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Dienstag, 12. Dezember 2017

Hochschullehre

Digitale Tools statt trockener Klausuren

Von Wolfgang Schmitz | 16. Februar 2017 | Ausgabe 07

Klausuren spiegeln nicht die Berufsrealität wieder, meint Marc Gennat. Der Professor für Automatisierungstechnik hält Prüfungen an Demonstratoren und mithilfe digitaler Tools für zielführender.

Gennat BU1
Foto: dpa Picture-Alliance/Ulrich Baumgarten

Jede Menge Papier, aber keine Technik. Geht es nach Marc Gennat, richten sich Prüfungen künftig stärker nach dem Berufsalltag.

VDI nachrichten: Herr Gennat, Sie würden Klausuren im Ingenieurstudium an Fachhochschulen gerne abschaffen. Die Mathematik ist die theoretische Basis der Ingenieurwissenschaften. Da bieten sich Klausuren als Instrument zur Leistungsüberprüfung doch an.

Gennat: Ich behaupte nicht, dass Klausuren völlig nutzlos sind. Ich bin überzeugt, dass sie aber nicht die geeignete Form sind, um Studierende berufsfähig zu machen. Studierende lernen oft auswendig, ohne den Sinn des Stoffes zu verstehen. Wir müssen ihnen aber bereits im Bachelorstudium den Weitblick verschaffen, der sie auf Bedürfnisse und Herausforderungen des Berufslebens vorbereitet. Ich komme selbst aus der Industrie und weiß, dass die Praxis andere Fragen stellt als die, die in Klausuren abgefragt werden.

Ausgezeichneter Wissenschaftler

Vielleicht werden in Klausuren schlichtweg die falschen Fragen gestellt.

Klausuren konfrontieren die Studierenden nicht mit komplexen Vorgängen, wie sie in der Praxis an der Tagesordnung sind. Die häufig sehr gekünstelten und zuweilen an den Haaren herbeigezogenen Theorieaufgaben lassen sich oft nach Schema F lösen. Sobald man versucht, in Klausuren Aufgaben aus dem Berufsalltag zu stellen, sind sie entweder so trivial, dass sie nichts mit akademischer Ausbildung zu tun haben, oder so kompliziert, dass sie in einer Klausur nicht zu lösen sind. Wenn Studierende in der Regelungstechnikklausur auf irgendwelchen schönen logarithmischen Papieren dynamische Systeme skizzieren, hat das dann noch etwas mit der Realität des 21. Jahrhunderts zu tun? Eher nicht.

Welche alternativen Möglichkeiten gibt es, Kompetenzen nachzuweisen?

Absolventen werden in ihrem Arbeitsleben früher oder später aus allen möglichen Sensoren alle möglichen Daten abschöpfen müssen, um Prozesse und Maschinen optimal einzustellen oder zu entwerfen. Wer in seinem Studienverlauf darauf vorbereitet wurde, mit digitalen Tools regelungstechnische Lösungen für Maschinen, Raumtemperaturregelungen, Verfahrenstechnik, für Kraft- und Zementwerke sowie für chemische Anlagen zu entwickeln, dem stehen Unternehmenstüren offen. In Kleingruppen lernen unsere Studierenden eben das: mit digitalen Tools realitätsnahe Probleme zu lösen. Und wer einen Regelkreis optimiert und zwei Wochen lang hier und dort noch mehrmals justieren kann, dem prägen sich diese Erfahrungswerte ein. Der Inhalt einer Klausur ist am nächsten Tag überwiegend vergessen und damit leider auch zu oft das verknüpfte Wissen.

Lässt sich in Gruppenarbeit die Leistung jedes Einzelnen trennscharf beurteilen?

Es ist tatsächlich nicht völlig auszuschließen, dass Trittbrettfahrer von den Leistungen der Fleißigen profitieren. Es ist schwierig, diese Leute zu identifizieren. Auch bei der Präsentation der Projekte lassen sich Dampfplauderer nicht immer von den guten Studierenden unterscheiden. Das ist im Berufsleben genauso. Es wäre überlegenswert, sich von jedem Gruppenteilnehmer in einem fünfminütigem Gespräch einen Lösungsansatz erklären zu lassen. Ob das didaktisch machbar ist oder andere Prüfungsformen sinnvoller sind, will ich mithilfe des Fördergeldes, das ich vom NRW-Wissenschaftsministerium und Stifterverband erhalten habe, herausfinden.

Wo holen Sie sich die didaktische Expertise her?

Ich habe Kontakte zu anderen Hochschulen im In- und Ausland geknüpft. In England, den USA und den Niederlanden liegen dazu mehr Praxiserfahrungen als in Deutschland vor. Didaktiker aus diesen Ländern werden mein Konzept auf Herz und Nieren prüfen.

Die 50 000 € aus dem Fördertopf sollen also vor allem in die didaktischen Fragestellungen fließen?

Und in die Demonstratoren, um die Beispiele mit Simulationsanwendungen und Messungen anschaulich realisieren zu können. Die Demonstratoren sollen den Studierenden verschiedene Aufgabentypen stellen können, um Lösungsansätze praxisnah testen zu können.

Wie sieht die Unterstützung Ihrer Hochschule aus?

Daran sollte das Projekt nicht scheitern. Der Vizepräsident für Lehre hat mir finanzielle und ideelle Hilfe zugesagt. Sollte sich das Konzept als tragfähig erweisen, wird es in der Haushaltsplanung berücksichtigt. Die Hochschule ist sehr daran interessiert, die Employability der Studierenden weiter voranzubringen, weil man glaubt, die Anforderungen des 21. Jahrhunderts noch nicht komplett in den Curricula abgebildet zu haben. Da könnte mein Konzept ein Baustein sein.

Hält Ihr Konzept den Akkreditierungsanforderungen stand?

Zwei Wochen sollte die Bearbeitungszeit für ein digitales Projekt sein. Bei der Akkreditierung wird haargenau überprüft, ob die Arbeitsbelastung über das Studium gleichmäßig verteilt ist. Innovative Ideen müssen also der Akkreditierungswirklichkeit entsprechen. Das bedarf exakt getimter Abläufe, bei denen die Studierenden umgehend auf die Hilfe von wissenschaftlichen Betreuern zurückgreifen können. Leider ist unser Personalbudget sehr gering. Feste Stellen zur Aufrechterhaltung unserer Infrastruktur sind massiv beschnitten worden. So können wir etwa Laboringenieure nur noch befristet einstellen. Da wird es auf dem Arbeitsmarkt eng für uns.

Ist Ihr Modell von einer Fachhochschule auf Universitäten übertragbar?

Das zu beurteilen, übersteigt meine Kompetenzen. An Universitäten geht es wohl nicht ohne Klausuren, um theoretisches Wissen abzufragen, das später in der Forschung von Bedeutung sein könnte. Als zusätzliches Lehr- oder Prüfungsangebot könnte es aber Sinn machen. Ich habe selbst als Universitätsabsolvent zwei Monate gebraucht, um von der Theorie auf die Praxis umzuschalten. Diese Phase ließe sich mit praxisnahen Elementen erleichtern.

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