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Donnerstag, 14. Dezember 2017

Berufswege

Freiheit auf Reisen

Von Sebastian Wolking | 15. Juni 2017 | Ausgabe 24

Digitale Nomaden träumen von Freiheit, landen aber oft auf hartem Boden der Realität.

Digitale Nomaden BU
Foto: Wolking

Bis auf den letzten Platz war das Funkhaus in Treptow-Köpenick besetzt. Digitale Nomaden und solche, die es werden wollen, lauschten den Stars der Szene.

Heute Spanien, morgen Thailand, übermorgen Costa Rica. Digitale Nomaden reisen mit Laptop unter dem Arm um die Welt und arbeiten selbstbestimmt, frei, unabhängig. Die Szene feiert sich auf der „Digitale Nomaden Konferenz“ selbst. Für manche ist das Modell tatsächlich eine Goldmine, für die meisten eine unerfüllte Sehnsucht. Schaffen digitale Nomaden in Wahrheit mehr Probleme, als sie lösen?

Einstieg ins Nomadenleben

Jennifer Lachs kommt aus München. Dort hat sie Chemie studiert, erst den Bachelor, dann noch einen Master drangehängt. Dann promovierte sie am renommierten Imperial College in London. Das war 2013, eine Karriere in der Wissenschaft schien vorgezeichnet. Nach zehn Jahren im Labor aber habe es Klick gemacht. „Ich wusste, ich will das nicht mehr machen.“ Stattdessen wollte sie nur noch eines: Reisen. „Jeder hat mir davon abgeraten. Es sei ein Riesenfehler, den ich da machen würde“, erinnert sie sich an die Reaktionen ihres Umfelds. „Ich würde meine Karriere ruinieren, ich könnte nie wieder zurückkommen. Es wäre vorbei mit der Forschung.“

Südamerika, USA, Australien, Karibik: Lachs verabschiedete sich dennoch mit ihrem Freund und ging auf Weltreise. „Wir haben uns entschieden, unseren Laborkittel gegen einen Rucksack einzutauschen.“ Unterwegs gefiel es ihnen so gut, dass sie ihre Reiselust fortan mit Erwerbsarbeit verbinden wollten. Seit zwei Jahren ist Jennifer Lachs nun das, was man als digitale Nomadin bezeichnet. „Für mich bedeutet das, ortsunabhängig zu arbeiten. In Freiheit.“ Lachs übersetzt, schreibt Artikel über Suchmaschinenoptimierung, erstellt Webseiten. Sie hat kein festes Einkommen und keinen festen Arbeitgeber. Sie ist ihre eigene One-Woman-Show.

Lachs ist ein Frischling in der Nomaden-Community und hält ihren ersten Vortrag auf der Digitale Nomaden Konferenz, die vor einigen Tagen zum dritten Mal über die Bühne ging.

Rund 1000 Gleichgesinnte haben sich im Funkhaus Berliner Bezirk Treptow-Köpenick eingefunden. Die meisten angehenden Nomaden träumen von einem Leben als Blogger, Fotograf, Podcaster, Youtuber oder Social Media Manager. Als solcher bucht man sich einfach in einem der vielen Coworking Spaces, die weltweit aus dem Boden sprießen, für einen moderaten Betrag einen Schreibtisch plus WLAN. Mehr braucht ein Nomade nicht. Coworking Spaces sind die Blutbahn der Nomadenszene, der Puls schlägt auf Bali. Heute trifft man sich ausnahmsweise in Berlin.

Der Saal ist bis auf den letzten Platz gefüllt, die Menge euphorisiert. „I choose freedom“ steht auf den T-Shirts, die hier verteilt werden. Der typische Digitalnomade isst vegan, praktiziert Yoga, wirft mit Denglisch-Vokabeln nur so um sich und liest Selbstverwirklichungs-Papst Tim Ferriss, den Autor der „4-Stunden-Woche“. Das bedingungslose Grundeinkommen ist hier breiter Konsens, das Angestelltendasein der pure Horror, auch eine Prise Kapitalismuskritik kommt beim Publikum immer gut an.

Dabei sind digitale Nomaden keine Aussteiger. Sie schmiegen sich an das System an und machen es sich gefügig. So wie Connie Biesalski. Sie ist so etwas wie der Pop-Star der digitalen Nomadenszene. Seit 2012 betreibt die 33-Jährige ihren Backpacker-Blog, reist von Kontinent zu Kontinent, teilt Tipps rund ums Reisen mit ihrer Leserschaft. Und die ist zahlreich. Alleine im Januar 2017 lockte sie rund 150 000 Nutzer auf ihre Seite.

