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Mittwoch, 13. Dezember 2017

Ausstellung

Frau Schneider lacht

Von Peter Steinmüller | 20. April 2017 | Ausgabe 16

Die Geschichte der Fotografie ist auch die Geschichte der Emanzipation des Modells vom Fotografen. Das zeigt eine Ausstellung in Wien.

S38 BU Romy
Foto: Albertina, Wien © Will McBride Estate/Berlin

Romy Schneider im Jahr 1964: Will McBride porträtierte die Schauspielerin an einem Wendepunkt ihres Lebens.

Bild für Bild sieht der Betrachterdie Rückenmuskulatur des durchtrainierten Athleten arbeiten, wenn der Gewichtheber die Langhantel über seinen Kopf stemmt. Zu sehen ist diese Fotoserie zurzeit in Wien. Das Kunstmuseum Albertina zeigt unter dem Titel „Acting vor the Camera“ rund 120 Werke aus der eigenen Fotosammlung.

Acting for the Camera

Im Fokus stehen die vielfältigen Formen von Inszenierungen der Modelle für die Fotokamera. Dabei wird deutlich, wie sich mit dem technischen Fortschritt die Menschen vor der Kamera immer stärker von den Anweisungen der Fotografen emanzipieren und ihre eigenen Vorstellungen einbringen.

Der anonyme Athlet steht am Anfang der Entwicklung und damit der Ausstellung. Er arbeitete auf Anweisung von französischen Ärzten, die Bewegungsabläufe fotografisch erfassen ließen, um Bewegungsmuster gesunden und kranken Menschen zu vergleichen.

Der Fotograf Albert Londe entwickelte dafür Kameras mit neun und später zwölf Objektiven, die elektromagnetisch in ganz kurzen Abständen ausgelöst wurden. Ein zwischengeschaltetes Metronom sorgte für den präzisen zeitlichen Abstand zwischen den Aufnahmen. Auch Maler und Bildhauer nutzten solche Bilder, um Bewegungsabläufe in ihren Darstellungen abbilden zu können.

Für die Selbstinszenierung nutzte dagegen der Bildhauer Hans Gasser die Fotografie in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Sein Porträt ist eine Daguerreotypie. Bei diesem Verfahren dauerte das Belichten auf eine spiegelblanke Metalloberfläche eine halbe Minute oder länger, das Modell musste so lange stillhalten. Entsprechend statisch wie ein Gemälde wirkt das Foto von Gasser, der sich beim Bearbeiten einer Statue mit Hammer und Meißel abbilden ließ.

Als zu Beginn des 20. Jahrhunderts der Ausdruckstanz populär wurde, drehte sich das Verhältnis zwischen Modellen und Fotografen um: Die Tänzer inszenierten sich selbst im Kostüm und die Fotografen fertigten die Fotos nach den Vorstellungen ihrer Kunden. In Wien entstand dabei eine kreative Zusammenarbeit zwischen den Stars der Kulturszene und namhaften Fotografen. So schaffte Anton Josef Trcka im Jahr 1914 ein ausdrucksvolles Porträt des expressionistischen Malers Egon Schiele, der sich dafür mit Denkerstirn und kunstvoll verschränkten Händen in Pose warf.

Foto: Anton Josef Trka © Albertina, Wien

Denkerpose: Das Porträt des Malers Egon Schiele orientiert sich an dessen expressionistischem Kunststil.

Künstlerisch in die gleiche Richtung weisen die Aufnahmen des Schauspielers Conrad Veidt, der sich für seine Rolle als willenloser Mörder in dem Filmklassiker „Das Cabinet des Dr. Caligari“ in Szene setzen ließ. In Beleuchtung, Styling und den ausdrucksvollen Gesten dokumentieren die vom Fotografen Franz Xaver Setzer gemachten Aufnahmen die Stilmittel des expressionistischen Films der 1920er-Jahre.

Dass sich Schauspieler in jener Zeit in der von ihnen bevorzugten Maske und Pose fotografieren ließen, trug nicht nur zur Emanzipation der Modelle, sondern auch der Frauen bei: Neben Setzer gehörten mit Madame d’Ora und Trude Fleischmann zwei Frauen zu den bedeutendsten Fotografen in Wien.

Wie Fotograf und Modell gemeinsam ein herausragendes Werk schaffen, zeigen die Porträts von Romy Schneider: Im Herbst des Jahres 1964 trat sie vor die Kamera von Will McBride. Schneider hatte eine existenzielle Krise durchlitten, als Alain Delon sie verließ und sie nur mit Mühe im internationalen Filmgeschäft Fuß fassen konnte, wo sie ihrem Sissi-Image entfliehen wollte. McBride wiederum krempelte gerade mit seinem authentischen Stil den Fotojournalismus um. Vor seinem Objektiv zeigt sich Schneider als verführerische, verletzliche und in sich gekehrte Persönlichkeit, die voller Lebensfreude mit dem Betrachter flirtet.

Vom stocksteifen Bildhauer Hans Gasser bis zur exaltierten Romy Schneider – die Ausstellung in Wien demonstriert die ganze Bandbreite an Ausdrucksmöglichkeiten, die Modellen in der Geschichte der Fotografie zur Verfügung standen.

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