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Dienstag, 12. Dezember 2017

Conrad-Matschoss-Preis

Dissertation mit aktuellem Thema

Von Claudia Burger | 2. März 2017 | Ausgabe 09

Die technikgeschichtliche Auszeichnung des VDI wurde am 2. März in den Kategorien populärwissenschaftlich und wissenschaftlich vergeben. Vier Fragen an den Preisträger Christian Zumbrägel.

Zumbraegel BU
Foto: privat

Christian Zumbraegel ist in der wissenschaftlichen Kategorie ausgezeichnet worden.

VDI nachrichten: Herr Zumbrägel, wie wichtig ist Technikgeschichte für die Gesellschaft?

Zumbrägel: Wir leben in einer Zeit, in der Technik längst nicht mehr als eine abgrenzbare Größe, sondern nur noch als ein integrierter Bestandteil unserer Kultur erfahrbar wird. Dabei haben die zentralen Technikkategorien unserer Tage – ob nun Energie-, Mobilitäts- oder Kommunikationstechnik – eine lange und komplexe historische Entwicklung hinter sich. Die moderne kulturgeschichtliche Technikforschung, wie sie Technikhistoriker heute praktizieren, trägt diesen Wandlungsprozessen Rechnung, indem sie aus historischer Perspektive die komplexen Zusammenhänge zwischen materieller Kultur und sozialen Prozessen erforscht. Sie stellt damit das reflexive Wissen bereit, um die Bedingungen und Konsequenzen der Technisierung moderner Gesellschaften zu verstehen, sodass wir auf die drängenden Fragen unserer Zeit vermittelnd oder beratend reagieren können.

Christian Zumbrägel

Was ist – kurz beschrieben – die Kernaussage Ihrer Arbeit?

Ich setze mich mit der Geschichte der Kleinwasserkraft am Ende des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts auseinander. Dem klassischen Geschichtsbild der Wasserkrafthistoriografie folgend wären die „modernen“ Wasserturbinen spätestens mit dem Übergang ins Zeitalter der (Hydro-)Elektrizität flächendeckend an die Stelle der „alten“ Wasserräder getreten.

Im nutzerzentrierten Zugriff auf das spezifisch Kleine dieser Energietechnik zeige ich, dass diese bis heute verbreitete Einschätzung des technischen Wandels zwar Perzeptionsphänomene der Vergangenheit abbildet; diese Vorstellung aber keinesfalls die kontextgebundenen Prozesse der Technikaneignung und Techniknutzung reflektiert, die die energiewirtschaftlichen Praktiken der Kleinwasserkraftnutzer in jenen Tagen bestimmten.

Entlang zahlreicher Bäche und Flüsse lagen Standortbedingungen vor, die den Besitzern wassergetriebener Mahlmühlen, Sägewerke oder Elektrizitätszentralen mindestens bis in die Zwischenkriegszeit aus ganz praktischen Gründen die Beibehaltung ihrer „alten“ Wasserräder nahelegten. Die Kleingeschichte der Wasserkraft macht damit einen Ausschnitt unserer technischen Kultur in der Moderne sichtbar, der von den dieses Technikfeld lange dominierenden fortschritts- und innovationszentrierten Narrativen bis heute unentdeckt geblieben ist.

Warum sollte man Ihre Arbeit lesen?

Meine Dissertation führt die konstruktiv-technische Entfaltung kleiner hydraulischer Maschinen mit den Anfängen des westdeutschen Talsperrenwesens erstmals in einer Geschichte zusammen. Im Zuge dessen bringt sie lange übersehene Wissensbestände, Expertenmilieus, tradierte Praxen oder auch Technologievarianten der Kleinwasserkraft zum Vorschein.

Im Kleinen lassen sich aber auch generelle Einsichten gewinnen, die die Technik- oder Umweltgeschichte im Allgemeinen interessieren: Mein Ansatz schaut mit neuem Blick auf das Verhältnis von alt und neu und sensibilisiert dafür, dass der Modernes und Traditionelles kombinierende Technikeinsatz vor Ort weit typischer sein konnte, als es die Großgeschichten der Technik gerne beschreiben. Dabei erzähle ich die Geschichte dieser Energietechnik als eine korrelative Geschichte von Mensch, Natur und Technik sowie der nicht intendierten und langfristigen Konsequenzen dieser Beziehungskonstellation. Im technikgeschichtlichen Zugang schließt die Dissertation somit auch an Fragestellungen der modernen Umweltgeschichte an.

Nicht zuletzt sollte meine Dissertation dem an aktuellen Energiethemen interessierten Leser Anregungen bieten.

Im Zentrum der historischen Analyse steht der Umgang einer Gesellschaft mit ihren Energieressourcen. Bereits nach wenigen Seiten sollte deutlich werden, dass die zentralen Energiethemen unserer Tage – Tendenzen der Re-Lokalisierung der Energieversorgung, der Ausbau erneuerbarer Energien oder der umsichtige Ressourceneinsatz – nicht erst im Zuge der sogenannten Energiewende des 21. Jahrhunderts auf die Agenda rückten. Unter ganz anderen energiewirtschaftlichen Voraussetzungen setzten sich schon die Konstrukteure und Anwender der Kleinwasserkrafttechnik um 1900 mit diesen Fragen auseinander.

Was bedeutet Ihnen der Conrad-Matschoss-Preis?

Über die Auszeichnung habe ich mich sehr gefreut. Ich verbinde mit dem Preis aber auch noch etwas anderes. Die Auszeichnung lässt auf ein erhöhtes Interesse der technikgeschichtlichen Forschung schließen, zeitweise marginalisierten Themen, Fragestellungen sowie Phasen im ,Leben‘ der technischen Dinge mehr Gehör zu verschaffen. Meine Dissertation fragt eben nicht – wie lange üblich – nach den spektakulären Neuerungen und Innovationen des technischen Wandels, sondern nach der Beharrungskraft des Alten und Traditionellen. Damit geraten Themen wie Beständigkeit, Wartung und Reparatur in den Blick, die erst im nutzerzentrierten Zugriff auf das Thema vollständig zu durchdringen sind. Diese Perspektivverschiebung hat die jüngere kulturgeschichtliche Technikforschung angestoßen; doch hat sie viele weitere kleine Themen und Low-Technologien des historischen Prozesses noch gar nicht erreicht.

Zum Interview mit Preisträger Marcel Hänggi

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