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Donnerstag, 16. November 2017, Ausgabe Nr. 46

Donnerstag, 16. November 2017, Ausgabe Nr. 46

Wissenschaft

Forschung im postfaktischen Zeitalter

Von Wolfgang Schmitz | 27. Juli 2017 | Ausgabe 30

„Alternative Fakten“ setzen Forscher unter Erklärungs- und Aufklärungsdruck.

Foto: HwaJa-Götz

Johannes Vogel: „Wissenschaft muss raus in die Öffentlichkeit.“

In der Türkei werden unliebsame Professoren aus dem Verkehr gezogen und eingesperrt, in den USA unbequeme Erkenntnisse mit „alternativen Fakten“ von heute auf morgen weggewischt. US-Präsident Donald Trump hält die Klimaerwärmung für ein Hirngespinst. Die nationalkonservative polnische Regierung schasste 2016 die Leiterin des Polnischen Instituts in Berlin, weil sie sich intensiv mit dem Leben von Juden in Polen beschäftigte.

„Dem deutschen Wissenschaftssystem geht es insgesamt gut. Aber solche Probleme rücken immer näher an uns heran“, sagte Peter Strohschneider, Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft, bei der Diskussion „Verteidigt die Aufklärung!“ der Zeit-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius in Berlin. „In Deutschland ist längst nicht alles in Ordnung“, fügte der Potsdamer Klimaforscher Stefan Rahmsdorf an. „Aberwitzige Anmerkungen“ zum Klima tauchten in den Medien immer wieder auf. „Da herrscht Narrenfreiheit, alles geht als Meinung durch. Die irreführende Meldung, es habe in den vergangenen 15 Jahren keine Erderwärmung gegeben, verzeichne bei einer großen deutschen Tageszeitung die meisten Klicks. Das sei beunruhigend, zeige aber auch das steigende öffentliche Interesse an Wissenschaft.

Die Forschung vergesse zuweilen, dass sie einen öffentlichen Auftrag habe, grantelte Johannes Vogel, Generaldirektor des Museums für Naturkunde Berlin. Es sei bemerkenswert, das Wissenschaft „so etwas wie Trump braucht“, um festzustellen, dass sie eine Bringschuld gegenüber der Gesellschaft habe. „Wissenschaft erklärt sich nicht genug. Sie muss zur demokratischen Wissensbildung beitragen.“ Forscher sollten mit dem Vergnügen an ihrer Arbeit nicht im Elfenbeinturm verharren, sie sollten Vertrauen aufbauen, sich offen und diskursfähig zeigen. „Ich bin für die Aktion, Wissenschaft muss raus in die Öffentlichkeit. Wir müssen mit neuen Formaten experimentieren, um so die Bürger zur konstruktiven Kritik zu befähigen.“ Ähnlich sieht es Sabine Kunst, Präsidentin der Berliner Humboldt-Universität. Die Ehrfurcht vor der Forschung sei geschrumpft, die Emotionalisierung gestiegen. Foren, Blogs und Videos, kurz: Open Science, böten die Gelegenheit, Wissenschaft verständlich zu übersetzen und aufzuklären.

Lorraine Daston, US-Amerikanerin und Direktorin am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte, mahnte, die Entwicklung in ihrer Heimat nicht nur als postfaktische Showeinlage des Präsidenten zu betrachten. „80 % sind Theater, 20 % sind todernst. Daten verschwinden oder werden verdrängt. Das bedroht das ganze System.“

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