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Dienstag, 12. Dezember 2017

Ausstellung

Faszination des geringen Widerstands

Von Eckart Pasche | 9. Februar 2017 | Ausgabe 06

Das Zeppelin Museum Friedrichshafen nimmt den Besucher mit auf eine Zeitreise in die Welt der Technik und des Designs.

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Foto: Zeppelin Museum Friedrichshafen/ M. Tretter

Der Auto Union Typ C 008 war der Höhepunkt in der Entwicklung des 1934 erstmals eingesetzten Rennwagens nach der Konstruktion von Ferdinand Porsche.

Die Verringerung des Luftwiderstands führte zu Fahrzeugen auf Straße, Schiene und in der Luft, die durch ihr glattes, ästhetisch-kühles Äußeres als Vorboten einer vermeintlich fortschrittlicheren Welt galten, in der die Technik das Glück bringen sollte. Dies zeigt eine Schau im Zeppelinmuseum.

Formschön

Die Technisierung brachte zu Beginn des 20. Jahrhunderts radikale Umbrüche im gesellschaftlichen Leben. In der bildenden Kunst verherrlichten besonders die Futuristen die Errungenschaften der technischen Entwicklung in einem wahren Geschwindigkeitsrausch. In seinem am 20. Februar 1909 im Pariser „Figaro“ veröffentlichten „1. Futuristischen Manifest“ schwärmte der Italiener Filippo Tommaso Marinetti von der „Schönheit der Geschwindigkeit: Ein Rennwagen, dessen Karosserie große Rohre schmücken, die Schlangen mit explosivem Atem gleichen … ein aufheulendes Auto, das Kartätschen zu laufen scheint, ist schöner als die Nike von Samothrake. Wir wollen den Mann besingen, der das Steuer hält, dessen Idealachse die Erde durchquert, die selbst auf ihrer Bahn dahinjagt“.

Foto: Zeppelin Museum Friedrichshafen/M. Tretter

Auch Alltagsgegenstände jeder Art wie die Brotschneidemaschine von Zassenhaus wurden seit Ende der 1930er-Jahre von Designern mit stromlinienförmigen Stilelementen versehen.

In der Frühzeit der Automobile spielte der Luftwiderstand noch keine Rolle. Sie waren kaum schneller als Pferdekutschen. Geschwindigkeit war nur eine Folge stärker werdender Motoren. Wegbereiter der Aerodynamik waren der an Bedeutung gewinnende Flugzeug- und Luftschiffbau. „Das erste Luftschiff, dessen Form durch Vergleich unterschiedlicher Körper in einem Luftstrom entwickelt wurde, war die von den französischen Offizieren Paul Renard und Arthur Krebs 1884 gebaute ,La France‘“, erinnert Jürgen Bleibler, der als stellvertretender Museumsleiter die Friedrichshafener Ausstellung kuratiert hat. Schauplatz dieser frühen Strömungsuntersuchungen war die Luftschiffhalle in Meudon bei Paris, das erste luftfahrtwissenschaftliche Forschungsinstitut der Welt. In Berlin folgte 1906 die Motorluftschiff-Studiengesellschaft.

Auch in Friedrichshafen wurden zur aerodynamischen Windkanalforschung wichtige Beiträge geleistet. Auslöser war der Bau der Zeppelinluftschiffe. „Die großen Zeppeline der 1930er-Jahre waren mit ihren eleganten Formen und ihrem schwerelosen Schweben die populärsten Botschafter der Stromlinienästhetik und der Modernität des Verkehrswesens“, schwärmt Bleibler. Von ihnen entlehnten stromlinienförmige Eisenbahnfahrzeuge, Automobile und aerodynamisch ausgefeilte Ganzmetallflugzeuge ihre Silhouette. Im Sport werden nicht nur Bobschlitten oder Rennräder im Windkanal immer weiter verfeinert, sondern auch der menschliche Körper und seine Bewegungsabläufe.

Der Besucher beginnt die Zeitreise in den 1920er- und 30er-Jahren. Die Friedrichshafener Ausstellung der Windschnittigkeit zeigt rund 100 Exponate. Darunter spektakuläre Luftschiffe und Eisenbahnmodelle, aber auch normale Haushaltsgegenstände wie Toaster, Radios, Bügeleisen, Feuerzeuge und eine Mausefalle in „schnittigem“ Design.

Der Schwerpunkt liegt jedoch eindeutig bei den Fahrzeugen: Zahlreiche historische Automobile von den legendären Silberpfeilen bis zu Kultwagen der 1970er-Jahre lassen technische Entwicklung und optische Wirkung eindrucksvoll nacherleben.

Foto: Archiv der Luftschiffbau Zeppelin GmbH

Das Luftschiff LZF 129–0503 wurde 1936 in Friedrichshafen für den Nordatlantikdienst gebaut.

Zu sehen ist unter anderem der Horch 930 S von 1939, der dank Aerodynamik mit 92 PS eine Geschwindigkeit von 170 km/h bei einem Treibstoffverbrauch von 18 l erreichte. Eine weitere Attraktion ist die BMW 750 von Ernst Henne aus dem Jahr 1931, die im Windkanal der Luftschiffbau Zeppelin GmbH in Friedrichshafen ihren letzten Schliff für den Motorrad-Geschwindigkeitsweltrekord bekam.

Auch das Coupé BMW 328 Touring, mit dem Henne fünf Jahre später in Le Mans siegte, gehört in diese Stromlinien-Epoche – ebenso wie der Tatra 87. Präsentiert werden außerdem ein halbes Dutzend Windkanalmodelle von Autos. Neuere Ausstellungsstücke sind der Opel GT Dieselrekordwagen und der Mercedes C 111/3 aus den 1970er-Jahren.

Heute leistet sich kein Hersteller mehr ein neues Modell mit hohem Luftwiderstandsbeiwert cW. Hohe Treibstoffpreise und Gewichtszunahme durch Ausstattung und Größenwachstum verlangen als Gegenmittel Feinarbeit im Windkanal.

Der zurzeit niedrigste cW-Wert eines Serienautos liegt bei 0,22 für den Mercedes-Benz CLA. In der Prototypentwicklung sind die Ingenieure schon weiter, so weist das Mercedes Concept Car IAA einen cW-Wert von 0,19 auf. Schon 1939 konnte das „Göttinger Ei“ diesen mit nur 0,15 unterbieten.

Doch Vorbilder aus der Natur sind bisher unerreicht: So kommt ein Pinguin auf stolze 0,03. 

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