattformen kleine Aufträge ausführen – Produktbeschreibungen schreiben, Datenbanken pflegen oder kleine Recherchen ausführen.

Wie Karin Kneer, die bis vor zwei Jahren eine Keramikwerkstatt geführt hat und danach arbeitslos gemeldet war. Seither kategorisiert sie für verschiedene Webshops Produkte. Mindestens sechs Stunden am Tag, oft auch an Sonn- und Feiertagen. Gefragt sind Konzentration und Sachwissen. „Ich könnte inzwischen auch als Fachverkäuferin arbeiten“, lacht Karin Kneer. Sie schätzt, dass sie im Monat weit mehr als 10 000 Produkte zuordnet. Die Bezahlung erfolgt nach Auftrag, nicht nach Zeit. Je mehr Erfahrung sie hat, desto schneller kann sie die Aufträge abarbeiten.

Über 45 000 Menschen seien auf der Plattform registriert, für die sie hauptsächlich tätig ist. Und das, obwohl die Bezahlung nicht angemessen sei, wie sie sagt: „Ich kann nicht von dieser Arbeit leben.“ Ein Umsatz von 3000 € steht im vergangenen Jahr in ihrer Steuererklärung. „Für die aufgewandte Arbeitszeit ist das sehr wenig“, sagt sie. „So wie das im Moment läuft, kann man sich damit keine berufliche Perspektive aufbauen.“

Rund 2300 Plattformen bieten derzeit Mikroaufträge weltweit im Internet an, rund 65 haben ihren Sitz in Deutschland. „Die meisten Clickworker arbeiten auf mehreren Plattformen, viele haben aber ein arbeitnehmerähnliches Verhältnis zu einzelnen Plattformen“, erklärt Robert Fuß von der IG Metall, der auf der Gewerkschaftswebsite ein Forum für Clickworker eingerichtet hat. „Die Leute sind offiziell selbstständig, das heißt, sie haben keine Ansprüche auf Mindestlohn oder Urlaubstage und müssen ihre Sozialversicherung selbst bestreiten. Außerdem gibt es für sie keine Interessenvertretung.“

Die neuen Arbeitsformen im Zeitalter von Digitalisierung, riesigen Datenmengen und Individualisierung bieten also Chancen und Risiken. Die Risiken sind dabei deutlich größer als die Chancen, sagt Fuß. Das Crowdworking-Prinzip in der Arbeitswelt brauche daher klare Leitplanken, damit sich nicht immer mehr Arbeitnehmer in einem immerwährenden Unterbietungswettbewerb bei Einkommen und Arbeitsbedingungen wiederfinden. 

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