Biesalski hatte ihr Backpacker-Portal 2012 mit dem erklärten Ziel gestartet, 1000 € im Monat zu verdienen. „Bescheiden, aber mehr brauchte ich nicht zum Leben“, schreibt sie rückblickend. „Heute ist es fast das Zehnfache.“ Sie verdient nach eigenen Angaben hauptsächlich mit Affiliate-Marketing (internetgestützter Vertrieb), Sponsored Posts und Werbung auf ihrem Blog. Und sie gibt Online-Kurse für Nachahmer, die das Bloggen ebenfalls zum Broterwerb machen wollen. Alleine für ihr E-Book, das sich genau um diese Frage dreht, habe sie fünf Tage nach Erscheinen schon fast 30 000 € eingenommen.

Ohnehin hat sich eine Beratungsindustrie gebildet, die so vielen Menschen wie möglich den Traum vom Leben als Dauerweltreisender verkaufen will. Da wäre Robert Gladitz. Der 26-jährige Berliner ist Youtuber, hat sich in den Kopf gesetzt, „bis zum Jahr 2021 rund 1 Mio. junge Menschen auf dem Weg zu einem selbstbestimmten Leben zu unterstützen“. Schaut man sich im Funkhaus um, scheint dieses Vorhaben gar nicht unrealistisch. Gladitz verkauft Online-Kurse über Youtube-Strategien für über 200 €. Er bittet andere Nomaden zum Interview, bündelt die Gespräche und verkauft das Paket ab 169 € aufwärts. Ein anderer Kurs nennt sich „Awesome Formel“. Auf seinem Youtube-Kanal rechnet Gladitz vor: 181 Menschen haben sich angemeldet und für einen Umsatz von etwa 33 500 € gesorgt. Davon müssen lediglich Kosten in Höhe von 1600 € abgezogen werden. Ein sehr solides Ergebnis.

Gladitz ist ein Nomade, der die Betriebsanleitung fürs Nomadentum an Gleichgesinnte verkauft, damit diese das Geschäftsmodell aufgreifen und weiter verkaufen können. Das Prinzip erinnert an ein Schneeballsystem, die Berliner Konferenz ist eine Traumfabrik, in der Blasen in die Luft gepustet und für viel Geld verkauft werden.

Denn als Nomade reich zu werden schaffen nur die wenigsten. „Im ersten Monat, das war im Juli 2015, hab’ ich 297 $ damit verdient“, erinnert sich Jennifer Lachs. Nicht mal an ihrem Standort in Chiang Mai, Thailand, reiche das zum Leben. 28 suchmaschinenoptimierte Artikel habe sie damals über Büroeinrichtungen verfasst. Ihr letzter Einkommensreport stammt aus dem Januar 2016, in dem sie genau 1033 $ als Social Media Managerin, Website-Designerin und Ghostwriterin eingenommen hat.

Und das ist gar kein so schlechtes Ergebnis. Denn viele Nomaden steigen als Crowdworker ein, nehmen über Freelancer-Marktplätze im Internet Mikro-Jobs an. Eine Studie der Hans-Böckler-Stiftung kam 2016 zu dem Ergebnis, dass „diejenigen Crowdworker, die ihr Haupteinkommen durch die Arbeit in der Crowd erzielen, damit im Durchschnitt ca. 1500 € pro Monat verdienen. Dabei kann die wöchentliche Arbeitszeit bis zu 80 Stunden betragen. Für Sozialversicherung, Steuern und Altersvorsorge müssen Crowdworker und digitale Nomaden auch noch aufkommen. Oder sie machen es wie Conni Biesalski, die sich aus Deutschland abgemeldet und in Hongkong wieder angemeldet hat, um Steuern zu sparen.

Die Reise-Passion der Nomaden hat aber noch einen weiteren Haken. Flugreisen sind das klimaschädlichste Fortbewegungsmittel unter der Sonne. Ein Flug auf die Malediven und zurück verursacht 5 t CO2 und damit so viel wie eine Fahrt über 30 000 km mit dem Mittelklassewagen. So rechnet es das Umweltbundesamt (UAB) vor. Das passt so gar nicht zu dem Bild, das auf der Konferenz vermittelt wird: eine Community mit Ökogewissen, nachhaltig, verantwortungsbewusst, bio, vegan, bewusst. Die Lebensweise digitaler Nomaden ist in Wahrheit ökologischer Wahnsinn.

Und sogar die Verheißung vom Paradies am anderen Ende der Welt entpuppt sich nicht selten als unerfüllbares Versprechen. „Irgendwann wird es einsam“, so Jennifer Lachs über das Leben als Solo-Entrepreneur. Sogar Superstar Biesalski erzählt davon, wie sie nachts unter Balis Sternenhimmel liegt und kreuzunglücklich ist. Nomadentum ist weder Geld- noch Glücksgarantie. „Es ist nicht das Ende des Regenbogens“, so Biesalski. Als digitaler Nomade rettet man also keineswegs die Welt – und vielleicht nicht mal sich selbst. ws

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