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Dienstag, 12. Dezember 2017

Ausstellung

Geheimnisverrat im Kinderzimmer

Von Stephan W. Eder | 27. Juli 2017 | Ausgabe 30

Die Bonner Bundesnetzagentur zeigt, was in Deutschland alles an ungeeigneten elektronischen Produkten anlandet. Ein Lehrstück auf 20 m2.

w - Marktüberwachung BU
Foto: Bundesnetzagentur

Die Puppe Cayla zog die Bundesnetzagentur 2016 im Rahmen ihrer Marktüberwachung aus dem Verkehr. Sie verletzt das Telekommunikationsgeheimnis. Eine Ausstellung in Bonn macht das Thema greifbar, warum Produkte verboten werden.

Wir sind schon etwas überrascht über die Resonanz“, sagt Michael Reifenberg. „Wir hatten sogar eine Anfrage aus Münster, ob die Ausstellung am Wochenende geöffnet hat.“ Hat sie nicht (Öffnungszeiten s. Fußnote).

Reifenberg ist Pressereferent in der Bundesnetzagentur in Bonn und schaute am Freitag letzter Woche auf den Start einer Ausstellung vier Tage zuvor zurück, die sich auf gerade mal geschätzten 20 m2 präsentiert. Sie hört auf den Namen „Ausstellung zur Marktüberwachung der Bundesnetzagentur“.

De facto ist es eine Art kleiner Messestand der besonderen Art im Foyer der Behörde. Immer wieder betreten einzelne Besucher das Gebäude und betrachten die fünf Vitrinen mit Elektronikprodukten. Die Behörde hat damit wohl einen Nerv getroffen.

Nur: Woran liegt es? „Marktüberwachung“ – klingt nicht sonderlich reizvoll. Ist aber ein brisantes Thema. „Schon in den letzten Jahren war unsere Marktüberwachung daran beteiligt, rund eine halbe Million Produkte jährlich aus dem Verkehr zu ziehen, aber 2016 war es mehr als 1 Mio.“, erläutert Reifenberg. Mit ein Grund, warum es zu der Ausstellung kam.

Marktüberwachung beschäftigt sich also mit verbotenen Dingen, in diesem Fall Produkten. Und das ist interessiert. Die Bundesnetzagentur ist immer dann zuständig, wenn elektronmagnetische Felder ins Spiel kommen und wenn es um die Telekommunikation geht.

Fackelt also eine schaltbare Steckdose ab, ist das nicht zwingend Sache der Behörde; handelt es sich aber um eine solche mit Funkfernsteuerung, dann landet sie schon mal in der Vitrine der Ausstellung. Der festgekokelte Schukostecker in der Platine zeugt vom unliebsamen, vorzeitigen Ende des Exponats.

Foto: Bundesnetzagentur

Störsender wie das schwarze Radio (unten im Bild) spürt die Bundesnetzagentur bei der Marktüberwachung auf.

Oder die Puppe namens Cayla, die bis Ende letzten Jahres in Deutschland vertrieben wurde. Die hört ihre Umgebung ab. Ganz im Sinne von Eltern zum Beispiel, wenn diese wissen wollen, ob man weiter unbesorgt bei Nachbars drei Ecken weiter einen gemütlichen Abend haben darf.

Dumm nur, wenn diese Daten per Funk nicht nur an die Eltern, sondern auch noch gleich an den Hersteller gehen. „Verletzung des Telekommunikationsgeheimnisses“ diagnostizierten die Experten der Agentur und untersagten den Vertrieb.

Die Materie ist knifflig, das zeigt der Fall „Cayla“. Denn wenn in der Nase eines Teddys oder in einem Wecker eine Minikamera zur Überwachung steckt, die dabei erhobenen Daten aber nur auf einen im Gerät befindlichen Speicher schreibt – dann ist das Gerät nicht das Problem, sondern seine Anwendung: Im Kindergarten wäre der Teddy als Videospion nicht erlaubt, im eigenen Kinderzimmer bleibt es Sache der Familie. Aber das wäre nicht Sache der Agentur.

Jedem Exponat liegt ein kleiner Zettel bei, warum es dieses Produkt in eine der Vitrinen geschafft hat. Nicht immer können die Hersteller etwas dafür: Das Funktelefon aus japanischer Produktion ist ordnungsgemäß für den asiatischen Markt hergestellt. Der Hersteller hat alles richtig gemacht. Nur sein Besitzer nicht. Der führte das Gerät in die EU ein – und dort sind die Frequenzen, auf denen das Gerät in Asien problemlos funken darf, für den UMTS-Mobilfunk reserviert. Betrieb untersagt.

Die Ausstellung macht klar, wie vertrackt und wie wichtig die Causa „Marktüberwachung“ ist. Sich die Exponate anzusehen und zu begreifen, warum sie jeweils vom Markt genommen oder eingezogen wurden, bietet manches Aha-Erlebnis. In Zeiten des weltweiten individuellen Warenverkehrs reicht es nämlich nicht, darauf zu achten, ob das Produkt ein CE-Kennzeichen hat oder ob eine deutsche Bedienungsanleitung dabei ist.

Die Bundesnetzagentur leistet mit der Ausstellung ein Stück aufklärerischer Kärnerarbeit. „Ein Nutzer kann nicht in jedem Fall selbst erkennen, ob sein Gerät den Anforderungen entspricht oder nicht“, weiß Reifenberg.

Sehr trickreich wird es, wenn ein Gerät sich im laufenden Betrieb von einem ordnungsgemäßen Gerät in ein verbotenes verwandelt. „Es passiert, dass in der Elektronik Bauteile ihren Dienst aufgebeben, die für die Schirmung bestimmter Frequenzen zuständig sind.“ Funktionieren sie nicht, mutieren die Geräte zum Störsender.

„Das merken die Nutzer oft gar nicht“, sagt Reifenberg. Aber die Nachbarn. Oder ein Flughafenbetreiber. Oder die Mobilfunkunternehmen. Falls die Funkstörungsannahme der Bundesnetzagentur davon erfährt, schickt sie eines ihrer 64 Funkmess- oder 13 Peilfahrzeuge vor Ort und versucht herauszufinden, wo die Störung verursacht wird.

„Das ist manchmal nicht so einfach“, sagt Reifenberg, „wenn die Kollegen dann vor einem mehrstöckigen großen Wohnblock stehen.“ Dann gehen die Messtechniker von Stockwerk zu Stockwerk und versuchen die Störquelle einzugrenzen. Die Ausstellung zeigt ein Radio, das so zum Störsender wurde.

„Die Mitarbeiter unserer Marktüberwachung freuen sich über das große Interesse an ihrer Arbeit“, weiß Reifenberg. Wer die Ausstellung sehen will, der sollte eine halbe Stunde einplanen. Der Stand wandert Ende August nach Berlin ins Bundeskanzleramt zum Tag der offenen Tür, weitere Termine sind geplant (s. Fußnote).

Ausstellung zur Marktüberwachung der Bundesnetzagentur: 18. 7. 17 bis 18. 8. 17, Mo–Fr 10 Uhr bis 15 Uhr, Tulpenfeld 4, 53113 Bonn. Weitere Termine unter:http://www.bundesnetzagentur.de/wanderausstellung

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